Moralische Schwierigkeiten

Umso länger ich mich wieder mit der Wohnungssuche beschäftige, desto hoffnungsloser werde ich schon wieder. Es gibt kaum Wohnungen und wenn, sind sie nicht bezahlbar. Hier auf dem Land eine 2 Zimmer Wohnung mit 65 qm für 880 Euro warm? Wo soll das eigentlich alles noch hinführen? Jeden Tag suche ich und schließe dann seufzend entweder den Browser-Fenster oder die Zeitung. Es ist total zwecklos. Noch dazu: Ich komme aus einer Einrichtung, verdiene im Monat knapp 900 Euro und die Menschen, die hier eigentlich dafür bezahlt werden, helfen kein bisschen. Und das seit zwei Jahren. Ich habe einen Wohnberechtigungsschein. Seit Jahren. Mein Kollege sagte vor meinem Urlaub zu mir, den soll ich so in den Müll schmeißen, wie er ist, denn er hätte diesen Schein sieben Jahre erfolglos gehabt, bis er sich eine Maklerin gesucht und mit ihr dann innerhalb von 4 Monaten eine Wohnung gefunden hat. was soll ich also machen? Ich wollte mir ein Jahr Zeit geben, um eine Wohnung zu finden, jetzt bin ich nach einem Monat schon demotiviert. Soll ich tatsächlich auch eine Maklerin anschreiben? Aber wie ist das mit dem Geld? Ich hoffe, die hauen einen nicht übers Ohr.

Und am Ende? Ziehe ich dann wirklich zu La in ein WG-Zimmer? Ich will nicht schlecht über diese Einrichtung reden, schließlich arbeite ich ja auch hier… aber gleichzeitig bin ich auch Hilfeberechtigte und kriege von dieser Seite viel mehr mit als die „normalen“ Mitarbeiter. Es gibt so viel Unzufriedenheit bei den HB (Hilfeberechtigten). Egal mit welchen ich mich unterhalte, es ist nicht nur mein Eindruck, dass die Einrichtung hier in dieser Hinsicht einer Sekte ziemlich gleich ist: Sie catchen dich und ein Ausstieg ist danach fast unmöglich. Das ist ein großes Problem und umso mehr ich mich mit den HB hier austausche, desto mehr zweifel ich an meiner Arbeit hier und frage mich, ob das moralisch vertretbar ist, was ich tue. Die HB fühlen sich wahnsinnig verraten, hintergangen und verarscht über den Öffentlichkeitsauftritt und ehrlich gesagt kann ich das sogar verstehen. Vieles wird in besserem Licht dargestellt, als es wirklich ist und eigentlich dient diese Einrichtung hauptsächlich „Kunden“. Ein Markt im Dorf wo überwiegend HB leben, der von einem Edeka beliefert wird und mit überteuertem Bio-Gemüse? Wie sollen sich das HB leisten, die im Monat 350 Euro (im Schnitt) bekommen? Eine Busverbindung die eigentlich sogar im Jahr 2021 nur noch peinlich ist? Als ich am Wochenende mit *Lotta und *Izzy (unsere zwei neuen Mitbewohner) über die Umstände und den Umgang mit HB hier gesprochen habe, waren sie wieder zwei HB mehr, die absolut unzufrieden sind. In den letzten acht Jahren, die ich hier bin, kann ich mich spontan nur an zwei Menschen erinnern, die positiv über die Einrichtung gesprochen haben. Das Gespräch mit Lotta und Izzy hat mich wütend gemacht, weil ich in einer Position arbeite, die ich eigentlich so nicht vertreten möchte, wo ich doch die Wahrheit weiß. Ich würde so gerne etwas ändern, das habe ich festgestellt bei dem Gespräch. Ich möchte nicht wirklich für das Unternehmen hier arbeiten, wenn das so unglaublich falsch läuft, sondern lieber für die Hilfeberechtigten. Ich will, dass aus einem Ort für Menschen mit Recht auf Hilfe auch wirklich ein Ort für Menschen mit Recht auf Hilfe wird. Ganz abgesehen davon, dass die sozpäd Mitarbeiter ja auch noch dafür bezahlt werden, dass sie helfen – was sie aber nicht tun. Hier fehlt es so massiv an Kompetenz in den Hilfseinrichtungen (zumindest im Bereich der seelischen Erkrankung), dass es nur noch schockierend ist. In der Jugendhilfe habe ich mich damals wohl gefühlt. Da kann ich nicht klagen, und wie es zurzeit da läuft weiß ich auch nicht. Aber im Erwachsenenbereich ist es beinahe schon unwürdig.

Es werden Mitarbeiter für Hilfeberechtigte mit Doppeldiagnosen eingestellt, die bloß Krankenschwester oder Hauswirtschaftler sind. Dann beschweren sie sich über die Überforderung im Team und die Unzufriedenheit der HB, weil keine kompetente Unterstützung gewährleistet werden kann.

Seit Neuem haben wir eine neue Gruppenleiterin, ich nenn sie mal Frau *Mali. Sie mag ich bisher ziemlich gerne. Es wirkt, als würde sie frischen Wind reinbringen und einiges besser machen wollen. Sie hat in Amerika auch in einer Einrichtung mit Doppeldiagnosen gearbeitet und im Kontakt mit ihr war sie mir(uns) bisher sehr sympathisch. Ich weiß nicht, ob sie vielleicht ein guter Ansprechpartner wäre, doch ich fürchte, sie würde auch eher zum Team und zur Mitarbeiterseite stehen. Durch die psychischen Erkrankungen wissen die Hilfeberechtigen nicht immer, was sie sagen oder reagieren emotional über, deshalb kann man denen nicht so viel abnehmen, was sie sagen. Das würde kein einziger Mitarbeiter hier so sagen, aber genau so wirkt es, wie sie mit uns Hilfeberechtigten umgehen. Und das finde ich wirklich wahnsinnig unwürdig.

Ich denke, bevor ich mich intensiv mit der Wohnungssuche beschäftige, werde ich mich jetzt erkundigen, wie ich all das, was hier falsch läuft, irgendwie verändern kann. Im Sinne der Hilfeberechtigten, die gefühlt hier bloß für die Öffentlichkeitsarbeit vermarktet werden. Ich kotze.

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