Eine ewige Wiederholung (K)

Heute bin ich sehr müde, aber mir geht es gut. Zum Teil, jedenfalls. Um sechs Uhr bin ich aufgewacht, unser Zimmer sieht sehr anders aus. Es hängen gar keine Bilder/Poster mehr an der Wand, sondern nur noch weiße DIN A3 Blätter mit irgendwelchen komischen Notizen über die Seeschlacht von Lepanto oder einem Zeitstrahl für unsere niemals fertigwerdende Geschichte. Drei von den DIN A3 Blättern sind leer, kleben einfach so an unserer Wand. Das Malen-Nach-Zahlen Gemälde von dem bunten Hirsch ist auch weg, die Bilder, die wir mit Acryl gemalt haben und neben unserem Bett standen stehen jetzt auf dem Bücherregel direkt neben der Tür und auf dem Schrank neben unserem Bett stattdessen eine kleine süße Pflanze. Unser Schreibtisch ist total aufgeräumt. Zuletzt waren da alle möglichen Tagebücher und Kommunikationshefte, jetzt steht da nur noch unser E-Piano. Unsere Kuscheltiere von der Couch sind weg. Sie ist komplett leer. Allgemein das ganze Zimmer sieht sehr leer und weiß aus. Lou & co. habe ich heute Früh noch nicht gespürt, ich denke, sie haben die Veränderung noch gar nicht wahrgenommen. Ich fühle mich aber auch total verändert… 2018 war ich noch sicher, ich bin fünfzehn. Heute fühle ich mich vielmehr wie siebzehn. Als wäre ich irgendwie gealtert, was ich schräg aber nicht unbedingt schlecht finde, weil ich nicht wusste, dass das möglich ist.

Ich weiß noch nicht ganz einzuordnen was los ist… langsam fühle ich mich erschöpft, denn wir geben uns so viel Mühe und ich habe trotzdem das Gefühl, wir drehen uns um Kreis. Diese typischen Abläufe passieren dann eben doch noch und ich dachte, dass wenn wir in der Therapie mit der Arbeit mit dem Vielesein vorankommen, dass dann diese… wie soll ich das überhaupt nennen? Algorithmen auch besser werden, oder dass es dann nicht mehr so automatisch passiert, dass unser System einfach so mal wieder aktiv wird, ohne Absprache. Denn die gab es nicht. Ich kann mich an einiges aus der Klinik noch erinnern, dort waren wir noch so ein bisschen aktiv. Ich kann mich auch erinnern wie ich im Kommunikationsheft versucht habe mit System 5 Kontakt aufzunehmen, doch dann… seit der Klinik fehlt mir unendlich viel Erinnerung. Ich müsste jetzt einige Einträge hier im Blog nachlesen, in unserem Handyverlauf schauen, in unserem Kommunikationsheft und Tagebüchern lesen, aber irgendwie habe ich das Gefühl, als wäre das Zeitverschwendung und nicht wichtig. Als hätte ich mir das alles zur Zusatzaufgabe gemacht, seit wir über die verschiedenen Systeme bescheid wissen. Dabei hat das früher auch ganz wunderbar funktioniert, ohne dass ich mir ein, zwei Tage Zeit nehmen musste, um alles, was war, nachzulesen. Auf die Idee wäre ich nie gekommen. Mich stört im Grunde nicht einmal der Zeitverlust oder das mir eventuell wichtige Erinnerungen fehlen, sondern vielmehr die Tatsache, dass ich das Gefühl habe das alles nachlesen zu müssen. Dabei ist das Quatsch. Wir müssen gar nichts.

Dadurch, dass ich irgendwie erst seit heute wieder aktiv bin, habe ich noch gar keinen guten Zugang und Kontakt zu Anderen. Es fühlt sich an, wie aus einem verdammt tiefen Schlaf zu erwachen und erst einmal wirklich wach werden müssen, bevor man mit jemandem kommunizieren kann. Als würde ich innerlich nur ganz viel Gähnen und Strecken und müdes Augenreiben empfinden. Und Orientierung. Ganz, ganz viel Orientierung.

Ich muss jetzt erst einmal meine Gedanken sortieren. Was zum Beispiel genau meine letzte Konkrete Erinnerung ist. Ich weiß, dass sie in der Klinik war. Einige Informationen sind vorhanden. Das könnt ihr euch vorstellen wie einen runden Tisch, auf dem in der Mitte eine Info-Zentrale ist, wo in Stichpunkten kleine Notizzettel angeheftet sind: Eine Beziehung mit Severin, er ist grad in Kroatien – Geburtstagsgeschenk für Cia suchen, sie mag Darkrai (ich weiß nicht einmal, was Darkrai ist, aber diese Info ist in meinem Kopf) – Wohnungsbesichtigung heute – etc.

Das sind Dinge, auf die ich Zugreifen kann. Aber eine emotionale Reaktion auf das Thema „Eine Beziehung mit Severin“ oder „Wohnungsbesichtigung heute“ taucht bei mir (noch) nicht auf. Das sind jetzt erst einmal nur Fakten, nach denen ich leben bzw. die ich abarbeiten muss.

Heute war ich im Supermarkt, um für unsere Abteilung den Obstkorb zu holen. Dort angekommen merkte ich schon, dass irgendwas nicht stimmt, aber ich konnte nicht identifizieren was. Als ich dort bei den Obstkörben stand, war unsere Kostenstelle nirgendwo dabei. Ich stand ein paar Sekunden ratlos dort, bis dann eine plötzliche „Eingebung“ kam, dass wir seit mehreren Wochen wohl immer vorher mit unserer Chefin und dem Kollegen absprechen, was wir für Obst holen und den Obstkorb erst dort zusammenstellen lassen. Das habe ich noch nie so gemacht, deshalb wusste ich nichts davon, aber irgendwie hatte ich im Gefühl, das irgendwas nicht richtig ist, bzw., dass ich irgendwas nicht richtig mache.

Also bin ich zurück gegangen, habe mich für die Verzögerung entschuldigt und gestanden, dass ich „vergessen“ habe, dass wir den Obstkorb neuerdings immer zusammenstellen. Meine Chefin hat mich zwar freundlich angelächelt aber wirkte etwas verwirrt. Vermutlich ist für sie mein Neuerdings ein „mehrere Wochen-Neuerdings“. Nachdem mir beide gesagt hatten, was sie wollten, bin ich also noch einmal rüber und habe den Obstkorb zusammenstellen lassen.

Ufz… ich selber merke, dass ich keine große Lust auf die Wohnungsbesichtigung habe. Ich weiß noch nicht einmal, welche Wohnung wir anschauen. Die einzigen Infos die ich habe: Wir sollen bis 15 Uhr in der Stadt sein und von dort nimmt uns *Toni mit – mit dem wir in diese Wohnung ziehen würden. Ich frage mich, wie um Himmels Willen es dazu gekommen ist, dass wir mit Toni in eine Wohnung ziehen wollen. (Toni kennen wir noch aus der Jugendhilfe. Er war in einer anderen Wohngruppe und wir lernten ihn im Supermarkt vor fünf Jahren während seiner Ausbildung kennen. Er und Charlie hatten einen Crush auf uns, aber damals standen wir ja ganz sicher nur auf Frauen…) Gerade in diesem Moment kam gerade ein Gedanke, der mich total erschreckt hat. Ob wir mit Toni eine Affäre haben oder Severin unsere Affäre ist, aber dann habe ich innerlich ein Lachen und ein „nein, wir sind nur Freunde“ gehört. Meine Fitbit zeigt mir an, dass mein Puls auf 110 gestiegen ist. Im Sitzen 😀

Update 08.09.21

Sorry, es ist sowas von Durcheinander und anstrengend.. im Endeffekt haben wir einfach nur ein Gespräch mir brh gehabt.. sie hat, dass das alles nicht funktioniert hier, alles auf uns geschoben. Also, dass die Hilfemaßnahmen scheitern liegt einzig allein an uns..bei sich selbst hat sie nicht einen einzigen Fehler erkannt… es ärgert mich jetzt nicht großartig, weil zum Großteil ist es wirklich unsere Schuld (willentlich, wir halten uns ja ganz absichtlich nicht an die Regeln). Also ärgern tut es mich nicht. Aber es erschreckt mich wie wenig Selbstreflektion Erwachsene besitzen, dass sie nicht einen einzigen Fehler bei sich erkennen. Wenn etwas nicht funktioniert, gehören immer zwei dazu. Aber.. im Grunde ist es mir egal… ich habe mit den Leuten hier schon sehr sehr lange abgeschlossen.

Unterstützung vom Direktor + „richtige“ Emotionen

Gestern hatte mich der Direktor zu einem Gespräch für heute Früh eingeladen. Er wollte eigentlich nur wissen wie der Stand ist, wie es mir geht etc. Ich habe ihm von meinem Ärger über die Behandlung im Fachbereich erzählt. Er findet es gut, dass ich mich dort engagieren möchte und möchte mich dort auch unterstützen. Er gab mir den Tipp, dass ich so ca. einen 2 Seiten DIN A4 Brief verfasse über meine Wahrnehmung im Umgang mit den Hilfeberechtigten und den Erfahrungsaustausch – Da würde er dann drüber schauen, um abzuchecken ob das nicht zu angreifend klingt. Dann würde er den Fachbereichsleiter und noch eine andere Mitarbeiterin mit ins Boot holen, damit wir so etwas wie einen „Heimbeirat“ gründen könnten. Das finde ich super klasse.

Gestern habe ich übrigens noch mit Mona über das geredet, was ich hier geschrieben habe. Bzw. hat sie den letzten Eintrag gelesen und als wir uns darüber austauschten fiel mir etwas auf. Ich habe versucht zu verstehen, wo dieses plötzlich andere Erleben von Emotionen herkommt und dass ich nicht weiß, was genau in der Klinik das in mir} ausgelöst hat. Mona ist der Überzeugung, dass das der Umgang mit mir} vom Personal war: Also die Erfahrung ernstgenommen und in meinen Wahrnehmungen bestätigt und unterstützt zu werden. Dann meinte ich, das ergäbe Sinn aber das würde mir noch nicht erklären, wie ich es gelernt habe – vor allem so schnell – diese Emotionen auch „richtig“ rauszulassen. Mir fiel dann ein, dass Cia, Belinda und die meisten anderen Mitpatienten sehr authentisch waren. Also, dass wenn sie traurig waren, Traurigkeit gezeigt haben, wenn sie wütend waren, ihren Ärger nicht versteckt haben und so weiter. 

Dann habe ich aber überlegt, wo das überhaupt herkam, dass ich meine} Emotionen so komplett verboten habe zu zeigen. Im ersten Moment konnte ich} mich überhaupt nicht erinnern, wie ich vor der Geschlossenen in Landsberg war. Ich weiß, dass sie mich zu einem emotional toten Menschen erzogen haben. Ich wurde dort wie ein aufmerksamkeitsgestörter Borderliner behandelt. Egal ob ich (zu Recht) wütend, frustriert, enttäuscht, verzweifelt, traurig oder fröhlich war (und zwar, wenn ich reflektiere, sogar in angemessenen Maßen!), wurde ich von ihnen ignoriert. Meine Anliegen und Ängste, Wünsche oder Anregungen wurden komplett abgewertet, weil sie ja bloß von meinen „übertriebenen“ Reaktionen stammten. Wenn ich heulte, wurde ich bestraft. Wenn ich eine Panikattacke bekommen habe, weil ich 38 Tage nicht an die frische Luft durfte (nicht einmal auf einen abgesperrten Balkon o.ä.), und meine Nase aus dem Fensterspalt gestreckt habe, um Luft zu holen, hat man sich auf mich draufgeschmissen, mich auf das Bett gedrückt und mir gedroht mich zu fixieren. Wenn ich über massenhaft sexuelle Übergriffe geklagt habe, habe ich ihrer Meinung nach zu spät, zu wenig, oder zu extrem reagiert. Unterm Strich: Egal wie ich war, sie zeigten mir, dass ich komplett falsch bin in meiner Wahrnehmung und im Ausleben meiner Empfindungen. Sie haben mich emotional wirklich total getötet. 

Und ich konnte mich gestern nicht erinnern wie ich vor der Klinik war. Wie ich da gefühlt habe… doch nach ein wenig Nachdenken und Erinnern wusste ich es wieder. Ich habe sehr wohl viel mehr Emotionen gehabt, nur habe ich sie „falsch“ rausgelassen. Als mir mal mein Kaninchen weggenommen wurde, war ich verletzt und traurig. Doch statt zu weinen habe ich eine Plastikmülltonne durch mein Zimmer getreten, die kaputt gegangen ist und habe die Betreuer angeschrien. Wenn ich wütend war und mich ungerecht behandelt gefühlt habe, habe ich nicht wütend reagiert, sondern habe aus Trotz mit niemandem mehr gesprochen und mich zurückgezogen. 

Das ist der Unterschied. Ich habe zwar vor der Geschlossenen „richtige“ Emotionen gehabt, nur habe ich sie „falsch“ rausgelassen. (In Anführungszeichen, weil ich finde es gibt keine „richtigen oder falschen“ Emotionen). Ich habe nur keine Lust jetzt hier großartig mit Wörtern zu experimentieren. Ich denke, ihr versteht schon wie ich das meine. 

Und trotzdem verstehe ich nicht ganz, warum das jetzt so anders ist. Wo habe ich gelernt, dass wenn ich traurig bin, weinen darf und kann und nicht eine Mülltonne zum Beispiel durch ein Zimmer trete? Wo habe ich gelernt, dass wenn ich Angst habe, die Angst zeigen und aussprechen darf? Wo habe ich gelernt, dass ich meine Wut ausdrücken darf, wenn ich das doch eigentlich nie beigebracht bekommen habe? Ich meine, das war ja nicht das, was mir das MRI beigebracht hat. Und ich weiß nicht, ob zwei Monate Umgang mit authentischen Menschen reicht, damit ich} so etwas (wieder) lerne. Und ich meine, da gehört doch noch viel mehr dazu: Da gehört doch vor allem der Mut dazu, sich selbst und seinen Wahrnehmungen zu vertrauen. Gerade traumatisierte Menschen haben doch damit die  größten Schwierigkeiten. Wieso bin ich mir auf einmal so sicher, dass das und so, wie ich} empfinde, absolut richtig ist? Oder hat da Frau Blume im letzten Jahr schon so viel Vorarbeit geleistet? Wenn ich zurückdenke, kann ich mich zwar an keine einzige konkrete Stunde mit ihr erinnern und könnte nicht im Entferntesten sagen, was wir überhaupt in der Therapie machen. Aber ich weiß, dass sie mir nie ihre Meinung oder ihre Wahrnehmung übergestülpt oder mich eines Besseren belehrt hat. Wenn ich reagierte, hinterfragte sie mich nur immer wieder mal und dadurch konnte ich dann mein Verhalten oder meine Empfindung im Ausdruck korrigieren. 

Ich habe keine Ahnung… ich finde es super verwirrend, weil ich auf keine Antworten komme… und Antworten sind mir immer wichtig. Früher hätte ich gesagt, egal, Hauptsache es ist jetzt so und es ist gut so. Aber mittlerweile denke ich, sollte ich das wieder verlieren, wüsste ich durch die Antwort wie ich es wiedererlangen kann … ähm… was das jetzt verständlich?

Ansonsten haben wir noch bisschen über die Sachen mit den Hämatomen nachgedacht… sorry in den Video dissoziieren wir irgendwo einmal kurz extrem weg und wechseln dann, glaube ich… also falls ihr euch wundert, dass sich da irgendwo plötzlich nichts mehr bewegt 🙈

https://youtu.be/idRd5k3zESc