Kein Bezug

Ich weißt nicht, findet ihr es besser, wenn ich in den Titel in Klammern meinen Namen oder den Anfangsbuchstaben meines Namens reinschreibe? Irgendwie stört mich das extrem, ich lass das…

Zu euren Kommentaren tut es mir so leid, und gleichzeitig kriege ich total den innerlichen Stress und Druck. Weil ihr habt so viel geschrieben und ich k.a.n.n. einfach nicht darauf antworten oder eingehen, schon gar nicht auf jeden Einzelnen, ich müsste sowieso überall dasselbe antworten: Ich habe leider selber keine Ahnung.

Ich habe wirklich k.e.i.n.e Ahnung. Aber ich habe die Kommentare gelesen und ich weiß nicht, ob ich mich bedanken oder mich entschuldigen soll dafür, dass ihr euch Gedanken um mich-uns macht…

Gestern überkam mich am Abend echt so wieder das Gefühl, also so, so, so unendlich stark: Ich will einfach nicht mehr leben. Es ist wirklich immer dasselbe. Ich bin weg, ich bin da, und dann ist alles anders. Menschen um mich herum, die mir nicht ein bisschen vertraut sind, die ich nicht einmal wirklich um mich haben mag. Dann Freunde die meine Freunde sein „müssen“, weil sie es ja offensichtlich sind, ich aber ständig nur an Melly oder manchmal Bay denke (wobei ich von ihr eher enttäuscht bin, weil für sie bin ich scheinbar nur eine Freundin, wenn ich mit ihr zusammen abnehme, sonst hat sie nie Zeit für mich und meldet sich auch so gut wie nie), aber wirklich bei meinen jetzigen „Freunden“ bin ich nicht, wenn sie mich besuchen. Ich will lieber zu Melly in den Stall, wieder dort mit ihr rumblödeln, ihr helfen und am Abend übernachten. Aber das war halt alles 2016/2017 und nicht jetzt. Ich habe keine Ahnung in was für einer Beziehung ich im Moment mit Melly stehe.

Ich bin einfach nur traurig. Ich will auch einfach nur wieder zurück in mein Apartment. Ich habe keine Lust mehr. Ich komme auch einfach kein bisschen hier an. Also in diesem Jahr. Ich f.i.n.d.e auch nicht den geringsten Bezug zu irgendwem. Ich habe gar nicht die Möglichkeit da Beziehungen aufzubauen, oder vielleicht will ich das auch gar nicht. Wenn ich darüber nachdenke, dann will und könnte ich eigentlich von morgens bis abends nur durchheulen, weil mir die Zeit und alle Kontakte und Beziehungen weggenommen wurden. Sogar mein „Zuhause“, auch wenn das Apartment nur von der Jugendhilfe war, aber trotzdem!

Ich weiß nicht, was ich weiter schreiben soll. Wenn ich jetzt nicht wüsste, dass ich seit kurzem erst in einem neuen Reitstall bin und mir da mein eigenes Neues aufbauen kann und „ganz von vorne“ anfangen kann, (und wenn ich Jimmy nicht hätte), würde ich jetzt glatt, einfach so, jetzt sofort, aufstehen – und zur Echelsbacherbrücke fahren und springen. Weil ich in meinem Leben nicht den geringsten Sinn finde. Ich habe einfach alles verloren. Alles, alles, alles. Freunde, Zuhause und Familie. Eigentlich so die Grundbausteine was ein Mensch zum Leben braucht. Ich habe zu n.i.c.h.t.s hier Bezug. Zu nichts und niemandem.

Muss jetzt aufhören weil jetzt unsere Mitbewohnerin S. kommt. Und ganz scheinbar haben wir zu ihr auch eine Art freundschaftliches Verhältnis. Zumindest verhält sie sich so. Und weil ich mich nicht wie ein ignoranter Arsch verhalten will, spiele ich das mit und höre jetz auf zu schreiben..

Lora

Erinnerungen kommen zurück (L)

Also gut, jetzt bin ich alleine und konnte mich ein bisschen sortieren. Erst habe ich mich in meinem Zimmer an den Schreibtisch gesetzt und unser Tagebuch aufgeschlagen – also das von Jonna, Kali, Toni, Kayla und mir. Ich wollte erst da meine Gedanken zusammenfassen, dann hatte ich plötzlich einen Ohrwurm von Down und wie ein „Wuschhh“ sind mir plötzlich alle Erinnerungen eingefahren. Ich habe Frau Blume (der neuen Therapeutin) den Konsiliarbericht gegeben. Ich weiß aber absolut nicht, was daraus nun wurde. Sie hat den sicher so angenommen. Ich konnte mich erinnern, dass ich ihn eigentlich n.i.c.h.t abgeben wollte, weil mich ihr „mit welchem Anteil sind Sie heute da“ so genervt hat. Aber in meiner letzten greifbaren Erinnerung habe ich ihn doch abgegeben.

Und ich kann mich tatsächlich sogar erinnern, dass ich in irgendeiner Erinnerung plötzlich vor ihr saß. Ich weiß nicht einmal, ob das ein Traum war oder ob es wirklich passiert ist. Ich saß einfach plötzlich auf diesem Stuhl in ihrer Praxis. Allerdings nicht dort, wo ich sonst sitze-saß, sondern auf dem gegenüber. Und sie saß also auf meinem Platz. Ich war verwirrt, total durcheinander. Sie fragte wer da ist, deutet auf die Karte… irgendwann fiel mein Name, ich nickte, sie sagte: „Oh, wir haben uns aber schon länger nicht mehr gesehen“ und da hört meine Erinnerung wieder auf. Diese Sequenz ist aber sooo wabernd, dass ich mir eben wie gesagt nicht einmal sicher bin, ob ich das vielleicht nicht sogar bloß geträumt habe. Der Tag an dem ich den Konsiliarbericht abgegeben habe, da war ich mit der Sekretärin vom Direktor bei Frau Blume und ich weiß noch wie sie mir sagte, dass sie mir schon raten würde den Konsiliarbericht abzugeben, wir ihr doch eine Chance geben sollen, vielleicht ist sie am Ende gar nicht so blöd wie ich im Moment denke. Und ich glaube, an dem Tag war ich mir ihr sogar nach der Therapie noch in einem Bioladen Kaffee trinken. Wobei… nein, da hatte ich den Bericht noch gar nicht abgegeben. Da hatte ich ihn einfach wieder mitgenommen. Oder irgendwie so.

Puh. In der Hundeschule war ich zuletzt auch noch. Ich habe so ein Lob bekommen und das tat so gut.

Wie auch immer. Ich bin immer noch ein bisschen verwirrt, kann nicht glauben, dass mir schon wieder Zeit fehlt und mir schon wieder alles wie durch die Finger gleitet. Als könnte ich nach nichts greifen. Ich glaube, nächsten Donnerstag habe ich wieder Therapie. F.a.l.l.s ich da noch da bin. Irgendwie weiß ich nicht, ob ich da hinmöchte. Wenn ich mir vorstelle, sie fragt mich wieder, mit welchem Anteil ich da bin, wird mir ganz anders zumute. Ich weiß nicht, wieso diese Frage so eine Antipathie bei mir auslöst. Aber ja, die Sekretärin, ich nenne sie mal… *Bina? hat Recht. Ich sollte ihr eine Chance geben und zuletzt hatte ich ihr ja den Bericht abgegeben. Ich hoffe nur, das war kein Fehler. Ich war ja sicher zwischenzeitlich auch in Therapie bei ihr. Ich frage mich, was wir mittlerweile erreicht haben. Wieso kann ich mich einfach nicht erinnern? Das ist so anstrengend!

Ich habe auch völlig neue Kontakte im Handy. Irgendwelche Mädchen die ich nicht kenne, oder neue Männernamen. Ich bin noch echt überfordert und ich habe eigentlich keinen Nerv alles durchzulesen – ich mag es auch überhaupt nicht die ganzen vergangenen Einträge durchzulesen, ich kann mir ja ohnehin nichts davon merken. Es ist nur anstrengend und nervig.

Ständig neue Menschen. Ich möchte eigentlich nur Melly und Bay um mich haben, so wie es immer war. Das waren schöne Zeiten. Ufz. Ich werde fast schon wieder „ich will mich wegmachen-depressiv“, aber irgendwie bin ich noch zu verwirrt um mich wirklich so zu fühlen.

Lora

Muskelzerrung oder so etwas? (L)

Hey, ich bin e.t.w.a.s durcheinander….. also. Heute sagte mein Kalender: reiten. Oh Gott, ich war so verwirrt, hatte gar keine Ahnung welcher Tag ist, hab einfach erstmal nur auf den Kalender reagiert. Wie halt immer nichts hinterfragt. Einfach erst einmal machen. Ich habe nicht einmal wirklich realisiert oder, wie gesagt, halt auch nicht hinterfragt, dass ich g.a.r nichts, wirklich absolut g.a.r n.i.c.h.t.s wusste! Die Reitlehrerin kam zu mir und meinte, ich habe heute den Lino. Ich wusste nicht wer Lino ist, wo er steht, wo sein Sattelzeug ist, nichts. Ein Mädchen, weiß nicht wie alt sie ist, vielleicht zwölf? Kam total selbstverständlich zu mir und hat mir alles gezeigt. Sie hasst Lino. Er schnappt wohl beim Putzen am Hals und beim Gurten. Ich meinte zu ihr, das sei kein Problem, bin ich gewohnt. Ich kann mich zumindest an Morning Star erinnern. Oder an Sudar. Zwei Pferde auf denen ich Reitstunden hatte. Ist aber schon länger her.

Er war gar nicht so schlimm. Er schnappt nicht wirklich. Und ich mag Lino sehr gerne. Er hat mir gefallen.

Allerdings kann ich mich nicht erinnern wann ich zuletzt auf einem Pferd gesessen bin und richtige Reitstunden hatte. Na ja, dementsprechend war die Stunde auch echt… Die Reitlehrerin hat so viel korrigieren müssen und ich war so konzentriert und angestrengt. Ich musste mich teilweise sogar noch am Sattel festhalten(!!!) beim Aufsitzen und angaloppieren. Auweia. Das nächste Mal will sie mich an die Longe nehmen, um mit mir einen ruhigen Galopp zu üben. Die Reitlehrerin ist sehr sympathisch und freundlich und motivierend. Nicht so eine Hexe bei der ich auf Sudar und Winora war. Die hat einem das Gefühl gegeben, als sei man schlichtweg zu blöd zum Reiten. Manchmal saß ich fast heulend auf dem Pferd, weil ich dachte, ich sei der größte und untalentierteste Idiot. Diese Reitlehrerin heute war immer optimistisch und hat Zuspruch gegeben. Ich mag sie.

Allerdings beim 2. Galopp auf der linken Hand, dachte ich, hätte ich mich total verkrampft. Aber der Krampf hörte nicht auf. Jetzt, sieben Stunden später, kann ich nicht mehr laufen. Humpeln. Entweder ist es eine Zerrung am Muskel oder im schlimmsten Fall sogar ein Riss. Ich glaube, ich hatte den Steigbügel rechts aber auch kürzer eingestellt als links. Trotzdem habe ich die Stunde noch konsequent durchgezogen. Die Schmerzen werden jetzt erst von Stunde zu Stunde schlimmer.

Auf dem Heimweg habe ich mir dann erst Gedanken gemacht. Wann war ich das letzte Mal da? Ich kann mich an eine Therapiestunde bei einer neuen Therapeutin erinnern. Sie hat blaugraue Augen. Und hat so eine… so ein „Plastikglas-Sichtschutz“ vorm Gesicht getragen. Aber ich kann mich kein bisschen mehr erinnern, worum es in der Stunde ging. Außerdem war es da wärmer. Ich war so in Gedanken beim Heimweg, mich hätte fast ein Auto umgefahren, der hat mir dann noch den Vogel gezeigt.

Das Mädchen aus der Reitschule scheint mich auch zu kennen. Nach der Stunde kam sie zu mir und hat mit mir über einen Jungen abgelästert, als würden wir uns schon ewig kennen. Keine Ahnung wer dieser E. ist und welches Pferd sie meinte. „Nichts gegen E.aber er reitet schon z.w.e.i Jahre. Wenn er mit seinem Pferd gefühlt auf den 7. Hufschlag geht, weiß Falina halt, dass wir überholen müssen und dann habe ich sie halt angetrabt und dann kriege ich gesagt ‚Nicht antraben mit Falina!‘ Ja, aber wenn der auf dem s.i.e.b.t.e.n Hufschlag ist, kann ich doch an ihm vorbei“ hm.. sie hat auf eine Reaktion gewartet… während ich Lino abgesattelt habe. Ich habe.. keine Ahnung. Gelacht und „oh man“ gesagt. Sie hat auch gelacht und mir dabei so merkwürdig in beide Augen gesehen, als würde sie etwas suchen. Ich bin super unsicher geworden und habe mich gefragt, ob sie eine andere Reaktion erwartet hätte…

Das war eine so schräge Situation. Sie ist total taff und so klar. Ich war mit zwölf nicht so selbstbewusst…

Auf dem Heimweg habe ich weiter nachgedacht. Darüber, was ich wissen müsste, was mein letzter Stand war.

Ich war oder bin sehr angenehm k.o. vom Reiten, es hat (trotz den Schmerzen jetzt) wirklich Spaß gemacht und ich bin ein bisschen verliebt in Lino (:

Ich wollte nach der Stunde noch der Reitlehrerin das Geld zahlen, habe aber im Geldbeutel keinen Cent gefunden. Aber als ich alles durchgesucht habe, habe ich eine Quittung gesehen. Ich habe sozusagen 10 Stunden vorausgezahlt und nicht einmal von meinem eigenen Geld, sondern von einer Spende. Ich bin so dankbar dafür. Außerdem ist mir wirklich so das Blut in den Kopf geschossen, als ich dachte ich habe kein Geld um die Stunde zu zahlen! Ich wäre im Erdboden versunken.

Mh, jetzt sitze ich eben hier, habe gerade kurz Ruhe, Mona ist zu Besuch. Zu B.e.s.u.c.h.! Sie wohnt nicht mehr hier…

Lena war auch da, eine Freundin aus dem Haus wo wir früher waren. Es war ganz schön, aber ich habe eben jetzt erst kurz Zeit gefunden um mir Gedanken zu machen und ein bisschen zu hinterfragen beziehungsweise zu r.e.a.l.i.s.i.e.r.e.n, dass heute kein normaler Tag ist, sondern mir schon wieder viel Zeit fehlt…

Eure Kommentare lese ich mir später genauer durch, wenn Mona wieder weg ist. Sie geht gerade mit Jimmy spazieren, weil ich das jetzt ernsthaft nicht kann – ich kann nicht vernünftig auftreten/mein Bein bewegen. Ich hoffe ich brauche nicht schon wieder Krücken. Der Bänderriss letztens hat mir wirklich gereicht. Aber im Oberschenkel ist wirklich ein seltsames Gefühl. Aber ich schätze es ist nur eine Zerrung.

Lora

P.s.: das ist Lino

Keine Gefahr

Eigentlich, den Umständen entsprechend, sollte es mir bereits sooo behindert gehen, dass ich sage „komm, ich mach mich weg“. Aber erstaunlicherweise passiert genau das Gegenteil in meinem Alltag. Weiß nicht, ob man das dissazoieren nennt, weil… schwer zu beschreiben. Ich weiß genau, würde ich in mich gehen… Nun ja, eigentlich weiß ich nicht genau, was dann passiert, aber ich weiß genau, wie es wirklich in mir aussieht und so in etwa habe ich es ja auch schon beschrieben in den letzten Tagen. Nur umso schlimmer es wird, desto mehr festige ich mich außen in so Strukturen, im Organisieren und alles in mir rückt immer weiter in die Ferne und ich glaube, dass das dissazoieren ist.

Ich habe die vergangenen Tage mit Frau Honig geschrieben. Habe ihr gesagt wie schlimm das für mich ist und wieso ich mit Frau Blume nicht auskomme und ich das Gefühl habe völlig die Orientierung verloren zu haben… dass ich-wir mich-uns im Stich gelassen fühlen usw. Sie schrieb irgendwann, sie lässt uns nicht hängen und wir sollen nach einer Trauma-Klinik suchen und dann schauen wir weiter. Dass wir dann vielleicht wieder zu ihr können. Und ich bin mir nicht sicher. Ja ich weiß, vielleicht wäre mal nach zehn Jahren eine psychosomatische Klinik gar nicht so dumm. Vielleicht. Aber wir brauchen Hilfe dabei. Ich habe mich entschieden Frau Blume den Konsiliarbericht am Donnerstag mitzunehmen… Aber ihr auch zu sagen, dass ich nicht sicher bin, ob wir therapeutisch auf eine Wellenlänger kommen. Ich möchte ihr sagen, dass ich nicht gewohnt bin, dass so mit mir kommuniziert wird wie sie es tut und es sich auch nicht gut anfühlt und es mir eigentlich sogar richtig aufstößt. Und ich werde sie fragen, ob sie eingehen würde, wenn sie uns einfach so lange unterstützend begleitet, bis wir in eine Trauma Klinik können und sie uns da auch wirklich unter die Arme greift und nicht immer nur Blabla wie in den letzten zwei Jahren von den Betreuern, sondern uns wirklich dazu antreibt und uns immer wieder erinnert – und dass sie b.i.t.t.e dieses furchtbare „mit welchem Anteil sind Sie gerade da?“, sein lässt, sonst war es das letzte Mal, dass wir ihre Praxis betreten haben. Entweder sie respektiert jeden von uns als eigenständigen Menschen, was wir ja sind, oder eben nicht. Es wäre mir auch egal, wenn sie dann jeden von uns siezt, damit wird sie halt viele von uns nicht erreichen, weil sich vor allem diejenigen von uns unter 18 kein bisschen angesprochen fühlen (und da wir ja biologisch noch nicht viel älter sind, gehören da halt einige dazu). In einer langfristigen Therapie wäre das ein Problem, weil unsere Ältesten keine und kaum Trauma-Erscheinungen bzw. Symptome haben, sondern diese ganzen Sachen eben in unseren Jüngeren drinnen stecken. Klar, einige von euch würden jetzt vielleicht sagen, dass so wie es mir geht schon symptomartig bei mir abläuft oder Erinnerungslücken usw. ja auch zu Symptomen gehören. Aber ich habe keine Flashbacks. Keine Erinnerungen an Gewalt oder Sonstiges. Wenn sie bei mir anfangen wollen würde Trauma Arbeit zu machen, würde sie gegen eine Wand laufen, weil ich auch null Zugang dazu habe. Ich schätze mal, die nächsten aus meinem Umkreis wären Jonna und Kali, aber Kali ist unter zehn und Jonna ist nie im Außen (glaube ich zumindest). Und da Kali nicht einmal spricht würde Frau Blume mit der Art, wie sie uns anspricht oder die Beziehungsebene, die sie gerade aufbaut, so viel Jüngere von uns nicht in einmal in zehn Jahren erreichen. Aber da wir ja ohnehin so weit mit ihr gar nicht in die Therapie einsteigen wollen, sondern sie nur als Stütze für eine Trauma Klinik Suche und Anmeldung sehen, ist das eigentlich nicht schlimm. Mit dieser Einstellung nehme ich halt uns selbst auch enorm viel Druck raus.

Klar, das muss sie dann auch so eingehen wollen und wir müssen halt dazu bereit sein, dass wir unsere Stunden für so „Überflüssiges“ aufbrauchen. Aber wo anders werden wir die Unterstützung auch nicht erhalten und ihr kann es ja eigentlich egal sein, wofür sie ihr Geld kriegt, oder?

Tja, ansonsten… Wir waren gestern in der Hundeschule und haben volle Lotte Lob abgestaubt von der Hundetrainerin. Sie meinte, sie wäre richtig glücklich darüber und schlichtweg begeistert was wir geleistet hätten. Das hat natürlich gut getan, weil ich eigentlich nicht finde, dass wir viel gemacht haben. Am meisten hat mich das irgendwie berührt wie sie gemeint hat, dass unser Hund uns ganz anders anschaut. Dass er uns zwar vorher auch geliebt hat, aber dass es jetzt wirklich Liebe ist, was er uns entgegenbringt und er viel selbstbewusster wirkt. Das Einzige was sie gemeint hat ist, dass er sich halt noch schräg vor uns legt, aber das würde bei ihm vermutlich immer so sein, weil er ein Rüde ist und im Hundeverstand eine Frau dann seine Hündin, die könnten nämlich ganz genau riechen, ob sie einen Mann oder eine Frau als Herrchen oder Frauchen haben und da sei eben wohl auch das Verhalten dann ganz unterschiedlich, aber dass dieses leichte Kontrollieren nicht schlimm sei und wir ihm diese kleine Macke lassen können, weil das einfach in seinem Blut ist und er nicht denken soll „ich kann ihr ja gar nichts recht machen“. Das gestern war wirklich etwas was mir r.i.c.h.t.i.g Freude bereitet hat neben so viel Scheiße, die gerade so los ist.

Er ist natürlich noch kein „superduperausgeglichenerHund“, heute Früh und gestern Früh ist er auch einen kleinen Nachbarsjungen „angegangen“ weil er in einem dunklen Kapuzenanzug in der Morgendämmerung uns entgegenläuft mit seinem Papa. Jimmy hat grundsätzlich Angst vor Gestalten in dunklen Kapuzenanzügen, egal ob Klein oder groß, er hat sich letztes Jahr sogar vor mir erschrocken und mich ängstlich-aggressiv angebellt, als ich mit einer Kapuze ins Wohnzimmer bin. Woher er den Spleen hat, weiß ich nicht und ich weiß auch nicht was er tun würde, wenn man ihn in dem Moment „loslassen“ würde, bzw. nicht an der Leine hätte. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass er angreift (er ist ein Angst-Beller und Knurrer, er hat noch nie jemanden oder etwas gebissen oder nach jemandem geschnappt) Er rennt immer vor und ist halt angespannt dabei (manchmal knurrt und bellt er dazu, ohne fletschen, aber nicht immer) und bleibt dann kurz vor seinem „Zielobjekt“ mit geduckter Körperhaltung stehen. Er reagiert also wirklich nicht aus Aggression so, sondern aus Angst und Unsicherheit.

Als er heute eben auch so nach vorne in die Leine geschossen ist zu dem Jungen hin und wir ständig umgedreht sind, fragte der Junge so „Was macht ihr denn da?“ (wir kennen den und seinen Papa ja ganz gut) und wir meinten, dass wir mit ihm Trainieren und er gerade unser Modell dafür ist und haben ihm erklärt, wieso Jimmy so auf ihn reagiert. Der Junge ist so sieben oder acht und nicht ängstlich, dem kann man das gut erklären. Er ist auch ganz gelassen stehen geblieben, wo jede andere Kind schon schreiend weggelaufen wäre, wenn Jimmy so nach vorne geschossen wäre. Ich weiß ja, dass er das tut, weil er denkt dass er uns beschützen muss. Das ist halt noch das, woran wir arbeiten müssen, also dass er kapiert, dass er uns nicht beschützen muss, sondern dass wir das regeln.

Klar hört sich so ein beschützender Hund erst einmal ganz gut an und man denkt sich „perfekt, dann kann sie auf der Straße nicht mehr so leicht abgegriffen werden, weil er die Täter angreift“ (falls es die wirklich gibt), aber in der Realität macht ein Hund dann (soweit er nicht darauf konditioniert und perfekt ausgebildet ist), keinen Unterschied, ob er mich „nur“ vor Tätern schützen muss, oder eben auch vor Kleinkindern, Katzen, Autos, alten Menschen. Deswegen ist es eben nicht gut wenn er das macht. Und wir wollen auch keinen total konditionierten Hund der nur noch darauf getrimmt ist 100 % Aufmerksamkeit und Arbeit zu leisten. Wir wollen ihn als Freund und nicht als Arbeitstier. Er soll Entspannung und Ruhe erfahren wenn er mit uns lebt und nicht wie ausgebildete Therapiehunde (was ja gut ist und die ja nicht weniger glücklich sein müssen, aber in Wirklichkeit s.i.n.d es nun einmal Arbeitshunde!), ständig Aufmerksamkeit und Konzentration bieten. Das wollen wir nicht und das m.u.s.s er auch nicht.

Deswegen werden wir da vermutlich wirklich noch ein Stück Arbeit reinstecken müssen. Aber ich freue mich, dass wir jetzt diese Hundetrainerin an unserer Seite haben, weil die ist wirklich so gut.

Hm, viel mehr habe ich gerade nicht zu erzählen. Gestern war ich ein wenig angenervt und ich glaube sogar auch richtig wütend, weil wir erfahren haben, dass wir unsere Urlaubstage für die Zeiten, in denen wir untergetaucht sind, hernehmen müssen, obwohl es ja anfangs hieß, das würde schon geregelt werden. Hätten wir das gewusst, wären wir den Scherz sicher nicht eingegangen, weil wir in unserem U.r.l.a.u.b weitaus Besseres im Sinn hätten, als an kritischen Tagen zu verschwinden. Wir haben über ein Jahr unsere Freunde nicht mehr sehen können (und deshalb sogar eine Freundin verloren, weil die aber auch n.u.l.l Verständnis hat). Und eigentlich hatten wir das gut eingeplant dass wir dann eben den Urlaub mal für sie verwenden, aber der ist ja jetzt verschossen. Jetzt haben wir von 30 Urlaubstagen genau Acht, an denen wir noch irgendwas Sinnvolles tun könnten. Eigentlich waren zwei Sachen angestanden. Unsere Cousine in Ungarn kriegt Ende November ihr Baby und weiß nicht was sie mit ihrem zweijährigen Kind machen soll solange, weil die Kleine die Oma wohl total nicht leiden kann und durchschreit und weint und verkrampft, wenn sie dort ist und die fragt scheinbar immer wieder nach uns (wir haben eigentlich nur einmal geskypet vor einer Woche und eigentlich kennt sie uns nur übers Internet, aber meine Cousine meint, sie würde ständig von uns reden und nach uns fragen) und deswegen hatten wir eben überlegt ob wir zu ihr gehen und solange auf die Kleine aufpassen (auch wenn ich da bisschen nervös wäre, weil ich mit so Kleinkindern nie zu tun hatte und nicht genau wüsste, was zu tun ist, aber ich denke sie würde uns alles ganz genau erklären). Aber andererseits haben wir eine sehr wichtige Person in unserem Leben… die auch Viele ist und auch bald ein Baby kriegt und da wollten wir a.u.c.h. hin, damit sie nicht alleine ist, wenn das Baby da ist und sie ein wenig Beistand hat. Jetzt mussten wir uns natürlich entscheiden und irgendwie … ich weiß nicht, unsere Viele Freundin ist für mich wie ein Schwester-Ersatz, als ich sie kennengelernt habe, haben wir jeden Tag geschrieben und es war alles so mega vertraut zwischen uns und dann habe ich eben vor ner Woche erfahren, dass sie in zwei Wochen das Baby kriegt und klar war ich super geschockt, aber für mich war glasklar, dass ich auf j.e.d.e.n Fall bei ihr sein werde und auch will.

Die Entscheidung steht für mich fest, ich habe halt zu unserer Vielefreundin nen viel größeren Bezug als zu meiner Cousine jetzt. Eigentlich kennen wir uns nur über Skype, ich glaube das letzte Mal haben wir uns getroffen, als meine Oma noch gelebt hat (und da hatte sie noch kein Kind)… und meine Oma ist ja 2016 gestorben… Deshalb klar, ich finde es schlimm dass die Kleine dann vielleicht zu ihrer Oma muss, wo sie sich nicht wohlfühlt, aber da ich ja jetzt meine Urlaubstage für so einen Scheiß aufbrauchen muss, musste ich mich eben entscheiden. Und meine Cousine wird ja ne natürliche Geburt haben und wird nicht allzu lange im KH bleiben müssen, das heißt die Kleine müsste nur so drei Tage bei der Oma sein und wenn sie Glück hat, kann sie ja auch zu ihrer Urgroßmutter (also die Oma von ihrem Papa) und die liebt sie total.

Naja, irgendwie so. Klar ist das nicht optimal und ja es ärgert mich zutiefst, weil wir uns ja auch hätten krankschreiben lassen können oder eben Home Office machen von wo auch immer wir überall waren (weil Internet gibt es ja heutzutage überall). Aber wir hatten uns halt darauf verlassen dass das wirklich geregelt wird. Klar, unsere Freundinnen sind jetzt r.i.c.h.t.i.g enttäuscht, weil ich ihnen zugesagt hatte, dass wir uns im Dezember sehen und ich sie besuchen komme für ein paar Tage, aber jetzt ist das halt so. Ich habe ihnen schon erklärt woran das liegt und klar sind sie jetzt hauptsächlich auch deshalb verärgert und wissen, dass es nicht unsere Schuld ist oder wir nicht deshalb nicht kommen, weil wir „auf einmal“ keine Lust mehr haben, sondern weil wir einfach keine Urlaubstag mehr dafür haben. Aber die Enttäuschung ist halt trotzdem da und das kann ich auch verstehen. Das sind wir auch. Zumal ich mir nicht vorstellen kann, dass diese Tage an denen wir weg waren, wirklich erholsam waren (ich kann es nicht sagen, ich kann mich ja nicht dran erinnern, aber ich kann es mir nicht vorstellen). Und klar, mir bricht da ja jetzt nichts weg. Ich habe ja auch nicht das Gefühl jetzt deshalb mehr gearbeitet oder mich nicht ausgeruht zu haben übers Jahr, weil ich mich ohnehin nicht an die vergangene Zeit erinnern kann, aber es geht mir um die Planungen die wir gemacht haben und darum, dass wir uns auf ein Wort verlassen hatten (mal wieder).

Ich hoffe dass wir nächstes Jahr alle ein bisschen genauer schauen, wie wir untertauchen, weil so wie dieses Jahr möchte ich das nicht nochmal. Der Direktor erwartet ja nun auch irgendwie, dass wir es plötzlich schon i.r.g.e.n.d.w.i.e schaffen. Dass wir ja einfach in der WG bleiben und zur Arbeit gehen können an bestimmten Tagen. Einerseits unterstützt er da meine Einstellung, wo ich ja immer noch nicht von Gewalt überzeugt bin, also dass wir sie erfahren. Andererseits verstehe ich nicht wieso er Anfang des Jahres dann scheinbar komplett anderer Meinung war. Aber vielleicht hat er auch nur festgestellt, dass alles totaler Humbug ist und diese Sachen nicht wirklich passieren. Irgendwas löst das schon in mir aus. Weil ich mir denke, wenn er jetzt so… „ruhig“ oder „sicher“ ist, dass nichts passiert, dann m.u.s.s es ja so sein, wenn er anfangs genau gegenteilig war. Dann muss ihn ja irgendwas davon überzeugt haben, dass wir doch nicht so schlimm in Gefahr sind. Und er war glaube ich wirklich der Letzte, der das alles nicht ernst genommen hat.

Deshalb planen wir auch für Oktober keinen Tag „unterzutauchen“, genauso wenig an Weihnachten oder so. Erstens haben wir dafür keine Urlaubstage mehr (ha.ha) und zweitens empfinde ich vermutlich genauso wenig Gefahr von außen wie der Direktor und das beruhigt mich etwas, weil ich weiß, dass ich da dann nicht die Einzige bin, die die Gefahr nicht nur nicht wahrnimmt, sondern es sie scheinbar wirklich nicht gibt.

Und sonst… naja, ich habe mich eben gestern extrem darüber geärgert, aber ein paar Stunden später war es mir auch wieder egal. So spielt halt das Leben und Entscheidungen gehören dazu, leider eben auch Falsche. Tja, am Abend haben wir dann Ari gefragt, ob sie noch vorbeikommen möchte… sie kam dann… kann mich auch noch erinnern wie wir angefangen haben „What happend to Monday?“ auf Netflix anzuschauen, aber dann weiß ich nichts mehr.

Irgendwann war ich oben im Bett und mein Gesicht war total verheult und Jimmy saß vor mir und hat mein Gesicht geleckt und Ari saß neben uns und ich war verwirrt und hab gefragt wie viel Uhr es ist (es war Mitternacht). Jimmy hatte wohl schon geschlafen und Ari meinte, er hätte wohl sofort gespürt dass wir switchen und ist aus seiner Box zu uns ins Bett und hat sofort angefangen unser Gesicht zu schlecken. Ari ist dann auch nach Hause gegangen, ich war aber auch elends müde. Habe noch ein wenig mit Jimmy gekuschelt, war irgendwie froh, dass ich ihn festhalten kann, das tat in dem Moment soooooooooo gut. Dann bin ich ein wenig verwirrt eingeschlafen. Wie ich aufgewacht bin, weiß ich auch nicht. Aber an das Spazieren gehen. Und dann wieder Lücke. Und jetzt bin ich wieder da. Und hin und her und hin und her. Wie auch immer. Mir geht’s soweit gut, das mit dem Urlaub stört mich jetzt eben auch nicht mehr sonderlich. Es ist wie das Andere mit dem sich super beschissen fühlen – genauso geht der Ärger irgendwo meeeega tief und verschlossen in mir drinnen ab, kann ihn aber nicht mehr spüren oder habe keinen Zugang mehr dazu. Es ist Dienstag, der 29. September 2020 und alles was zählt, ist irgendwie den Tag so durchzukriegen, dass wir nichts vergessen, verschusseln und ohne in suizidale Stimmung zu geraten. Es lebe der Alltag. Ach ja und hey, heute habe ich Flurdienst, dann kann ich mein Zimmer putzen und Wäsche wollte ich auch waschen und mit Jimmy danach oder davor trainieren.

Lora

 

 

Willkommen zurück

Als ich heute aufgewacht bin, war mir auf einmal gar nichts mehr fremd. Zumindest nicht emotional. Ich kenne mich so wie ich mich gerade fühle am besten. Wir haben irgendwie keine therapeutische Orientierung mehr, hängen irgendwo in der Luft fest und versuchen jetzt wieder auf Gut Glück im Leben ohne irgendwelche Unterstützung klarzukommen und es ärgert uns nicht einmal mehr wirklich. Diese Resignation ist mir so verdammt vertraut. Aus der hat sich dann letztendlich mein Entschluss gefasst. Einiges ist jetzt natürlich ein bisschen anders. Wir haben einen Hund und wir hatten Frau Honig und da kommt neben der Resignation jetzt auch noch Traurigkeit dazu, die mich evtl. davor bewahrt, weitere und konkrete Gedanken aufzubringen, uns wirklich aus dem Leben wegzumachen.

Man sollte ja sein Leben nicht von einer Therapie abhängig machen, aber ich finde wir haben alles Recht der Welt zu sagen, es reicht. Wir sind in diesem System nicht erst seit gestern gefangen, sondern seit wir zwölf oder dreizehn sind. Bis zu unserem sechzehnten Lebensjahr hatten wir dann schon so viele Therapeuten kennengelernt, dass man sie nicht mehr an einer Hand abzählen kann, ganz zu schweigen von Kliniken, Ärzten und so weiter, aber dieses Geleiere kennt ihr ja schon. Ich erwähne es nur wieder, weil ich euch wirklich davor warnen will uns jetzt ins Ohr zu legen „gebt nicht auf, sucht weiter“, sonst habt ihr uns sicher den letzten Tag als freundlich erlebt. Das könnt ihr Leuten in unserem Alter sagen die erst mit siebzehn oder achtzehn angefangen haben nach einer Therapie zu suchen, aber bitte nicht welchen, die mittlerweile bald mehr als ihr halbes Leben mit nichts anderem verbracht haben, okay?

Und ja, es stimmt, man soll sein Leben nicht von einer Therapie abhängig machen. Ich glaube auch nicht, dass Therapien ein Leben lebenswert machen. Es gibt ganz andere Dinge die das ausmachen, aber es ist schwer keine Orientierung haben und wie ein Blinder ohne Blindenstock durch die Gegend laufen zu müssen. Wir haben halt vielleicht Ari die uns etwas unterstützt, aber sie ersetzt halt keine Therapie und mit Frau Honig haben wir uns einfach orientiert gefühlt. Wir wussten immer wo wir uns melden mussten, wenn irgendwas in unserem Leben gar keinen Sinn mehr gemacht hat, sie war so gesehen der am besten funktionierende Leuchtturm.

Ich weiß ja noch, als wäre es nie vorbei gewesen, wie wir 2017 herum geirrt sind. Vom SPDI zur psychiatrischen Institutsambulanz, von Therapeut 1 bis Therapeut 11 und dieser unglaubliche Umgang mit uns im negativen Sinne. Wie oft wir den Krisendienst anrufen musste (wie peinlich!!!!!!) und ich habe keine Lust mehr, dass die mich wieder hören. Vermutlich sind wir denen bereits besser bekannt als Pumuckl und ernst genommen wird man nach 1.000.000 verzweifelter Anrufe auch nicht mehr. So sah unser Leben orientierungslos aus. Und ich habe Angst, dass es wieder so aussehen wird. Zumindest eine Sache konnte ich gestern durch Frau Blume feststellen. Da sie ja diesen blöden Fragebogen mit so einem klinischen Interview gemacht hat, wo man die Fragen genaue beschreiben musste, haben wir festgestellt (Frau Blume eigentlich eher), dass ich, sobald ich einen konkreten Plan hatte und nicht mehr vom Suizid abzubringen war, ich wieder Monate Zeit verloren habe. Die Ausgangsfrage war eben, ob ich, wenn ich Zeit verliere, kurz vorher in stark belastenden Situationen gesteckt bin und ich musste nachdenken, war mir eigentlich nicht sicher, sagte dann aber „vermutlich ständig“, weil ich denke mal, wenn man einfach keinen Grund mehr zum Leben sieht, sollte das als stark belastende Situation gelten? Paradoxerweise hat die konkrete Vorbereitung und Entscheidung sterben zu wollen, einen sehr erstaunlich lebendigen Teil in mir erweckt und ich war voller Tatendrang und hatte dann auch wieder die Energie Freude zu empfinden. Ich weiß, nennt mich ruhig gestört, aber ich schwöre, dass es so ist.

Tja, wenigstens hat sie uns-mir in der Hinsicht mal Licht ins Dunkle gebracht und ich musste auch automatisch an Schmetterlings E-Mail denken, in der sie fragte, es wäre ja interessant (oder so in der Art) zu wissen, wieso ich jetzt wieder da bin und so „stimmt, wir gehen jetzt Richtung Herbst, das ist wieder die suizidale Phase“… so habe ich das nie wahrgenommen. Das erste Mal daran kann ich mich erinnern, wo ich eben zwölf war und dann aktiv nach Therapeuten gesucht wurde, weil wir-ich eigentlich Angst hatten davor, dass wir sterben wollen. Und ab diesem Lebensjahr … stimmt, passt das eigentlich total gut. Mit dreizehn war ich dann bei einer Therapeutin, die ich nicht besonders gerne mochte. Frau N. Und dann war ich aber in der Klinik, dass war wieder ein Jahr später im Oktober. Am 23.10. kam ich dann in die Kinder- und Jugendpsychiatrie! An die Entlassung kann ich mich nicht erinnern, aber an einiges aus der Zeit dort, bis ca. Dezember, wobei ich mich nicht an Weihnachten oder Silvester erinnere. Am 22.11. ein Jahr später war ich wieder in derselben Klinik auf derselben Station, da kann ich mich allerdings an Silvester erinnern, weil ich noch weiß wie ich dort mit einem Kindersekt im Glas in der Hand vor dem Fenster stand und das Feuerwerk im See spiegeln gesehen habe, weil man wegen dem Rauch in der Luft eigentlich nur dampfende Lichtimpulse sehen konnte.

Und dann wieder ein Jahr später war ich in der Jugendhilfe. Und dann ein Jahr später in einem eigenen Apartment, und dann fehlen mir zwei Jahre und ich wache letztes Jahr in einer anderen WG auf. Und ich weiß, dass ich jedes Mal zu diesen Zeiten konkrete Pläne hatte weil ich einen Entschluss hatte, nicht mehr leben zu wollen. Ehrlich gesagt habe ich nie hinterfragt, warum ich dann doch noch lebe.

Jetzt ist es mir allmählich klar. Scheinbar werde ich ausgeschaltet, bevor ich meinen Plan durchziehen kann. Ich denke, es sollte mich mehr ärgern, als es tut, aber ich bin halt auch jedes Mal in so einer krassen Resignation, wenn ich dann da bin, dass es mich nicht einmal ermüdet, mich ständig neu darauf vorbereiten zu müssen. Hmm… so ist das jetzt. Ich habe gerade auch nicht viel mehr zu sagen. Heute Nachmittag bin ich bei Melly, wir wissen noch nicht was wir machen. Vielleicht fahren wir in den Stall zu ihrem Pferd und vielleicht können wir gemeinsam in der Halle ein wenig reiten, weil ihre Mutti hat jetzt auch ein eigenes Pferd. Das wäre irre, weil ich seit dem vorletzten Mal wo ich da war, das letzte Mal auf einem Pferd gesessen bin. Also so drei, vier Jahre. Gefühlt ist es noch gar nicht lange her (aber okay, ich habe die Jahre ja auch nicht in vollem Umfang mitbekommen). Wie auch immer. Heute werde ich mich auf jeden Fall mit nichts auseinandersetzen außer Ablenkung.

Eigentlich hatte ich ja geplant mit dem Fahrrad zu Melly zu fahren, aber weil es so schüttet und sie schon einen Führerschein hat, gabelt sie mich nach der Arbeit auf. Dann habe ich wenigstens auch vieeeel Zeit um am Abend zu Fuß nach Hause zu laufen.

Lora

Gehirnfehler

Ich fühle mich jetzt etwas „fester“, schreiben zu können. Ab den letzten fünf Minuten in der Therapie stiegen mir regelmäßig die Tränen in die Augen. Wie ja vorhin schon gesagt weiß ich, weinen soll erlaubt sein, weinen ist gut, blablaBuddhabla, aber ich will und kann auch gar nicht weinen. Wenn mir die Tränen kamen und sie schon in den Augen geschwommen sind, hat sich irgendwas so schmerzhaft in meinem Kopf zusammengezogen, wie bei Luftdruck, dass ich dachte ich sterbe vor Schmerzen und dann sind die Tränen nach innen verschwunden. Keine Einzige nach draußen. Ich hätte es auch nicht gewollt, denn ich will mit keinem darüber reden wie ich mich fühle, denn verstehen tut es ja sowieso niemand. Da kommt man dann nur mit so neunmalklugen Ratschlägen die man in dem Moment wirklich nicht gebrauchen kann.

Mich hat die Stunde bei Frau Blume fertig gemacht. Ihre erste Frage war, ob ich „als“ Lora „da“ bin. Mit keinem normalen Menschen würde man so reden, oder? Ich habe zumindest noch nie jemanden so mit jemandem reden hören. Dann fragte sie, ob wir die Mail miteinander durchlesen sollten, die ich ihr geschickt hatte. Ich meinte da ein wenig patzig, ich wüsste doch was ich geschrieben habe und sie fragte immer und immer wieder, ob ich „als“ Lora da bin. Worauf ich keine Antwort gegeben habe. Keinmal. Was hätte ich auch sagen sollen? „Ja“, wäre falsch, weil ich nicht ALS ich da bin. Ich BIN ich! Was ist daran so falsch? Was ist anders an mir als an anderen Menschen? Irgendwo in der Mitte der Stunde habe ich scheinbar was verpasst, das ist mir so eigentlich gar nicht aufgefallen. Sie fragte nur am Ende, ob ich gemerkt hätte, dass jetzt etwas „anders“ war (oder so in der Art). Ich kann ihren Wortlaut nicht einmal genau wiedergeben. Der stößt mich so ab, dass ich den scheinbar sofort wieder verdränge, dabei habe ich mir jetzt sogar die Stunde noch einmal angehört und habe schon wieder vergessen welches Wort sie verwendet hat. Nein, hatte ich nicht bemerkt. Ich weiß nur, dass ich im Stuhl saß, auf die Stifte starrte, an Frau Honig dachte und mir so augenblicklich die Tränen in die Augen schossen, dass ich noch gerade so den Kopf senken konnte, bevor zwei Tränen aus meinem Auge getropft sind. Das war eben der Moment, wo sie gesagt hat: „Sie sind gerade so eingesunken. Passiert das öfter, kennen Sie das von sich?“

Als ich dann vorhin die Stunde angehört habe, meint sie irgendwo, „jetzt hat sich aber etwas verändert, oder? Haben Sie gespürt, dass sich etwas verändert hat?“ Ich höre „mich“ da erst einmal nichts sagen, irgendwann höre ich „mich“, aber nicht mit meiner Stimme, etwas weniger schlecht gelaunt, meine ich. Auf jeden Fall sagte „ich“ auch, dass ich die Frage nicht verstehen würde und dann fragte sie wieder (glaube ich), ob ich jetzt „als“ jemand anderes da bin. Irgendwann erwähnte Toni dass sie es ist, weil Frau Blume so behämmerte Fragen gestellt hat, was ich (trotz nochmal anhören), schon wieder nicht wiederholen kann. Aber ich erinnere mich, dass mich auch das sehr abgestoßen hat. Auf jeden Fall fragte sie auch, „mit“ welchem Alter ich „da sei“. Ich hätte in die Luft gehen können. Toni fragte wieso und Frau Blume meinte, aus Respekt um zu wissen, wie sie mich ansprechen solle, damit ich mich nicht auf den Schlips getreten fühlen… (gute Frau………………………….. ich kann grad echt nur noch seufzen). Dann meinte Toni nach langem rumdrucksen eben, dass sie 13 sei und Frau Blume spricht uns trotzdem bis Ende hin mit Sie an. Toni scheint das nicht so zu stören wie mich, aber für mich fühlt sich das wie „überfahren“ an und überhaupt ganz und gar nicht respektvoll, bzw viel eher respektiert und akzeptiert.

„Als“.

Ich war den ganzen Tag über am Rande meiner Traurigkeitsklippe. Ein Schritt und ich wäre abgestürzt, genau das will-wollte ich nicht. Ich fühle mich innerhalb einer Stunde so krass in 2017 versetzt. Die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung war so schnell wieder da, als wäre sie nie weggewesen und ich bin wieder bis zum Anschlag daran erinnert, wieso ich 2017 alles so perfekt zum Sterben geplant hatte. 2017 war das Horrorjahr der Therapie-Suche. Das war unser „Letzte-Chance Jahr“. Ich glaube, obwohl das Jahr damals für mich auch nur aus knapp drei Monaten bestand, waren das die schlimmsten drei Monate meines Lebens, bis wir fest entschlossen und einig waren, es nun endgültig zu beenden – da hat sich das dann gewendet. Da waren wir dann auf einmal erleichtert und fast schon euphorisch-glücklich darüber, es endlich beenden zu können.

Und soll ich ehrlich sagen, ich fühle mich so extrem in diese Zeit vor dem Entschluss zurückversetzt. Dieses Elend das man da wirklich durchmacht, durch was man sich durchquält, was man für Sätze und Wörter und Aussagen man über sich ergehen lassen muss als Dank dafür, dass man in einer Kennenlernstunde sowieso schon sein Bestes gibt um zu erklären, in was für einer verzweifelten Not oder Situation man ist, sich selbst so erniedrigt fühlen.

War unser Wort nicht eigentlich „entweder Frau Honig ist die Richtige oder wir geben auf?“, ich meine, das war unser Ehrenwort. Und jetzt weiß ich auch wieder wieso.

„Als“ Lora. Sie spricht mich an, als wäre ich bloß „als jemand“ da und dadurch fühle ich mich wie ein Niemand. Als wäre nur einer von uns „die Echte“, die es wert ist, wie ein ganz normaler Mensch angesprochen und behandelt zu werden. Als wäre der Rest einfach nur… ein Gehirnfehler. Klar, so denken 99 % der Therapeuten ja auch. Einer ist echt, der Rest ist das Resultat eines Traumas, aber eben nicht erwähnenswert. Da hilft es mir auch nicht, wenn Frau Blume eine Millionen mal sagt „alles hat seinen Sinn und alles ist okay, wie es ist“, wenn sie mich nicht behandelt und nicht mit mir redet, als wäre es okay. Sie redet mit mir, als würde ich gar nicht wirklich existieren!

Ich habe Frau Honig geschrieben, sie braucht die Unterlagen nicht nachschicken. Sie kann sie wegschmeißen oder behalten. Für mich ist der Therapieweg ab sofort vorbei. Wenn es keinen Weg zurück zu Frau Honig gibt, gibt es für mich auch keinen anderen Weg mit irgendeinem anderen Therapeuten. Wozu sollen wir uns das eigentlich antun, wenn die Passende und eine, mit der es gut gelaufen wäre, quasi um die Ecke sitzt und wegen Problemen die man hätte klären können nicht mehr erreichbar ist? Wieso sollen wir uns das antun? Es kostet mehr Kraft dann gegen den Selbsthass und die Verzweiflung anzukämpfen, als sonst irgendwas.

Und dann saß ich da vor meinem Tagebuch und dieser Rückschlag in 2017, in diese Situation in der wir ja schon einmal waren, hat mir so den Boden unter den Füßen weggerissen, dass ich wieder geweint habe. Aber es hilft nichts. Das Leben ist ein Arschloch.

Ich weiß jetzt ehrlich gesagt auch noch überhaupt nicht, wie ich aus diesem Gefühl rauskommen soll. Mir fällt nur Ablenkung ein. Morgen fahre ich zu Melly, dort verbringe ich meinen Nachmittag und fahre erst Abends nach Hause. Sie weiß von nichts und niemandem (von uns). Ich kann also nicht in die Bedrängnis geraten, ob oder was nicht stimmt.

Am Wochenende habe ich überlegt nach Hause zu fahren. Wegzugehen, wenn ich jetzt schon einen volljährigen Körper habe, den auch für Dinge nutzen zu können, die ich dann endlich auch machen kann. Feiern zum Beispiel. Alkohol kaufen zum Beispiel. In Bars gehen zum Beispiel oder irgendwelche Menschen kennenlernen zum Beispiel. Einfach nur oberflächlich ablenken eben. Aber dann habe ich mich an Lena erinnert und habe ihr geschrieben und jetzt machen doch wir eher etwas zusammen. Lena hat nur leider nie so lange Zeit und dann muss ich schauen, was ich mit mir anfange.

Ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal so im Stich gelassen gefühlt habe.

Ich verliere gerade den Faden.

Nun ja, was wollte ich noch erzählen? Das Treffen mit meinem ehemaligen Betreuer war gut. Er ist ein bisschen wie ein Papa-Ersatz für mich. Er gestand mir übrigens, dass sie in der Jugendhilfe damals oft mein Zimmer durchgewühlt haben, weil sie davon ausgegangen waren, dass ich die Medikamente nicht nehme, weil sie manchmal über Phasen hinweg gar nicht gewirkt haben. Ich hatte ja mit 14 Fluoxetin nehmen müssen. Wir sind da drauf gekommen weil er wieder mal meinte, dass er es so schlimm findet, dass sie das nicht kannten und dass sie, hätten sie gewusst wieso ich so bin wie ich bin, es sich anders hätten erklären können. Also, dass sie sich einfach nicht erklären konnten, wieso ich mich an einige Abmachungen oder Gespräche nicht erinnern konnte oder wieso die Medis nicht gewirkt haben. Er hat mir auch erzählt, dass ich eine ganze Weile die Medis dann vor ihnen im Büro einnehmen musste (daran erinnere ich mich nicht), aber sie trotzdem nicht ihre gewünschte Wirkung gezeigt hätten und sie dann davon ausgegangen sind, dass wir die in der Toilette wieder auskotzen, aber dass sie das auch beobachtet hätten und das nicht der Fall war. Man hätte die Medis sogar mal wesentlich erhöht und trotzdem zeigten sie mal Wirkung und dann mal nicht und er sagte, im Nachhinein betrachtet, jetzt, wo er das mit der DIS ja nun auch seit von Anfang an weiß, ergäbe das alles Sinn, ginge ihm aber eben sehr nah.

Er sagte mir auch, dass damals jetzt in der Jugendhilfe zum Beispiel nie passiert ist, dass ich mal einfach verschwunden bin für ein paar Tage, aber dass ich sehr häufig bei meinen Eltern war, eigentlich jedes Wochenende und das Einzige was sie manchmal seltsam fanden war, dass ich dann wohl „krank“ war und einige Tage länger zu Hause bleiben musste. Ich meine, ich habe ja schon oft gesagt ich kann mich nicht erinnern wie meine Kindheit war, aber 15, 16, 17 liegt jetzt nicht unbedingt so arg in der Vergangenheit, als dass ich mich nicht erinnern könnte, aber tatsächlich kann ich mich an g.a.r kein Wochenende bei meinen Eltern erinnern, während der Jugendhilfe Zeit. Es ist irgendwie schon ein wenig spannend zu hören, wie man so wahrgenommen wurde, als nirgendwo die DIS bekannt war…

Tja… gestern von der Reittherapie habe ich eigentlich nichts mitbekommen, aber Ari hat mir erzählt, dass Frau Schnee ein Jährling gekauft hat (sie hat selber jetzt vier eigene Pferde) und uns eingeladen hat, dass wir sie mal besuchen dürfen. Außerdem hatte Ari mir Fotos geschickt, wie wir mit einem Pony kuscheln. Es ist so verrückt, eigentlich müsste ich das Pony kennen, aber ich könnte nicht einmal sagen wie der Stall aussieht, geschweige denn, was sie für Pferde da oben stehen haben.

Hm.. nach der Stunde weiß ich jetzt überhaupt nichts mehr mit mir anzufangen. Also so gemeint, dass ich eine Ahnung habe, was uns jetzt helfen oder guttun könnte-würde. Und was mir helfen könnte mich nicht dem Ziel hinzugeben, das wir 2017 hatten. Davon hält mir gerade unser Hund sehr ab. Auch wenn er mir auch noch nicht ganz so vertraut ist (aber gut, wie soll ich ihn mir auch vertraut machen, wenn ich immer nur so wenig Zeit mit ihm habe?!?!)… aber wenn ich ihn ansehe empfinde ich Liebe und ich glaube, solange man das empfinden kann oder es einfach ein Lebewesen gibt, für das man Verantwortung fühlt, solange ist es schwerer, sich einfach wegzumachen.

Lora

Keine Energien dafür

Ich will gerade gar nicht so viel schreiben, hab keine Kraft dafür, muss heute schon die ganze Zeit seit der Therapie mich zurückhalten nicht die ganze Zeit wie blöd rumzuheulen.

Ich mag Frau Blume nicht. Ich komme null klar mit ihr. „Sind Sie jetzt als Lora da?“ … ich habe geschwiegen. Am liebsten hätte ich gefragt, ob sie als Dumme Kuh oder Hans Peter da ist. Als wäre ich ein blöder Schausteller der grad ne Rolle einnimmt. Es lag mir so auf der Zunge zu sagen, ich bin nicht ALS jemand da, ich BIN jemand. Ich habe ihre Formulierungen gehasst und ihr Fachbuch Geleiere von „es ist gut und wichtig und dies und jenes und alles darf sein“. Danke, Selbstreflektion besitze ich selber!

Am Ende der Stunde habe ich Frau Honig so vermisst dass ich mir nicht zurückhalten konnte dumm zu heulen. Hab halt meinen Kopf so runter geneigt weil ich ihr glaube ich vor die Füße gespuckt hätte, hätte sie gemerkt dass ich weine und irgendeine blöde Bemerkung gemacht. Sie fragte eh schon „Jetzt sind Sie so eingesunken, passiert das öfter?“ Ich wollte sagen: „Klar, jeden Tag, hab spastische Kopf-Störungen!“ Habe aber nur gemeint, keine Ahnung, vielleicht tut mir grad mein Nacken weh.

Im Auto musste ich so viel Kraft aufwenden nicht blöd rumzuheulen (und bitte kommt mir jetzt nicht mit „weinen ist gut, lasst es zu“ ich bin nicht blöd, wie gesagt aber ich habe keinen BOCK zu weinen!) … jetzt habe ich mir für heute Abend Eis gekauft… habe mich jetzt schon ins Zimmer verkrümelt. Will nicht wirklich jemanden sehen. Ich bin traurig… und weiss nicht was ich tun soll.

Ich weiß, dass ich nicht mit Frau Blume Therapie machen will. Ich komme mit der Art wie sie mit mir spricht und was für Worte sie verwendet und dann ihrem ständigen „dies und das ist gut und wichtig Fachbuch-Blabla“ gar nicht klar. Ich will wertgeschätzt und angesprochen werden wie ein ganz normaler Mensch!!!! Ich will zu Frau Honig zurück… und wenn wir bei ihr keine Therapie mehr machen können, will ich gar keine mehr (und nennt mich jetzt ja nicht trotzig, sonst könnt ihr mich alle mal kreuzweise, genauso wie Frau Blume)!

Zu gestern schreibe ich morgen. Habe gerade keine Lust zu dem Treffen mit meinem ehemaligen Betreuer und der Reittherapie zu erzählen…

Lora

„Als ganze Person wahrnehmen“

Okay, vielleicht lege ich den Satz total auf die Goldwaage, aber als ich die Mail gelesen habe, hat die mich aus irgendeinem Grund sooooooooo genervt und ich wusste erst nicht einmal, wieso.

Also ich hatte ja Frau Blume ihre E-Mail Adresse herausgesucht und ihr geschrieben, das hatten mir ja einige empfohlen. Ich habe ihr eigentlich nur fast Eins zu Eins den Text von „Einleben“ geschickt und in die Mail nur geschrieben, dass es das ist, wie es mir gerade geht und dass ich nicht weiß, ob ich am Donnerstag wirklich drüber reden kann/will und ich lieber den geplanten Diagnose Bogen machen möchte.

Eigentlich wäre ihre Mail vielleicht ganz okay, aber am meisten hat mich dann im Nachhinein der Satz gestört, dass wir daran arbeiten können, dass ich als „ganze Person“ wahrgenommen werde und mir geholfen wird. Ich kann gar nicht so genau benennen, was da so in mir mit Ärger reagiert hat. Ich BIN doch eine ganze Person, wieso sollte ich nicht als ganze Person wahrgenommen werden? Was will sie damit sagen? Ihre Mail war noch etwas länger. In etwa, danke dass ich ihr meine Ängste und Besorgnisse entgegenbringe usw., aber ich habe heute nur zurückgeschrieben: Ich BIN doch eine ganze Person!?

Als nächstes hat mich gestört, dass sie mich gesiezt hat. Gut, das ist so ne kleine Befindlichkeiten-Sache und eigentlich kein großes Drama, aber ich will doch nicht mit jemandem ein vertrauensvolles Verhältnis eingehen, der mich anspricht wie einen Arbeitnehmer?! *kotz*. Mal abgesehen davon bin ich sowieso nicht so begeistert sie kennen zu lernen.

Frau Honig meinte, dass sie schon gerne mit uns weiterarbeiten würde, aber dass es unter gegebenen Umständen momentan nicht geht und Sicherheitsvorkehrungen nicht eingehalten wurden, was unter anderem auch sie selbst in Gefahr gebracht hat. Ich war total schockiert weil ich nicht nachvollziehen konnte was sie meint, fragte, ob ihr etwas zugestoßen sei und sie meinte, sie könne gut auf sich selber aufpassen, es wäre ihr nichts passiert, aber es ihr eben mit dem anhaltenden Täterkontakt und der Uneinigkeit in uns zu gefährlich sei und sie sagte auch, sie würde mir sehr stark eine Trauma-Klinik ans Herz legen, in der ich stationär mehr in Kontakt mit meinem Innenleben treten kann, weil es ambulant vermutlich gar nicht möglich ist. Es bräuchte nur einen kurzen Kontakt mit einem Täter, was ich ja nicht einmal mitkriege, und die ganze Arbeit wäre umsonst, solange da keine „stabile Basis“ im eigenen System ist und das wäre ambulant kaum möglich. Sie sagte, wenn sie sich darauf verlassen könnte, dass in unserem System eine relativ große Einigkeit und Stabilität in der Vernetzung wäre, könnten wir noch einmal darüber reden, dass ich dann wieder zu ihr in die Therapie gehe.

Das hat mir irgendwie Hoffnung gemacht und irgendwie kann ich das nun so auch verstehen, wieso sie es von ihrer Seite beendet hat… andererseits habe ich mich gefragt, wie viel Sinn es da macht, überhaupt zu einer neuen ambulanten Therapeutin zu gehen, wenn wir vermutlich tatsächlich noch in Täterkontakt sind und wirklich das der Grund ist, dass egal wie sehr wir versuchen die innere Vernetzung (ich muss da immer an ein Spinnennetz denken) zu stabilisieren, sie immer wieder „zerstört“ oder sabotiert wird. Ich k.a.n.n mir andererseits gar nicht vorstellen, dass wir in Täterkontakt sind! Ich habe, als ich vorgestern Unterlagen sortiert habe, einen Brief von einer Staatsanwaltschaft gefunden, scheinbar wurde wegen irgendwas die Polizei kontaktiert, aber in dem Brief stand, dass diese „Geschichten“ viel eher meiner kPTBS und DIS entspringen, als denn der Realität entsprechen. Und will mir jetzt jemand sagen, dass die Polizei zu blöd ist um solche Sachen zu ermitteln? Ich denke mir mal, die Polizei gibt es nicht umsonst und wenn sie sagen, sie haben nichts gefunden, dann muss/sollte ich mich doch darauf verlassen können?!

Die Trauma Klinik, ja… eine andere Geschichte. Wir waren noch nie in einer Trauma Klinik und ich weiß noch, wie schon in der Jugendhilfe jeder so „schockiert“ oder entsetzt darüber war, dass wir nach unseren Erlebnissen etc. noch nicht einmal Trauma-Therapie hatten und weil wir nie in unserem Leben jemanden an der Seite hatten (haben), der uns da mal an die Hand nimmt und überhaupt erklärt, wie, was, wo, sind wir bis heute nicht in der Trauma Klinik gewesen. Ich glaube, dass in der Zeit, in der ich bei Frau Honig war, sie bereit gewesen wäre mir zu helfen, mich in einer anzumelden (ich bin mir echt nicht sicher, weil ich mich eigentlich an kein so ein Gespräch erinnern kann, aber irgendwie war das in unserem Kommunikationsheft oft Thema im Zusammenhang mit Frau Honig), aber es kam nie zustande, weil wir immer argumentiert haben, dass wir nicht wieder so viele Wochen in der Arbeit fehlen dürfen. Und dann wurde da nie diskutiert darüber. Ich weiß immer noch nicht wie man auf so eine Trauma Klinik kommen könnte, das habe ich aber auch schon oft genug erwähnt, gegenüber vielen Leuten, aber die sagen immer nur, man muss sich anmelden und dann warten. Das ist ja jetzt nicht gerade sehr hilfreich? Und soweit ich in unseren Unterlagen und im Mailverkehr (wobei das letztes Jahr war – oh man, für mich ist irgendwie immer noch November 19….), haben wir uns schon mit einigen Trauma Kliniken in Verbindung gesetzt, aber irgendwie kamen wir nie weiter… und demnach scheint wohl keiner von uns mehr Lust gehabt zu haben. Ist ja nicht so, dass das erst seit gestern Thema ist. Mit Trauma Klinik hängt man uns mittlerweile seit wir in der therapeutischen WG waren im Ohr, aber nie hat uns da jemand irgendwie an die Hand genommen und um das alleine zu lösen sind wir scheinbar zu blöd, wenn wir das selbst nach sechs Jahren nicht hinbekommen(????)

Und klar, wenn ich mich jetzt engagieren würde, wer weiß, bin ich in einem Monat wieder verschwunden(?) und dann taucht jemand von uns auf, der das mit der Trauma Klinik gar nicht auf dem Schirm hat und dann heißt es aber wieder von allen Seiten, wir hätten uns ja nicht mehr darum gekümmert oder uns gemeldet, dass wir Unterstützung brauchen. Das ist schwer und anstrengend und nervig und deshalb will ich das einfach nicht mehr. Es hat nach sechs Jahren zu nichts geführt und ich denke es wird immer noch zu nichts führen, weil es ja immer dasselbe ist (hallo Zeitschleife).

Na ja… weiß nicht, irgendwie bin ich jetzt verwirrt weil ich überhaupt nicht weiß, was weiterhelfen könnte, weil in mir drinnen irgendwie klar ist, ganz tief, dass Frau Honig irgendwo Recht hat in dem, was sie sagt. Zumindest trifft es irgendwo Anklang, wo ich nicht rankomme, und ich denke aber immer an den staatsanwältlichen Brief und wie mir schon als Kind immer in den Kopf geprügelt wurde: „Die Polizei ist dein Freund und Helfer“ und die würden alles lösen und finden können. Aber wenn die nichts finden, dann kann an der ganzen Sache kaum etwas dran sein. Und wenn das so ist, dann frage ich mich, wieso wir wirklich viele sind. Wenn es keine rituelle Gewalt war oder ist, was ist es dann? Ich meine, an meine Kindheit kann ich mich nicht erinnern, erst ab dem zehnten Lebensjahr, bis auf eine Geschichte mit einem Weihnachtsbaum mit Schoki, da muss ich zwischen vier und sechs Jahren gewesen sein (weiß es nicht sicher) und ich bin mir nicht einmal sicher, ob i.c.h mich wirklich s.e.l.b.e.r daran erinnere oder es mir nur vorstellen kann, weil ich ein Foto von mir ungefähr in dem Alter vor so einem Weihnachtsbaum habe und meine Mutter und mein Vater mir oft von dieser Schoki-Geschichte am Weihnachtsbaum erzählt haben.

Ach, alles verrückt und verwirrend. Ich will mich eigentlich nur noch jeden Tag auf der Couch oder in meinem Zimmer verlümmeln und Schloss Einstein schauen. Die Lehrer in dieser Serie sind mir vertrauter als alle anderen echten Menschen in meinem Leben. Total verrückt. Ich schaue gerade die Staffeln von 2004. Ich habe damals mit 12 oder 13 immer Schloss Eintsein geschaut, da waren teilweise auch noch so alte Folgen von 2002 oder 2004 dabei. Ich weiß nicht, ob ich schon vor meinem zehnten Lebenjahr Schloss Einstein geschaut habe, weil ich teilweise die ganzen Leute noch kenne, sogar die von 2000, dabei konnte ich da mit Sicherheit noch kein Schloss Einstein geschaut haben 😀 Ist rein rechnerisch schon nicht möglich. Aber irgendwoher muss ich die ja kennen, wenn ich einige Folgen von so früh schon erinnere. Am vertrautesten sind mir die Staffeln wo Herr Berger schon dabei war und Herr Pasulke etwas dicker und diese Frau Gallwitz erinnere ich aus den Folgen die i.c.h bewusst geschaut habe auch nicht, aber trotzdem kenne ich sie, genauso wie einige Folgen eben von ihr. Mein Gehirn ist wirklich seltsam. Wer weiß, vielleicht haben wir gar nicht 2020, sondern 1995 und ich bin noch nicht einmal geboren c(: Spaß bei Seite. Irgendwann kann man ja nur noch verwirrt sein.

Lora

Leuchttürme finden

Ich habe einiges vergessen. Ich war ja gestern in der Arbeit, war wirklich sehr nervös und angespannt, weil ich überhaupt nicht wusste, was auf mich zukommt. Das mit der Kostenkalkulation hat sich scheinbar schon total erledigt. Aber gut, es ist ja auch schon wieder Ende des nächsten Jahres… (also ausgegangen vom Jahr 2019) und ich schätze mal, da wird sich das ergeben haben. Auf dem Arbeitsplatz lag ein Block mit Abhak-Kästchen und allem, was gerade ansteht und erledigt werden muss. Das hat mir zumindest die Luft rausgenommen.

Also die Arbeit ist soweit okay. Ich bin froh, dass das etwas ist, was routiniert abläuft und sich nicht ständig ändert. Allerdings muss ich sagen, dass einiges Organisatorisches verwirrt ist. Irgendwie meinte meine Chefin, dass mein Arbeitsverhältnis nur bis zum 31.08. datiert war und ich dementsprechend auch nur so viele Urlaubstage hatte, und weil sie möchte, dass ich über Weihnachten (oder so) meinen nächsten Urlaub schon eintrage, ist ihr eben aufgefallen, dass das so nicht stimmt und die Urlaube neu eingetragen werden müssen, weil mein Vertrag verlängert wurde (Hilfe, hilfe, hilfe! Ich habe nie etwas mit Verträgen am Hut gehabt und offen gestanden kann ich mich auch überhaupt nicht an unseren Arbeitsvertrag erinnern, ich bin ja letztes Jahr mitten im Jahr aufgetaucht und davor war ich in der Ausbildung!)…. aber gut, also muss ich da irgendwas Organisatorisches klären.

Dann hatte ich mir wegen M/N (also dem Exorzisten) Gedanken gemacht und weil ich nur noch schwach in Erinnerungen hatte, dass ich mich mit ihm treffen wollte, habe ich ihn angerufen und wir haben vorgestern geskypt und geredet. Er hat mir von dem Treffen erzählt und dann konnte ich mich tatsächlich wieder erinnern, ja. Das war so ein unendlich anstrengender Tag, dass ich es scheinbar total verdrängt hatte. Aber ja, ich erinnere mich wieder. An seine Glaubensschwester und ihn, und dass mir die Glaubensschwester sehr sympathisch war und ich die beiden eigentlich ganz gut leiden konnte. Dann weiß ich noch ganz schleierhaft von seinem „Test“, als wir mit ihm in die Kirche sind und er da eben das Heilgebet gesprochen hat und bei einem bestimmten Satz etwas in mir drinnen passiert ist. Da wurde ja ein InnenName so unendlich laut „gegen meine Stirn“ gebrüllt von innen, als würde sie/er in mir drinnen ihm und der Glaubensschwester entgegenschreien wollen „Verpisst euch!“ Und ich erinnere mich auch noch ganz schwach an die dann aufploppenden Bilder von (TW)

einem umgedrehten Kreuz auf dem und um den herum abbrennende Kerzen stehen (das Bild sah ich in einer Perspektive, als würde ich vor dem Kreuz knien, definitiv nicht stehen, weil mein Gesicht war nur leicht oberhalb von der Kreuz-Mitte und da das Kreuz auf dem Kopf stand, kann ich nicht gestanden sein, es sei denn, es war ein gigantisches Kreuz).

TW ENDE.

Wir redeten also vorgestern eine Weile miteinander. Ich finde ihn eigentlich ganz witzig. Er ist ein wenig provokant, aber nicht auf die unangenehme Art und Weise, sondern auf eine, über die ich schmunzeln kann. Es gab nur eine Sache die mich ein wenig… wütend gemacht oder geärgert hat. Er konnte sich ja an mich und einige von uns erinnern und erzählte dann auch einiges von anderen Leuten mit DIS (ohne Namen) die er kennt und er meinte, bei DIS sei scheinbar alles möglich. Dazu erzählte er mir von einer DIS Person die jetzt 17 ist und erst  mit 13 DIS entwickelt hat. (… ich sage dazu mal nichts). Dann hat er einige Persönlichkeiten aufgezählt, zum einen auch eine mit einem japanischen Namen, der ein sehr guter Schwimmer ist usw. Die 17 Jährige erzählt, sie wäre in der Schule gemobbt worden und da wäre die DIS entstanden. Als M dann nach dem Namen gegoogelt hat, hat er festgestellt dass die aus einer japanischen Serie (einem Anime) ist und dieser Charakter 1 zu 1 dem entspricht, wie sich die Siebzehnjährige verhält wenn sie sagt, dass sie gerade dieser Anteil ist. Und er meinte, das würde ihm eben zeigen, dass DIS Leute auch „einfach so“ Persönlichkeiten entwickeln, die sie mal in einem Buch oder eine Serie gesehen haben. Und ich musste mir so verkneifen zu sagen „Oder du lässt dich ganz ordentlich übers Ohr hauen“ und gleichzeitig war ich sooooo gereizt und irgendwie wütend oder verärgert, weil ich mir denke, genau wegen solchen Menschen gerät diese Diagnose so in Verruf. Sie spielen damit und machen sich daraus einen Spaß, irgendwelche „Charakter zu entwickeln“ und behaupten dann, sie wären viele. Dass Leute die dann aber wirklich eine DIS haben gerade wegen solchen Leuten dann nicht mehr ernst genommen oder als unglaubwürdig betitelt werden, ist selten klar. Ich weiß gar nicht, wieso mich das sooooo wütend gemacht hat!!! Naja und dass dann so eine Person auch noch an M gerät, der ja dazu Youtube Videos macht und versucht über DIS „aufzuklären“ ist natürlich auch mal wieder super. Am liebsten würde ich zu diesem 17 jährigen Mädchen hingehen und ihr mal „zeigen“ was DIS ist. Oder ihr DIS „beibringen“. Sorry, dass ich da so knallhart bin, aber ich habe es mir nicht gerade leicht getan, mich damit auseinanderzusetzen und zu erfahren wie das entstehen konnte oder dass es eben nicht normal ist, wie ich lebe und mich wahrnehme. Und dann von Menschen zu hören, die solche Sachen erzählen und das dann sicher auch so in ihrem Umfeld präsentieren, da könnte ich einfach nur ausrasten.

Mir ist schon klar, dass es möglich ist, dass man bei einer DIS auch ein Tier oder eine Comicfigur oder jemand aus einem Film sein kann. Aber dass dann 90 % der Persönlichkeiten aus irgendwelchen schon bestehenden Film- oder Buchcharaktern besteht und derjenige dann behauptet, er wäre in der Schule ab der sechsten Klasse „so krass gemobbt“ worden, dass er viele werden musste (was aber ja nur im Kleinkindalter möglich ist, das überhaupt zu entwickeln), dann könnte ich durchdrehen. Zum Einen weil ich ja weiß, dass wir auch eine sehr üble Mobbinggeschichte hinter uns haben (mit Körperverletzung!), die wir n.i.c.h.t dissazoiert (oder wie das auch wieder heißt), haben, o.b.w.o.h.l wir viele sind und weil es auch genug Opfer von ritueller Gewalt gibt, die k.e.i.n.e DIS haben und sich (zu ihrem Leidwesen) noch an fast alles erinnern. Und dann kommt da so eine dahergelaufene 17-jährige blöde Kuh die sagt „mimimi, mein Leben in der Schule war so schlimm, jetzt habe ich Anteile die Harry Potter, Sasuke und Pinocchio heißen, weil ich mit 13 Viele geworden bin!“ ……….. könnte mir mal bitte jemand die Haare halten, damit ich in die Tastatur kotzen kann?

So, das wollte ich mal rauslassen, weil mich das bei dem Skype Gespräch so aufgeregt hat, aber ich habe darauf nicht reagiert und das musste jetzt echt mal raus.

Da gibt es Menschen die leiden gottverdammt noch eins unter dieser Diagnose und dann kommen da so dumme Kinder (okay, so gesehen ist sie älter als ich, aber trotzdem ist das Kleinkindverhalten) und machen sich daraus so einen Spaß und ziehen damit die Glaubwürdigkeit von wirklich Betroffenen total in den Dreck.

Und puh, darüber wollte ich eigentlich gar nicht hauptsächlich schreiben, sondern darüber, wie gut mir die Menschen oder Situationen tun, die mir bekannt sind. Und ja, da gehört nun einmal auch ein Exorzist dazu, den ich als sympathischen und zugewandten und humorvollen Typen kennengelernt habe. Aber nicht nur… auch das Gesicht meiner Chefin, das Gebäude in dem ich Arbeite und die Umgebung ist mir bekannt. Die Straßen, der Dorfplatz, das Rückhaltebecken, der ehemalige Betreuer aus der Jugendhilfe, der mich vorhin angerufen hat, damit wir morgen Abend zusammen essen gehen (eigentlich waren wir laut Kalender heute verabredet, aber das Restaurant ist zu), die Bushaltestellen, die Wälder und Felder drumherum – das sind alles Dinge, die ich noch von früher kenne, die nicht einfach verschwunden sind. Das ist wie… das sind wie kleine Lichtleuchten, die mich kurz blenden, damit ich wieder zurückfinde. Irgendwie wie so kleine Leuchttürme in der Außenwelt, an die ich mich orientieren kann. Immer wieder fühle ich mich erleichtert, wenn ich an so einen Leuchtturm treffe. Wie eben täglich dieses Bürogebäude, die bekannten Gesichter aus meiner Ausbildung, mein ehemaliger Betreuer, die Wälder und Wiesen, die Gewässer, die Bushaltestellen, die Veranstaltungsräume, in denen jedes Jahr irgendwelche Theater oder Konzerte stattgefunden haben. Das erinnert mich daran, dass ich mich nicht auflöse. Wenigstens das ist noch vertraut.

Lora

 

Zu viele Lücken

Mir fehlt von gestern sehr viel Zeit. Also, einige Zeit zumindest. Ich weiß nicht, ob ich das schon einmal erwähnt habe, aber scheinbar funktionieren wir ganz anders als der Rest des „Systems“. Bzw. als alle anderen in mir. Ich habe ja schon viel gelesen wie es einigen von denen, die ich noch nicht kenne, aufstoßt, dass man sie dazu bittet eine innere Konferenz und so etwas zu schalten, weil das „unmöglich“ sei. Ich muss aber sagen, dass wie nie irgendwas anderes gemacht haben. Wenn ich nicht im Außen bin, habe ich eine innere Welt in meinen Slums und wenn alle von uns da sind, können wir uns an ein Lagerfeuer setzen und reden oder erzählen, bis auf Kali. Sie redet nicht. Das klingt verrückt, aber wenn sie uns etwas mitteilen will, dann passiert das in meiner „Innenwelt“ (eine Freundin nannte das mal ähnlich wie eine Meditation – o.k.a.y.y.y.?!), indem sie quasi an eine leere Wand schaut und auf die Wand wie einen Film projiziert, was sie erlebt hat.

Allerdings, und das ist hingegen anders und ein Nachteil von meinen Homies und den anderen Systemen von uns, kann keiner von uns mitbeobachten, wenn jemand gerade den Körper benutzt. Zumindest ist mir das noch nie aufgefallen. Hin und wieder mal nur sehr bruchstückhaft, so wie zum Beispiel letztens beim Plätzchen Backen mit Minka… (ich habe sie letztens noch Mia genannt aber in unserem Handy steht sie jetzt als Minka im „Pseudonym-Verzeichnis? Also nehme ich an, ihr werdet schon wissen, wen ich meine), Mona und … wie hieß noch gleich der Junge?… Aaaah, genau. A. Mit den dreien war Toni Plätzchen backen, aber davon habe ich so wenige blitzartige Bilder mitbekommen, dass es kaum erwähnenswert war. Jetzt musste ich gerade lachen weil ich beim Blick auf das Datum mich erinnert habe, dass wir ja schon(„erst“) September haben und das aber im November war mit dem Plätzchenbacken, das heißt, es ist schon ein Jahr her… c(:

Wir können aber nicht besonders gleichzeitig miteinander in Kontakt sein, wenn jemand nicht in den Slums ist. Das ist auch so seltsam, manchmal verschwindet einfach jemand aus unserer Gegend (in der Innenwelt), wie Jonna zum Beispiel. Das ist ähnlich wie meine reale Horror-Zeitschleife, seit ich denken kann, verschwindet Jonna manchmal und taucht dann plötzlich vollgedröhnt in irgendeiner Ecke wieder auf. Normalerweise haben Jessie und ich uns dann um sie gekümmert, aber Jessie ist ja schon seit einer Ewigkeit verschwunden. Genauso wie Kali oder Kayla oder Toni manchmal verschwinden, sich fast wie in Luft auflösen. Dann tauchen sie wieder auf, aber nie alle auf einmal, das geschieht immer nur mit einem. Meistens kommen sie dann zurück und können allen anderen erzählen, was sie erlebt haben. Daraus habe ich also geschlossen, dass wenn jemand von uns innen sich in Luft auflöst, er quasi gerade den Körper „übernimmt“. Und wenn man mich fragt, klingt das wirklich ein bisschen nach Besessenheit, weshalb ich M. damals angeschrieben habe.

Gestern war es ähnlich. Ich war in der Arbeit, daran erinnere ich mich. Nach der Arbeit habe ich eine Zeitlücke. Dann war ich in der WG und habe Wäsche gemacht und war um 16 Uhr mit Jimmy spazieren. Danach habe ich wieder eine Zeitlücke. Dann saß ich auf der Couch und habe mir Schloss Einstein angesehen. Zumindest sehe ich das Intro einspielen. Dann habe ich wieder eine Zeitlücke. Dann war L. da (ich muss sagen, ich bin ein wenig verwirrt, weil in unserem Pseudonym Verzeichnis ist L dieselbe Person wie eine andere mit einem anderen Pseudonym hier, das verstehe ich nicht … deswegen weiß ich jetzt nicht, ob dieser stimmt). Sie saß auf der Couch, vor uns lief der Fernseher (Schloss Einstein schauten wir über Youtube auf dem Laptop), der Laptop stand rechts von mir zugeklappt. Dann war ich wieder weg. Und heute bin ich aufgewacht. Ich kann mich auch erinnern, dass ich immer wieder daran gedacht habe, dass ich in mein-unser Tagebuch schreiben möchte, aber irgendwie kam ich nicht dazu.

Mit Sie & Co hatte ich Kontakt, da saß ich auch auf der Couch. Das muss kurz vor oder nach dem Schloss Einstein schauen gewesen sein und während der Arbeit. Mit Schmetterling und Frau Honig hatte ich auch geschrieben. Sie & co und Schmetterling haben mir vorgeschlagen, Frau Blume eine E-Mail zu schreiben. Aber nachdem mein Pseudonym Verzeichnis so aussieht:

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…wusste ich nicht einmal, wie sie richtig heißt. Ich kann mich gerade auch nicht mehr erinnern, wer mir ihren Namen dann nebenbei verraten hat, auf jeden Fall hatte ich dann ihre E-Mail Adresse, war aber nicht wirklich gewollt ihr zu schreiben. Wie gesagt, ich möchte keine Beziehung mit ihr eingehen. Es fühlt sich an wie eine Blockade, weil meinerseits die Therapie bei Frau Honig so war, wie wir es uns immer gewünscht hätten und es fühlt sich nicht richtig an, schon wieder eine neue Therapeutin kennenzulernen. Ich kann nicht und ich möchte nicht… Deshalb habe ich ihr nicht geschrieben. Und werde es auch in Zukunft nicht tun.

Mein Wochen-Countdown, wie ich ihn erstellt habe, existiert so auch nicht mehr. Zumindest finde ich ab Januar ca. keine weiteren. Ich war ja, kaum, dass ich den begonnen habe, dann auch schon wieder weg. Ich bin schon ein wenig froh, dass andere die ich noch nicht kenne versucht haben den weiter zu führen, aber schade, dass sich das nicht durchgezogen hat. Vielleicht brauchen die es auch einfach nicht, wenn sie so ein gutes Co-Bewusstsein haben, aber ich werde das so für mich beibehalten, sonst habe ich zu viele Lücken im Tag, die ich nicht füllen kann.

Lora