Komplette Veränderung (K)

Irgendwie kann ich gar nicht in Worte fassen, wie ich mich fühle. Seit Sev über das Wochenende da war und er nun gegangen ist, hat sich so eine Leere in mir ausgebreitet. Ich kenne dieses Gefühl gar nicht, also so abhängig von einem Menschen. Jemanden so sehr zu vermissen, dass es echt haptisch zu fühlen ist. Wir haben einigen Freunden geschrieben und gefragt, ob das normal oder eher toxisch ist, so zu fühlen. Wir haben heute den ganzen Tag nach der Arbeit auf der Couch verbracht. Gegen Nachmittag hat die Traurigkeit Marie rausgetriggert und wir haben versucht für Geborgenheit zu sorgen, indem wir Miraculous eingeschaltet haben. Wir sind dabei eingeschlafen. Wach geworden sind wir (Lou) durch brh, wir hatten ein Einzelgespräch mit ihr, in dem es um den HEP-Bogen ging. Danach haben wir uns wieder auf die Couch gesetzt und Lou ihr Star Stable spielen lassen. Alles in allem meinten unsere Freunde, dass es ganz normale Gefühle seien, jemanden zu vermissen, traurig zu sein und sich leer zu fühlen, als hätte man einen Teil von sich verloren. La brachte dazu ein total tolles Beispiel: Wenn ich mein Handy verliere, dann vermisse ich es ja auch und habe etwas Wichtiges nicht mehr. Soo pragmatisch habe ich das noch nie betrachtet, aber sie hat Recht. Warum sollt es also toxisch sein, traurig zu sein, wenn der Mensch, den man liebt, für drei Wochen wieder weg ist? Ich denke, das ist ganz normal und vielleicht ist es sogar gesund, dass wir das fühlen und die Traurigkeit zulassen können?

Allem voran… mussten wir ja total weinen, und könnten wir immer noch, wegen dem was alles passiert ist. Severin bedeutet für uns alles und dieses Wochenende sagte er, auch er könne sich eine Zukunft mit uns vorstellen. Und das aller Letzte, was wir wollen, ist ihn zu verletzen… wir werden das nie wieder tun. Wir können uns im Moment selber kein bisschen ausstehen und es tut so weh zu wissen, was wir getan haben. Nicht einmal unsere Notlage kann das entschuldigen. Am liebsten wäre ich heute mit ihm mit nach Hause gefahren. Seine Anwesenheit tut uns wirklich so gut. Er hält uns so sehr am Boden und wenn wir traurig sind oder aufgebracht, dann kann er uns beruhigen oder festhalten. Ich wünschte, wir würden das für uns selbst so gut hinkriegen. Dass man sagt, dass man für sich selbst da sein können muss, das weiß und kenne ich seit ich vierzehn bin. Und ich versuche es seitdem auch. Unabhängig von irgendwelchen Menschen mich zu halten und zu trösten und einfach nur für mich da zu sein… aber es ist einfach eine ganz andere Intensität, das alles von einem echten Menschen real (zurück) zu bekommen oder zusätzlich zu haben. Ich frage mich immer mehr,  ob diese Weisheit vergleichbar ist mit Gott, den alle anbeten. Die Christen glauben an Jesus und Gott und beten zu ihm… und die Spirituellen glauben an die Selbstliebe und Selbstheilung. Aber irgendwie glaube ich, beides ist gut und stützend, aber ich bin immer mehr davon überzeugt, dass man sich selbst und auch kein Glaube einem das geben kann, was man manchmal eben einfach wirklich braucht.

Was uns so verunsichert ist einfach, dass Severin seit zwei Wochen immer weniger Kontakt hält unter der Woche. Vielleicht ist das normal, das wissen wir nicht. Eigentlich sind wir sonst diejenigen, die sich aufhören zu melden und zugegeben – manchmal „vergessen“ wir es auch, dass er sich den ganzen Tag lang nicht meldet. Aber wenn es uns einfällt, dann verunsichert es uns. Aber am Wochenende war er wie immer. Er gibt uns immer das Gefühl, dass wir ihm wichtig sind, er uns vermisst hat und er viel für uns empfindet. Ich denke auch, dass er nicht einfach mal so sagt, er kann sich eine Zukunft mit uns vorstellen. So wie wir ihn in der Klinik kennengelernt haben ist er niemand, der etwas sagt, was er nicht wirklich so meint.

Wir haben gestern auf dem Sofa mit ihm viel gekuschelt und das Schlafen mit ihm war auch wunderschön. Also, dass wir an einem Montagmorgen mit ihm wach geworden sind. Es war für mich das erste Mal neben einem Mann wach zu werden, aber… es war so schön und vertraut und unser Herz war so warm, als unser Wecker geklingelt hat und er kurz wach wurde. Immer, wenn wir nachts wach wurden, wurde er auch kurz wach und hat uns wieder fester an sich gezogen, uns festgehalten und im Schlaf unsere Nähe gesucht. Und obwohl wir so etwas immer total unangenehm fanden, habe ich festgestellt, wie extrem geborgen sich das bei ihm anfühlt. Wie als würde man sich in eine Hängematte legen, die perfekt auf uns zugeschnitten ist. Es ist echt wie auf Wolken schlafen mit ihm. Ich bin aus dem Bett gestiegen um sechs Uhr, hab ihm gesagt er soll im Bett bleiben und wir sind mit Jimmy unsere Morgenrunde gelaufen. Ich habe danach seinen Marmorkuchen hergerichtet und den Grüntee-Pfirsich aufgesetzt. Dann bin ich wieder zu ihm ins Bett. Er hat sich zu mir umgedreht, die Decke aufgehalten und mich warm an sich gedrückt. Es ist so ein richtiges „Sich-Anschmiegen“. Nicht so ein unangenehmes Umarmen, wo es hier und da vielleicht drückt und quetscht oder man keine Luft kriegt, sondern wie ein perfekt ineinander passendes Puzzlestück, so ganz ohne Zwang und ohne „quetsch, quetsch“. Als er dann heute gefahren ist, war ich so überraschend traurig. Ich habe das nicht im Geringsten erwartet und als wir in seinem Auto saßen und uns noch lange von ihm verabschiedet haben, war da auch gar keine Vorahnung dessen, wie ich mich – wir uns – fühlen würden, sobald wir die Autotür hinter uns schließen. Es ist echt wie so ein Blitz über uns eingeschlagen. Also so die Traurigkeit und diese Leere, dass er drei Wochen einfach weg ist.

Naja… und später, nach der Arbeit, kamen dann die ganzen Erinnerungen von letzter Woche… bzw. kam erst das, bzw. das Ausmaß dessen, was wir damit angerichtet haben, in unserem Verstand an und es hat mich so zerstört innerlich. Ich bin von diesen Gefühlen wirklich überwältigt, weil ich noch nie in meinem Leben so intensiv gefühlt habe. Ich war immer sehr ausgeglichen und eher ruhig und habe alles sehr dumpf und abgeschwächt gefühlt. Ich weiß mir irgendwie gar nicht anders zu helfen, als das zuzulassen und den ganzen Nachmittag durchzuweinen und auszuhalten, dass es wehtut. Also so alles zusammen: Das schlechte Gewissen, die Ängste, der Ekel, der Trennungsschmerz, der Hass und auch die Frustration über das Gespräch mit brh usw. Ich frage mich nur, wenn das wirklich alles „normale“ Emotionen sind, wie „normale“ Menschen so etwas aushalten.

Ich bin wirklich froh, dass Lena später vorbeikommt und wir einen Filmabend machen, Vielleicht lenkt mich das ein bisschen ab. Ich will keinen von diesen Männern je wieder sehen. Ich hasse mich-uns selbst so sehr für das, was wir getan haben. Alles was für uns zählt oder zählen sollte, ist eigentlich unsere Zukunft, dass wir hier endlich wegkommen, dass es uns besser geht, vielleicht darauf hinaus arbeiten, dass die Zukunft mit Severin auch eine realistische Perspektive ist (auch wenn wir uns noch nicht 100 % trauen uns darauf einzustellen).

Ich versuche uns jetzt irgendwie noch einen schönen Abend zu machen. Ohne die ganzen Gefühle zu verurteilen, sondern sie einfach irgendwie wirken zu lassen und irgendwie zu verstehen, dass das normal ist.

Ein Kommentar zu „Komplette Veränderung (K)

  1. Ich denke es ist völlig normal sich so zu fühlen, wenn ein Mensch geht, den man mehr als mag.
    Ich fühle mich auch nicht ganz vollständig, wenn MM zB mal über Nacht wegbleibt.
    Und was das „sich selbst geben“ angeht, kein Mensch, niemand kann sich alles selbst geben! Und es ist total verrückt, dass das von Menschen wie uns und euch erwartet wird.
    Menschen gerne um sich zu haben ist etwas natürliches. Und Menschen sind Herdentiere sozusagen.
    DAs hat mit Abhängigkeit nichts zu tun.
    Ganz liebe Grüße ❤

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