Über den eigenen Schatten springen

Nachdem ich mir das alles nochmal durch den Kopf gehen lassen habe, gibt es da wirklich noch einige mehr Punkte, die ich einfach nicht begreife… wenn S* an dem einen Sonntag zu uns raus kam, weil wir gelacht haben (wir hatten die WZ Tür mit Klarsichtfolie abgebunden und Jimmy gerufen – er ist unten durch gelaufen, er ist halt doch kein blöder Hund -, da mussten wir natürlich lachen. Da ist S dann rausgekommen und meinte, ob wir bitte leiser sein könnten, weil sie gerne schlafen möchte. Wir haben uns entschuldigt und sie hat auch recht, das war wirklich nicht rücksichtsvoll von uns, auch wenn wir jetzt keinen Partylärm gemacht haben, das Lachen hört man halt doch zu ihr ins Zimmer rein). – wieso haben S und N dann nicht einfach noch einmal das Gespräch mit uns gesucht? Wir leben seit drei Jahren in dieser WG und es hat sich noch nie jemand beschwert, dass man die Haustür abends hört oder dass man das Verabschieden hört, wenn man Gäste zur Tür begleitet – wenn sich da nie jemand beschwert hat, woher sollen wir denn dann wissen, dass S das in ihrem Zimmer hört und deshalb nicht schlafen kann?

Nachdem sie uns an diesem Sonntag vor zwei Wochen (glaube ich war das, als Severin auch da war), gebeten hat leiser zu sein, seitdem FLÜSTERN Lena und ich sogar nur noch, wenn wir im Wohnzimmer sind und trauen uns nicht einmal mehr wirklich zu lachen – maximal zu kichern. Wir schließen ständig die Wohnzimmer Tür und der Fernseher ist auch auf Laustärke 12 – außerdem halte ich die ganze Zeit die Fernbedienung in der Hand, weil Amazon das Talent hat, bei gewissen Stellen plötzlich die Ohren kaputtbrüllen zu wollen, so dass ich 2 Stunden lang bei einem Film eigentlich ständig die Regler der Lautstärke verändere, damit man nicht einmal den Fernseher hört.

Was ich an der ganzen Sache jetzt eben nicht verstehe: Wieso musste S das ausgerechnet bei der Hausversammlung ansprechen, wo das ganze Haus und die Betreuer mit dabei saßen? Wieso konnte sie nicht an einem einzigen Tag in den letzten zwei Wochen auf uns zukommen und einfach sagen: „Hey, Mii, wenn du abends Lena an der Tür verabschiedest, dann höre ich das und kann nicht schlafen“, sondern bei der Hausversammlung zu sagen: „Ich würde ab 22 Uhr bitten kein Besuch mehr im Haus zu haben, weil durch die Gespräche an der Haustür und der Tür selbst kann ich nicht schlafen.“? Es ist doch klar, dass nur wir immer Besuch haben. Ich finde das hat eine ziemlich bloßstellende und angreifende Atmosphäre geschaffen… und ich verstehe es nicht. Wir waren immer aufgeschlossen und ehrlich und freundlich zu N und S, weil wir sie ja auch wirklich mögen… und wir kamen uns gestern so hintergangen und enttäuscht vor… ich glaube das war eigentlich der Hauptgrund, der uns richtig verletzt hat.

Wir haben dann auch am Tisch gesagt: „Ich verstehe bloß nicht, wieso du nicht einfach auf mich zu kommst und es mir persönlich sagst, es ist ja offensichtlich, dass ich gemeint bin, weil nur ich Lena zu Besuch habe bis halb zwölf.“ Aber dann kam von N (also S. Freundin), irgendwie nur noch einer auf den Deckel… sie müsste uns ständig sagen, dass wir leiser sein sollten und das halt blöd ist für den Schlaf. Das haben wir korrigiert, dieses „ständig“. S kam nur ein einziges Mal vor zwei Wochen aus ihrem Zimmer und hat uns um Ruhe gebeten uns seitdem haben wir IMMER darauf geachtet nur noch zu flüstern, wenn Lena da war.

Dass man das Verabschieden an der Tür oder die Tür selber hört, haben sie uns nie, nicht auch nur mit einem einzigen Wort gesagt. Dann meinte ich zu S: „Es ist halt schade, weil wir nur Abends Zeit haben und Lena meine einzige Bezugsperson ist. Ich könnte auch anbieten, dass ich Lena dann halt durch die Terassentür rauslasse.“ Da meinte dann Herr H. gleich so abweisend: „Nein. Das erlauben wir nicht. Frau *** kommt durch die Haustür und geht auch wieder durch die Haustür. Das haben wir auch so mit ihr besprochen.“ Allein der Tonfall hat mich schon wieder so fassungslos gemacht. Am liebsten hätte ich dem neuen Mitarbeiter gesagt: „Hören Sie mal, Sie arbeiten hier nicht mehr mit Jugendlichen, sondern mit ERWACHSENEN. Und so möchten wir auch behandelt werden.“ Ganz abgesehen davon war ich so wütend. Am liebsten hätte ich ihnen mal meine Meinung gesagt: Dass ich 650 Euro pro Monat für EIN ZIMMER zahle, dass mich diese Einrichtung hier finanziell und psychisch ruiniert, ich hier nicht einmal freiwillig bin, keine Unterstützung beim Aussteigen (und das nenne ich jetzt bewusst so), kriege und dann will man mir noch vorschreiben, wann und wie lange ich in einem selbstgezahlten Wohnen Besuch kriege? Oder wo und wie ich sie empfange? Ich glaube die haben den Schuss nicht gehört.

Ich bin ja dann aufgestanden und gegangen (nach der Diskussion mit dem Vorratsschrankputz, wo er dann wirklich den Vogel abgeschossen hat). Ich weiß nicht, ob das bei dem Geheule gestern klar war, was genau da passiert ist. N hat sich darüber beschwert, dass die Vorratsschränke ungerecht aufgeteilt sind und darum gebeten, dass wir da mal gemeinsam als Haus Ordnung schaffen. Ich habe gesagt, wir haben an Wochenenden Zeit, aber wir sind eben am Samstag verabredet und brauchen eine Uhrzeit. Da meinte Herr H. „Ja, das wird ja nicht den ganzen Tag dauern.“ Und wir meinten: „Nein, aber wir brauchen trotzdem eine Uhrzeit, weil wir verabredet sind“ und er meinte wieder: „Ja Frau *** so ein Vorratsschank Ausmisten dauert nicht eine ganzen Tag“. Da ist und schon wieder die Hutschnur geplatzt. Ist er eigentlich kognitiv nicht ganz auf der Höhe? Wenn wir verabredet sind, dann brauchen wir eine Uhrzeit, damit wir uns darauf einstellen können. Und dann meinten wir ziemlich entnervt: „Ja, aber darum geht es ja nicht! Wenn wir verabredet sind, wäre es sinnvoll eine Uhrzeit auszumachen, damit wir da auch da sind, wenn das getan wird!“ Ich glaube, sogar meine vierjährige Cousine hätte das schneller begriffen als er. Dann schlug S den Samstag um 15 Uhr vor. Erst hat da niemand etwas einzuwenden gehabt. Ich meinte, ab 16 Uhr bin ich ca weg. Eine Stunde sollte ja reichen. Dann meinte irgendjemand, dann doch lieber um 14 Uhr, einfach, damit das nicht im Stress passiert. Da meinte N dann aber plötzlich, das wäre ja auch blöd, weil da die Einkaufsfahrt ist. Dann meinte ich, für mich wäre 15 Uhr kein Problem, aber irgendwie ging das dann doch wegen der EInkaufsfahrt nicht. Dann meinte Elly: „Dann bleibt und noch Freitag und Sonntag, aber da bist ja du nicht da, Joey.“ Und dann schlug sie vor: „Anosnsten machen wir es halt jetzt gleich nach der Hausversammlung.“ Dann meinten wir: „Es tut mir echt leid, aber meine Laune ist gerade so dermaßen extrem im Keller, ich habe jetzt nicht den geringsten Nerv mich noch mit euch da hinzustellen und hier eine großartige Aufräumaktion zu starten.“ (davor war ja schon die Art wie die Betreuer mit uns geredet haben und die Bloßstellung von N am ganzen Tisch). Da meinte dann Herr H an uns gewandt: „Ja, Frau ** das hilft nichts, irgendwann muss das gemacht werden.“ Und da haben wir dann schon wirkllich ein bisschen gezickt, weil ich mir echt dachte, dem gehört doch mal eine Runtergehauen, damit er merkt, wie er sich verhält: „Das ist mir klar, aber das scheitert ja wohl nicht allein an uns, dass wir keinen Termin finden. Freitag, Samstag und Sonntag haben wir Zeit! Das geht die ganze Gruppe etwas an!“ Und da hat er dann nur noch die Schultern gezuckt. Das war der Moment wo ich gemerkt habe, ich pack es nicht mehr. Die ganze Stunde reingefressen, reingefressen und Beherrschung bewahrt.. ich wollte eigentlich nur noch losheulen weil ich  mich so respektlos behandelt gefühlt habe und dann auch noch von zwei Menschen, die ich eigentlich ehct ins Herz geschlossen hatte, so hintergangen gefühlt habe, dass ich einfach nicht mehr konnte. Bin aufgestanden, hab gesagt: „Sorry, aber ich hab echt kein Bock mehr. Ich gehe.“ Und bin mit Jimmy zwei Stunden spazieren gegangen, wo wir euch ja dann gestern erzählt haben was los war.

Alles in Allem ist es so, dass bei mir wirklich das Fass komplett voll ist und ich es nicht zum Überlaufen bringen möchte. Das ist auch der Grund, wieso wir uns das Recht genommen haben von den Betreuern zu verlangen, sich von uns fern zu halten. Sie schaden uns mehr, als dass sie etwas Gutes für uns tun. Unterstützung ist hier gleich null. Es wird bevormundet, emotional erpresst und herablassend kommuniziert. Übrigens haben die Betreuer nicht mit einem Wort auf die Mail reagiert, die wir hier auch gezeigt hatten und die wir auch Frau Blume geschickt haben, die übrigens sofort geantwortet hat. Nicht einmal eine Entschuldigung kam. Nicht einmal diesen Anstand besitzen sie. Ich frage mich, ob wir den Direktor hätten ins CC setzen sollen. Dann hätten sie sich vielleicht dreimal überlegt uns zu unterstellen, wir hätten uns die Hämatome aufgemalt. Er hat die ganze Sache letztes Jahr hautnah miterlebt. Ich finde es frech und wirklich moralisch extrem verwerflich, so mit Menschen umzugehen. Also so, wie die Betreuer mit uns umgehen. Aber ich will das Wort „Betreuer“ gar nicht in den Mund nehmen, weil das schließt ja gleich darauf, dass wir die Hilfeberechtigten sind, und der Umgang ist MENSCHLICH, ganz unabhängig von irgendeinem Status, wirklich Respektlos.

Wir waren ja schon beim Direktor, weil er uns ja um ein Gespräch gebeten hat und wir hatten mit ihm über den Umgang im Fachbereich mit den Menschen schon erzählt und ihm auch gesagt, dass wir vorhaben eine Art Heimbeirat zu gründen, weil es unfassbar ist, wie die Leute dort bevormundet behandelt werden und es Erwachsene und angeblich studierte oder ausgebildete Fachleute nicht schaffen, auf Augenhöhe mit diesen Menschen umzugehen. Wenn es nur um uns ginge, würde ich sagen: „Ihr könnt mich mal, ich gehe und adnn ist das Problem erledigt“ Aber damit will ich mich nicht zufrieden geben. Denn ich höre von allen Ecken und Enden nur Beschwerden über den Umgang und die Kommunikation und es macht mich jedesmal noch mehr Fassungslos. Ich bin außerdem nicht nur eine Klientin von denen, sondern eigentlich sogar eine Mitarbeiterin, und es fällt mir wirklich schwer mir nciht zu wünschen, sobald ich diese Einrichtung verlasse, diesem Fahcbereich das Leben zur Hölle zu machen, solange sie ihren Umgang mit den Menschen nicht ändern.

Aber das hilft nichts, weil so viel Wut und Enttäuschung ich auch durch die Traurigkeit wegen der Respektlosigkeit empfinde: Hass macht alles nur schlimmer und durch Angriff entsteht Gegenangriff. Deshalb bleibt uns nichts anderes übrig, als irgendwie über unseren Schatten zu springen, um für die ganzen hundert Hilfeberechtigten (von denen wahrscheinlich ein großer Teil nicht einmal merkt, wie mit ihnen umgegangen wird, weil niemand für sie einsteht), eine Stimme zu erheben. Wir werden uns irgendwie in dieses Denken und Fühlen der Betreuer und des Fachbereich-Systems einstellen müssen, um zu verstehen, wie es sein kann, so zu handeln und zu kommunizieren, wie sie es tun. Man kann Menschen nur mit ihren eigenen Waffen schlagen. Und dann aber nicht mit Gewalt, sondern eigentlich wäre mein Wunsch, das auf Augenhöhe und eher Hilfe anzubieten. Ufz, dass ich nicht lache. Dass WIR den Betreuern Hilfe anbieten möchten, etwas zu verbessern! Aber genau das ist ja das Traurige an der Sache, und das haben wir dem Direktor auch so gesagt: Wir werden ja nicht einmal ernst genommen. Es wird alles auf die Krankheit geschoben. Deshalb hatte er mich gebeten, dass wir einen Brief schreiben in dem es um die Missstände und um die gewünschten Änderungen und der Idee mit dem Heimbeirat geht, dann würde er den Fachbereichsleiter und noch irgendeine sehr kompetente Frau mit ins Boot holen. Er wollte dann den Brief auch nochmal durchlesen, damit die Betreuer sich nicht angegriffen fühlen. Und eigentlich WOLLEN wir sie ja auch nicht angreifen, weil wir wissen, dass das überhaupt nichts helfen würde. Aber gerade im Moment fühlen wir uns wirklich nicht in der Lage, denen jetzt da irgendwie entgegen zu kommen.

Ich denke, das werden wir erst können, wenn wir dort weg sind. Ich glaube, diese Wunden und diese respektlose und ignorante Behandlung von denen, müssen wir erst einmal verarbeiten. Und wir werden es uns sicher nicht antun, mit denen je wieder in irgendein Gespräch zu gehen – vor allem nicht, solange keine Entschuldigung von den zwei Betreuerinnen kommt, die uns so etwas unterstellt haben. Eigentlich hätten wir noch viel mehr Entschuldigungen verdient, aber in ihrer Welt machen sie alles richtig. Das ist wirklich tragisch…. und toxisch.

Mal schauen, wie schnell wir hier endlich wegkommen, ohne den Job kündigen zu müssen, weil wir irgendwann moralisch einfach nicht mehr hinter dieser Arbeit stehen können – wenn das nicht passieren soll, werden wir echt so schnell wie möglich hier weg müssen, ich glaube nämlich nicht, dass wir das noch viel länger aushalten.

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