Wie erwartet… und Reunion

Heute Nachmittag wollte ich einfach nicht in der WG bleiben… wer will auch irgendwo bleiben, wo er scheinbar ein Störenfried ist? Lena hatte eigentlich Therapie aber sie hat sich danach Zeit genommen und wir sind zusammen in unser Lieblingscafé spaziert. Zufällig haben wir dort auch Toni getroffen und die beiden haben uns den Tag wirklich erleichtert und etwas schöner gemacht, aber die Enttäuschung sitzt irgendwie echt extrem tief… was mich wirklich wundert… normalerweise hat sich sowas bei uns einfach in Wut verwandelt und wir sind ignorant und auch wirklich abweisend geworden zu solchen Personen… aber es verändert sich nicht… wir fühlen uns nach wie vor verletzt und hintergangen und sowas wie Wut spüren wir einfach nicht… nur Traurigkeit… und sowas wie… einfach total Fehl am Platz zu sein. Wir wollen nicht einmal mehr im Wohnzimmer uns aufhalten… wer weiß, was die alle noch an uns stört und sie sagen es uns einfach nicht?… Eigentlich hatten wir Lena angeboten, dass sie rüberkommen kann… sie wollte eigentlich nicht absagen aber wir haben an ihrem Blick gemerkt… ja.. und ehrlich gesagt hatten wir sogar ein schlechtes Gewissen sie zu fragen… und letztendlich meinte sie, eigentlich ja und eigentlich nein… und ich meinte… ja, kann ich verstehen.. wenn wir uns jetzt schon nicht willkommen fühlen in der WG, wie wird sie sich dann wohl fühlen? Ich hätte auch keine Lust jemanden irgendwo zu besuchen, wo ich weiß, dass die anderen Mitbewohner sich hinter meinem Rücken darüber beschweren, dass ich störe… Ja… ich kann es Lena nicht einmal übel nehmen, dass sie nicht mehr kommen möchte und komischerweise hätte ich mich nicht einmal mehr wohl gefühlt, wenn wir zusammen unten gesessen wären…

Das wars wohl mit den gemeinsamen Abenden… naja… aber wenigstens konnten wir uns heute auf einen Kaffee treffen…

Ja naja… was mich aber jetzt irgendwie … noch viel mehr belastet ist eher… ja… dass wir wieder Freundschaft mit der Toilette geschlossen haben… ich weiß nicht…. vorhin als wir ankamen, waren alle unten… brh war da, alle Mitbewohner im Wohnzimmer… wir haben Jimmy gleich ins Zimmer gebracht und hatten uns eigentlich Zitronenkuchen von Bahlsen mitgenommen (wir lieben den). Brh war in der Küche, als wir uns Kaffee gemacht haben… und dann meinte sie: „Ich habe die E-Mail bekommen… und ich war um halb drei trotzdem da, weil ich dachte, vielleicht ist ja ein Anteil da, der doch reden möchte.“ Bei dem Satz hätte ich am liebsten irgendwas zerschlagen. Eigentlich hatte ich ein schlechtes Gewissen, so zu reagieren, wie ich reagiert habe, weil ich weiß, dass brh es eigentlich gut meint, aber auch sie schiebt die ganze Schuld auf uns und macht es sich einfach … und obwohl ich zu ihr nicht abweisend sein wollte, habe ich trotzdem gesagt: „Ich möchte keine Gespräche mehr… ich bin enttäuscht.“ Und dann meinte brh: „Auch von mir?“ (und sie hat schon lieb mit uns geredet)… und echt… innerlich war so ne Hoffnung: Ach komm, versuchs nochmal. Aber diese Hoffnung und dieses „Ach komm, versuchs nochmal“… haben wir Billionen Mal mit ihr versucht und es hat nie geklappt. Und deswegen, obwohl wir ein echt schlechtes Gewissen hatten, sind wir unserer Enttäuschung treu geblieben und haben gesagt: „Es geht nicht um irgendwelche Anteile! Sondern darum dass wir insgesamt enttäuscht sind. Und dann heißt es in den Hilfeplanbögen: Versuchen Vertrauen aufzubauen – und dann wird man aber so behandelt und hintergangen.“ Und sie fragte eben: „Von mir auch?“.. ich weiß nicht mehr, ob wir darauf geantwortet haben. Ich weiß nur, wir haben ihr kein einziges Mal ins Gesicht gesehen… keinem von denen heute. Wir haben Jimmys Futternapf gepackt, unseren Kuchen und unseren Laptop und haben uns in unserem Zimmer verzogen. Dort habe ich dann den Kuchen erst genüsslich gegessen, aber irgendwie habe ich gemerkt… der Genuss war verdammt schnell weg und es war nur noch ein: „Eigentlich hast du gar keine Lust auf ihn“ und ein „Aber eigentlich schmeckt er dir doch sonst immer!“ und dann ein „eigentlich fühle ich mich voll… jjetzt ist es auch schon egal.“…. und zehn Minuten später war alles in der Toilette… und obwohl wir so Angst hatten da wieder reinzurutschen und so glücklich waren, dass diese Bulimie von einem Tag auf den anderen irgendwie scheinbar aufgehört hat… (also in der Klinik war es noch manchmal, aber dann war Mia weg… und schlagartig auch die Bulimie)…. und jetzt bin ich zwar nicht Mia, aber trotzdem ist plötzlich die Bulimie wieder da… naja, ich weiß nicht ob man es schon so nennen kann, weil es ist ja jetzt das erste Mal nach echt langer Zeit wieder passiert… und ich hatte riesen Angst davor weil ich kann mich gut erinnern wie furchtbar das in der „Endphase“ war… aber gleichzeitig… hat sich das so befreiend und vertraut angefühlt… und ich weiß ganz genau, dass es nicht fürs Erste nicht bei diesem einen Mal bleibt… ein Teil von mir… ach… ach egal.

Über den eigenen Schatten springen

Nachdem ich mir das alles nochmal durch den Kopf gehen lassen habe, gibt es da wirklich noch einige mehr Punkte, die ich einfach nicht begreife… wenn S* an dem einen Sonntag zu uns raus kam, weil wir gelacht haben (wir hatten die WZ Tür mit Klarsichtfolie abgebunden und Jimmy gerufen – er ist unten durch gelaufen, er ist halt doch kein blöder Hund -, da mussten wir natürlich lachen. Da ist S dann rausgekommen und meinte, ob wir bitte leiser sein könnten, weil sie gerne schlafen möchte. Wir haben uns entschuldigt und sie hat auch recht, das war wirklich nicht rücksichtsvoll von uns, auch wenn wir jetzt keinen Partylärm gemacht haben, das Lachen hört man halt doch zu ihr ins Zimmer rein). – wieso haben S und N dann nicht einfach noch einmal das Gespräch mit uns gesucht? Wir leben seit drei Jahren in dieser WG und es hat sich noch nie jemand beschwert, dass man die Haustür abends hört oder dass man das Verabschieden hört, wenn man Gäste zur Tür begleitet – wenn sich da nie jemand beschwert hat, woher sollen wir denn dann wissen, dass S das in ihrem Zimmer hört und deshalb nicht schlafen kann?

Nachdem sie uns an diesem Sonntag vor zwei Wochen (glaube ich war das, als Severin auch da war), gebeten hat leiser zu sein, seitdem FLÜSTERN Lena und ich sogar nur noch, wenn wir im Wohnzimmer sind und trauen uns nicht einmal mehr wirklich zu lachen – maximal zu kichern. Wir schließen ständig die Wohnzimmer Tür und der Fernseher ist auch auf Laustärke 12 – außerdem halte ich die ganze Zeit die Fernbedienung in der Hand, weil Amazon das Talent hat, bei gewissen Stellen plötzlich die Ohren kaputtbrüllen zu wollen, so dass ich 2 Stunden lang bei einem Film eigentlich ständig die Regler der Lautstärke verändere, damit man nicht einmal den Fernseher hört.

Was ich an der ganzen Sache jetzt eben nicht verstehe: Wieso musste S das ausgerechnet bei der Hausversammlung ansprechen, wo das ganze Haus und die Betreuer mit dabei saßen? Wieso konnte sie nicht an einem einzigen Tag in den letzten zwei Wochen auf uns zukommen und einfach sagen: „Hey, Mii, wenn du abends Lena an der Tür verabschiedest, dann höre ich das und kann nicht schlafen“, sondern bei der Hausversammlung zu sagen: „Ich würde ab 22 Uhr bitten kein Besuch mehr im Haus zu haben, weil durch die Gespräche an der Haustür und der Tür selbst kann ich nicht schlafen.“? Es ist doch klar, dass nur wir immer Besuch haben. Ich finde das hat eine ziemlich bloßstellende und angreifende Atmosphäre geschaffen… und ich verstehe es nicht. Wir waren immer aufgeschlossen und ehrlich und freundlich zu N und S, weil wir sie ja auch wirklich mögen… und wir kamen uns gestern so hintergangen und enttäuscht vor… ich glaube das war eigentlich der Hauptgrund, der uns richtig verletzt hat.

Wir haben dann auch am Tisch gesagt: „Ich verstehe bloß nicht, wieso du nicht einfach auf mich zu kommst und es mir persönlich sagst, es ist ja offensichtlich, dass ich gemeint bin, weil nur ich Lena zu Besuch habe bis halb zwölf.“ Aber dann kam von N (also S. Freundin), irgendwie nur noch einer auf den Deckel… sie müsste uns ständig sagen, dass wir leiser sein sollten und das halt blöd ist für den Schlaf. Das haben wir korrigiert, dieses „ständig“. S kam nur ein einziges Mal vor zwei Wochen aus ihrem Zimmer und hat uns um Ruhe gebeten uns seitdem haben wir IMMER darauf geachtet nur noch zu flüstern, wenn Lena da war.

Dass man das Verabschieden an der Tür oder die Tür selber hört, haben sie uns nie, nicht auch nur mit einem einzigen Wort gesagt. Dann meinte ich zu S: „Es ist halt schade, weil wir nur Abends Zeit haben und Lena meine einzige Bezugsperson ist. Ich könnte auch anbieten, dass ich Lena dann halt durch die Terassentür rauslasse.“ Da meinte dann Herr H. gleich so abweisend: „Nein. Das erlauben wir nicht. Frau *** kommt durch die Haustür und geht auch wieder durch die Haustür. Das haben wir auch so mit ihr besprochen.“ Allein der Tonfall hat mich schon wieder so fassungslos gemacht. Am liebsten hätte ich dem neuen Mitarbeiter gesagt: „Hören Sie mal, Sie arbeiten hier nicht mehr mit Jugendlichen, sondern mit ERWACHSENEN. Und so möchten wir auch behandelt werden.“ Ganz abgesehen davon war ich so wütend. Am liebsten hätte ich ihnen mal meine Meinung gesagt: Dass ich 650 Euro pro Monat für EIN ZIMMER zahle, dass mich diese Einrichtung hier finanziell und psychisch ruiniert, ich hier nicht einmal freiwillig bin, keine Unterstützung beim Aussteigen (und das nenne ich jetzt bewusst so), kriege und dann will man mir noch vorschreiben, wann und wie lange ich in einem selbstgezahlten Wohnen Besuch kriege? Oder wo und wie ich sie empfange? Ich glaube die haben den Schuss nicht gehört.

Ich bin ja dann aufgestanden und gegangen (nach der Diskussion mit dem Vorratsschrankputz, wo er dann wirklich den Vogel abgeschossen hat). Ich weiß nicht, ob das bei dem Geheule gestern klar war, was genau da passiert ist. N hat sich darüber beschwert, dass die Vorratsschränke ungerecht aufgeteilt sind und darum gebeten, dass wir da mal gemeinsam als Haus Ordnung schaffen. Ich habe gesagt, wir haben an Wochenenden Zeit, aber wir sind eben am Samstag verabredet und brauchen eine Uhrzeit. Da meinte Herr H. „Ja, das wird ja nicht den ganzen Tag dauern.“ Und wir meinten: „Nein, aber wir brauchen trotzdem eine Uhrzeit, weil wir verabredet sind“ und er meinte wieder: „Ja Frau *** so ein Vorratsschank Ausmisten dauert nicht eine ganzen Tag“. Da ist und schon wieder die Hutschnur geplatzt. Ist er eigentlich kognitiv nicht ganz auf der Höhe? Wenn wir verabredet sind, dann brauchen wir eine Uhrzeit, damit wir uns darauf einstellen können. Und dann meinten wir ziemlich entnervt: „Ja, aber darum geht es ja nicht! Wenn wir verabredet sind, wäre es sinnvoll eine Uhrzeit auszumachen, damit wir da auch da sind, wenn das getan wird!“ Ich glaube, sogar meine vierjährige Cousine hätte das schneller begriffen als er. Dann schlug S den Samstag um 15 Uhr vor. Erst hat da niemand etwas einzuwenden gehabt. Ich meinte, ab 16 Uhr bin ich ca weg. Eine Stunde sollte ja reichen. Dann meinte irgendjemand, dann doch lieber um 14 Uhr, einfach, damit das nicht im Stress passiert. Da meinte N dann aber plötzlich, das wäre ja auch blöd, weil da die Einkaufsfahrt ist. Dann meinte ich, für mich wäre 15 Uhr kein Problem, aber irgendwie ging das dann doch wegen der EInkaufsfahrt nicht. Dann meinte Elly: „Dann bleibt und noch Freitag und Sonntag, aber da bist ja du nicht da, Joey.“ Und dann schlug sie vor: „Anosnsten machen wir es halt jetzt gleich nach der Hausversammlung.“ Dann meinten wir: „Es tut mir echt leid, aber meine Laune ist gerade so dermaßen extrem im Keller, ich habe jetzt nicht den geringsten Nerv mich noch mit euch da hinzustellen und hier eine großartige Aufräumaktion zu starten.“ (davor war ja schon die Art wie die Betreuer mit uns geredet haben und die Bloßstellung von N am ganzen Tisch). Da meinte dann Herr H an uns gewandt: „Ja, Frau ** das hilft nichts, irgendwann muss das gemacht werden.“ Und da haben wir dann schon wirkllich ein bisschen gezickt, weil ich mir echt dachte, dem gehört doch mal eine Runtergehauen, damit er merkt, wie er sich verhält: „Das ist mir klar, aber das scheitert ja wohl nicht allein an uns, dass wir keinen Termin finden. Freitag, Samstag und Sonntag haben wir Zeit! Das geht die ganze Gruppe etwas an!“ Und da hat er dann nur noch die Schultern gezuckt. Das war der Moment wo ich gemerkt habe, ich pack es nicht mehr. Die ganze Stunde reingefressen, reingefressen und Beherrschung bewahrt.. ich wollte eigentlich nur noch losheulen weil ich  mich so respektlos behandelt gefühlt habe und dann auch noch von zwei Menschen, die ich eigentlich ehct ins Herz geschlossen hatte, so hintergangen gefühlt habe, dass ich einfach nicht mehr konnte. Bin aufgestanden, hab gesagt: „Sorry, aber ich hab echt kein Bock mehr. Ich gehe.“ Und bin mit Jimmy zwei Stunden spazieren gegangen, wo wir euch ja dann gestern erzählt haben was los war.

Alles in Allem ist es so, dass bei mir wirklich das Fass komplett voll ist und ich es nicht zum Überlaufen bringen möchte. Das ist auch der Grund, wieso wir uns das Recht genommen haben von den Betreuern zu verlangen, sich von uns fern zu halten. Sie schaden uns mehr, als dass sie etwas Gutes für uns tun. Unterstützung ist hier gleich null. Es wird bevormundet, emotional erpresst und herablassend kommuniziert. Übrigens haben die Betreuer nicht mit einem Wort auf die Mail reagiert, die wir hier auch gezeigt hatten und die wir auch Frau Blume geschickt haben, die übrigens sofort geantwortet hat. Nicht einmal eine Entschuldigung kam. Nicht einmal diesen Anstand besitzen sie. Ich frage mich, ob wir den Direktor hätten ins CC setzen sollen. Dann hätten sie sich vielleicht dreimal überlegt uns zu unterstellen, wir hätten uns die Hämatome aufgemalt. Er hat die ganze Sache letztes Jahr hautnah miterlebt. Ich finde es frech und wirklich moralisch extrem verwerflich, so mit Menschen umzugehen. Also so, wie die Betreuer mit uns umgehen. Aber ich will das Wort „Betreuer“ gar nicht in den Mund nehmen, weil das schließt ja gleich darauf, dass wir die Hilfeberechtigten sind, und der Umgang ist MENSCHLICH, ganz unabhängig von irgendeinem Status, wirklich Respektlos.

Wir waren ja schon beim Direktor, weil er uns ja um ein Gespräch gebeten hat und wir hatten mit ihm über den Umgang im Fachbereich mit den Menschen schon erzählt und ihm auch gesagt, dass wir vorhaben eine Art Heimbeirat zu gründen, weil es unfassbar ist, wie die Leute dort bevormundet behandelt werden und es Erwachsene und angeblich studierte oder ausgebildete Fachleute nicht schaffen, auf Augenhöhe mit diesen Menschen umzugehen. Wenn es nur um uns ginge, würde ich sagen: „Ihr könnt mich mal, ich gehe und adnn ist das Problem erledigt“ Aber damit will ich mich nicht zufrieden geben. Denn ich höre von allen Ecken und Enden nur Beschwerden über den Umgang und die Kommunikation und es macht mich jedesmal noch mehr Fassungslos. Ich bin außerdem nicht nur eine Klientin von denen, sondern eigentlich sogar eine Mitarbeiterin, und es fällt mir wirklich schwer mir nciht zu wünschen, sobald ich diese Einrichtung verlasse, diesem Fahcbereich das Leben zur Hölle zu machen, solange sie ihren Umgang mit den Menschen nicht ändern.

Aber das hilft nichts, weil so viel Wut und Enttäuschung ich auch durch die Traurigkeit wegen der Respektlosigkeit empfinde: Hass macht alles nur schlimmer und durch Angriff entsteht Gegenangriff. Deshalb bleibt uns nichts anderes übrig, als irgendwie über unseren Schatten zu springen, um für die ganzen hundert Hilfeberechtigten (von denen wahrscheinlich ein großer Teil nicht einmal merkt, wie mit ihnen umgegangen wird, weil niemand für sie einsteht), eine Stimme zu erheben. Wir werden uns irgendwie in dieses Denken und Fühlen der Betreuer und des Fachbereich-Systems einstellen müssen, um zu verstehen, wie es sein kann, so zu handeln und zu kommunizieren, wie sie es tun. Man kann Menschen nur mit ihren eigenen Waffen schlagen. Und dann aber nicht mit Gewalt, sondern eigentlich wäre mein Wunsch, das auf Augenhöhe und eher Hilfe anzubieten. Ufz, dass ich nicht lache. Dass WIR den Betreuern Hilfe anbieten möchten, etwas zu verbessern! Aber genau das ist ja das Traurige an der Sache, und das haben wir dem Direktor auch so gesagt: Wir werden ja nicht einmal ernst genommen. Es wird alles auf die Krankheit geschoben. Deshalb hatte er mich gebeten, dass wir einen Brief schreiben in dem es um die Missstände und um die gewünschten Änderungen und der Idee mit dem Heimbeirat geht, dann würde er den Fachbereichsleiter und noch irgendeine sehr kompetente Frau mit ins Boot holen. Er wollte dann den Brief auch nochmal durchlesen, damit die Betreuer sich nicht angegriffen fühlen. Und eigentlich WOLLEN wir sie ja auch nicht angreifen, weil wir wissen, dass das überhaupt nichts helfen würde. Aber gerade im Moment fühlen wir uns wirklich nicht in der Lage, denen jetzt da irgendwie entgegen zu kommen.

Ich denke, das werden wir erst können, wenn wir dort weg sind. Ich glaube, diese Wunden und diese respektlose und ignorante Behandlung von denen, müssen wir erst einmal verarbeiten. Und wir werden es uns sicher nicht antun, mit denen je wieder in irgendein Gespräch zu gehen – vor allem nicht, solange keine Entschuldigung von den zwei Betreuerinnen kommt, die uns so etwas unterstellt haben. Eigentlich hätten wir noch viel mehr Entschuldigungen verdient, aber in ihrer Welt machen sie alles richtig. Das ist wirklich tragisch…. und toxisch.

Mal schauen, wie schnell wir hier endlich wegkommen, ohne den Job kündigen zu müssen, weil wir irgendwann moralisch einfach nicht mehr hinter dieser Arbeit stehen können – wenn das nicht passieren soll, werden wir echt so schnell wie möglich hier weg müssen, ich glaube nämlich nicht, dass wir das noch viel länger aushalten.

Wissen ist nicht Macht (K)

Hallo Herbst. Obwohl wir doch nun wissen, dass wir zu diesen Monaten immer in unser System wechseln (und vermutlich wird es dann durch 1 abgelöst, dann wieder wir und dann wieder 3, was wollen wir wetten?) hat sich nichts daran geändert, dass es passiert ist. Ich dachte eigentlich, wenn wir unsere Wechsel im System hinterfragen und durschauen, wird sich irgendwas daran ändern, aber es fühlt sich absolut gar nichts anders an als die letzten Jahre. Es fehlen uns ein paar Wochen und Monate, wir haben ein paar Eckdaten, es fühlt sich alles nicht befremdlich oder komisch an, dass Zeit fehlt, sondern vollkommen normal. Ist doch normal, dass man sich einfach an ein fast ganzes Jahr nicht erinnert! Wer kann das schon? Ich weiß welche Beziehungen wir neu eingegangen sind, welche wir versuchen müssen aufrechtzuhalten, wer uns guttut, wer uns schlechttut. Was gibt es sonst Wichtiges, das man wissen muss? 

Uns geht es jetzt von Tag zu Tag besser. Letzte Woche war einfach anstrengend. Der Montag auch. Dass wir mit Severin nach Polen fahren ist abgeblasen. Wir haben da realistisch drüber nachgedacht und festgestellt, dass das viel zu überstürzt wäre. Außerdem sind wir seit zwei Tagen krank (entzündeter Hals, kein C*). Und Severin fühlt sich auch nicht so fit. Er hat uns angesteckt. Ihm ging es am Sonntag schon nicht so gut und er überlegt auch lieber hier zu bleiben. Vielleicht besucht er uns dann am Wochenende wieder. Gestern habe ich Bahira hier gesehen. Sie wohnt seit einer Woche hier und wir haben uns unendlich gefreut, dass wir nun in der Nähe voneinander sind (Bahira war auch in der Klinik in unserem Gespann mit Cia und Belinda). Wir holen sie heute ab und gehen mit ihr spazieren, um ihr den Ort zu zeigen. Als wir sie gestern getroffen haben, haben wir uns auf einmal nicht mehr so fremd und allein gefühlt hier.

Mit Lena machen wir zurzeit auch sehr viel. Eigentlich jeden Tag. Auch sie hilft uns auszuhalten, hier zu leben. Die Unterlagen für die Vierzimmerwohnung, in die wir mit Tino ziehen wollen, haben wir vorgestern abgegeben. Wir hoffen so unglaublich sehr, dass sie uns zusagen. Wir halten es hier wirklich kaum noch eine Woche länger aus. Eigentlich ist jeder Tag ein Tag zu viel.

Heute machen wir mit Frau Blume eine Videotherapie, weil wir ihr gestern abgesagt haben wegen der Erkältung. Sie wird wieder nach der „Regierungsbildung“ fragen. Wir haben schon angefangen darüber nachzudenken, aber es ist wahnsinnig schwer. Wir haben so viele Ebenen und in diesen ebenen so viele Systeme und in diesen Systemen so viele Anteile. Allein schon in unserer 1. Ebene, also wir als Außensysteme, eine „Fraktionvorsitzende“ zu finden, ist wirklich schwer. Jetzt sind wir zwar aktiv und wir können für unser System entscheiden – und konnten auch – dass ich für unser System sprechen soll. Aber als wir dann zu System 1 gewandert sind, hatte ich zwar Penny, Lucie oder Judy im Kopf, aber im Grunde hatte ich da überhaupt keinen Zugang zu den anderen Anteilen in System 1, damit abgestimmt werden kann. Müssen wir also warten, bis jene Systeme erst einmal aktiv werden? Wir könnten es auch über Lou versuchen, höre ich gerade, aber dafür bräuchten wir verdammt viel Zeit und Energie. Über so viele Ecken in Kontakt zu gehen macht so müde, als würden wir einen 1000 km Lauf hinter uns bringen.

Und dann sind da ja noch alle anderen Systeme, von denen wir System 5 erst dieses Jahr endlich mal identifiziert haben.

Aber das ist ja dann erst einmal nur unsere Ebene… was ist mit denen, in denen Rieke usw. aktiv sind? Und mit all den anderen, die wir noch ganz und gar nicht kennen? Ich habe nur vage Vorstellungen, weil als Ebene 2 mit Rieke und ihren „Pythons“ aktiv war, habe ich fast nichts mitbekommen. Mir schweben nur die Namen Torin… Nia … Temmy… irgendwo ganz weit entfernt… aber ich habe keine Ahnung wo sie hingehören. Ich weiß nicht einmal, ob Ebene 2 so aufgebaut ist wie Ebene 1, oder ob da gar keine getrennten Systeme sind, sondern alles zusammen und weniger oder mehr Anteile… Wie sollen wir da bloß hinkommen?

Nicht einmal Jola hat die Möglichkeit das Bewusstsein dorthin zu durchdringen… Das wird alles so wahnsinnig anstrengend. Ich habe eigentlich kaum Geduld. Wir arbeiten seit drei Jahren so intensiv und irgendwie habe ich das Gefühl… in diesen drei Jahren ist so viel passiert wie in einer Woche. Es dauert viel zu lange…

Komplette Veränderung (K)

Irgendwie kann ich gar nicht in Worte fassen, wie ich mich fühle. Seit Sev über das Wochenende da war und er nun gegangen ist, hat sich so eine Leere in mir ausgebreitet. Ich kenne dieses Gefühl gar nicht, also so abhängig von einem Menschen. Jemanden so sehr zu vermissen, dass es echt haptisch zu fühlen ist. Wir haben einigen Freunden geschrieben und gefragt, ob das normal oder eher toxisch ist, so zu fühlen. Wir haben heute den ganzen Tag nach der Arbeit auf der Couch verbracht. Gegen Nachmittag hat die Traurigkeit Marie rausgetriggert und wir haben versucht für Geborgenheit zu sorgen, indem wir Miraculous eingeschaltet haben. Wir sind dabei eingeschlafen. Wach geworden sind wir (Lou) durch brh, wir hatten ein Einzelgespräch mit ihr, in dem es um den HEP-Bogen ging. Danach haben wir uns wieder auf die Couch gesetzt und Lou ihr Star Stable spielen lassen. Alles in allem meinten unsere Freunde, dass es ganz normale Gefühle seien, jemanden zu vermissen, traurig zu sein und sich leer zu fühlen, als hätte man einen Teil von sich verloren. La brachte dazu ein total tolles Beispiel: Wenn ich mein Handy verliere, dann vermisse ich es ja auch und habe etwas Wichtiges nicht mehr. Soo pragmatisch habe ich das noch nie betrachtet, aber sie hat Recht. Warum sollt es also toxisch sein, traurig zu sein, wenn der Mensch, den man liebt, für drei Wochen wieder weg ist? Ich denke, das ist ganz normal und vielleicht ist es sogar gesund, dass wir das fühlen und die Traurigkeit zulassen können?

Allem voran… mussten wir ja total weinen, und könnten wir immer noch, wegen dem was alles passiert ist. Severin bedeutet für uns alles und dieses Wochenende sagte er, auch er könne sich eine Zukunft mit uns vorstellen. Und das aller Letzte, was wir wollen, ist ihn zu verletzen… wir werden das nie wieder tun. Wir können uns im Moment selber kein bisschen ausstehen und es tut so weh zu wissen, was wir getan haben. Nicht einmal unsere Notlage kann das entschuldigen. Am liebsten wäre ich heute mit ihm mit nach Hause gefahren. Seine Anwesenheit tut uns wirklich so gut. Er hält uns so sehr am Boden und wenn wir traurig sind oder aufgebracht, dann kann er uns beruhigen oder festhalten. Ich wünschte, wir würden das für uns selbst so gut hinkriegen. Dass man sagt, dass man für sich selbst da sein können muss, das weiß und kenne ich seit ich vierzehn bin. Und ich versuche es seitdem auch. Unabhängig von irgendwelchen Menschen mich zu halten und zu trösten und einfach nur für mich da zu sein… aber es ist einfach eine ganz andere Intensität, das alles von einem echten Menschen real (zurück) zu bekommen oder zusätzlich zu haben. Ich frage mich immer mehr,  ob diese Weisheit vergleichbar ist mit Gott, den alle anbeten. Die Christen glauben an Jesus und Gott und beten zu ihm… und die Spirituellen glauben an die Selbstliebe und Selbstheilung. Aber irgendwie glaube ich, beides ist gut und stützend, aber ich bin immer mehr davon überzeugt, dass man sich selbst und auch kein Glaube einem das geben kann, was man manchmal eben einfach wirklich braucht.

Was uns so verunsichert ist einfach, dass Severin seit zwei Wochen immer weniger Kontakt hält unter der Woche. Vielleicht ist das normal, das wissen wir nicht. Eigentlich sind wir sonst diejenigen, die sich aufhören zu melden und zugegeben – manchmal „vergessen“ wir es auch, dass er sich den ganzen Tag lang nicht meldet. Aber wenn es uns einfällt, dann verunsichert es uns. Aber am Wochenende war er wie immer. Er gibt uns immer das Gefühl, dass wir ihm wichtig sind, er uns vermisst hat und er viel für uns empfindet. Ich denke auch, dass er nicht einfach mal so sagt, er kann sich eine Zukunft mit uns vorstellen. So wie wir ihn in der Klinik kennengelernt haben ist er niemand, der etwas sagt, was er nicht wirklich so meint.

Wir haben gestern auf dem Sofa mit ihm viel gekuschelt und das Schlafen mit ihm war auch wunderschön. Also, dass wir an einem Montagmorgen mit ihm wach geworden sind. Es war für mich das erste Mal neben einem Mann wach zu werden, aber… es war so schön und vertraut und unser Herz war so warm, als unser Wecker geklingelt hat und er kurz wach wurde. Immer, wenn wir nachts wach wurden, wurde er auch kurz wach und hat uns wieder fester an sich gezogen, uns festgehalten und im Schlaf unsere Nähe gesucht. Und obwohl wir so etwas immer total unangenehm fanden, habe ich festgestellt, wie extrem geborgen sich das bei ihm anfühlt. Wie als würde man sich in eine Hängematte legen, die perfekt auf uns zugeschnitten ist. Es ist echt wie auf Wolken schlafen mit ihm. Ich bin aus dem Bett gestiegen um sechs Uhr, hab ihm gesagt er soll im Bett bleiben und wir sind mit Jimmy unsere Morgenrunde gelaufen. Ich habe danach seinen Marmorkuchen hergerichtet und den Grüntee-Pfirsich aufgesetzt. Dann bin ich wieder zu ihm ins Bett. Er hat sich zu mir umgedreht, die Decke aufgehalten und mich warm an sich gedrückt. Es ist so ein richtiges „Sich-Anschmiegen“. Nicht so ein unangenehmes Umarmen, wo es hier und da vielleicht drückt und quetscht oder man keine Luft kriegt, sondern wie ein perfekt ineinander passendes Puzzlestück, so ganz ohne Zwang und ohne „quetsch, quetsch“. Als er dann heute gefahren ist, war ich so überraschend traurig. Ich habe das nicht im Geringsten erwartet und als wir in seinem Auto saßen und uns noch lange von ihm verabschiedet haben, war da auch gar keine Vorahnung dessen, wie ich mich – wir uns – fühlen würden, sobald wir die Autotür hinter uns schließen. Es ist echt wie so ein Blitz über uns eingeschlagen. Also so die Traurigkeit und diese Leere, dass er drei Wochen einfach weg ist.

Naja… und später, nach der Arbeit, kamen dann die ganzen Erinnerungen von letzter Woche… bzw. kam erst das, bzw. das Ausmaß dessen, was wir damit angerichtet haben, in unserem Verstand an und es hat mich so zerstört innerlich. Ich bin von diesen Gefühlen wirklich überwältigt, weil ich noch nie in meinem Leben so intensiv gefühlt habe. Ich war immer sehr ausgeglichen und eher ruhig und habe alles sehr dumpf und abgeschwächt gefühlt. Ich weiß mir irgendwie gar nicht anders zu helfen, als das zuzulassen und den ganzen Nachmittag durchzuweinen und auszuhalten, dass es wehtut. Also so alles zusammen: Das schlechte Gewissen, die Ängste, der Ekel, der Trennungsschmerz, der Hass und auch die Frustration über das Gespräch mit brh usw. Ich frage mich nur, wenn das wirklich alles „normale“ Emotionen sind, wie „normale“ Menschen so etwas aushalten.

Ich bin wirklich froh, dass Lena später vorbeikommt und wir einen Filmabend machen, Vielleicht lenkt mich das ein bisschen ab. Ich will keinen von diesen Männern je wieder sehen. Ich hasse mich-uns selbst so sehr für das, was wir getan haben. Alles was für uns zählt oder zählen sollte, ist eigentlich unsere Zukunft, dass wir hier endlich wegkommen, dass es uns besser geht, vielleicht darauf hinaus arbeiten, dass die Zukunft mit Severin auch eine realistische Perspektive ist (auch wenn wir uns noch nicht 100 % trauen uns darauf einzustellen).

Ich versuche uns jetzt irgendwie noch einen schönen Abend zu machen. Ohne die ganzen Gefühle zu verurteilen, sondern sie einfach irgendwie wirken zu lassen und irgendwie zu verstehen, dass das normal ist.