Verblassen die Erinnerungen oder waren sie nie wirklich da?

Diesen Monat sind wir 200 im Minus. Unser AG hat uns Ende Juni nur 90 € überwiesen und von der Krankenkasse bekamen wir 500(+/-). Da unsere Wohnkosten, die wir selber zahlen, ja schon 660 Euro betragen, sah unser Kontostand ziemlich traurig aus, Anfang Juli. Und da sind die ganzen laufenden Kosten noch gar nicht mit einberechnet. Das Geld vom Arbeitsamt kam dann irgendwann nach, so sind wir nun“nur“ 200 im Minus, trotzdem haben wir ab einem Minus keinen Zugriff mehr auf unser Konto. Somit haben wir für diesen Monat von unseren Eltern 200 Euro bekommen. Schwer damit zu leben, aber irgendwie gings (wir haben jetzt noch 25 Euro, aber die müssen wir morgen für die Therapie ausgeben, dann sind wir wirklich pleite pleite – nirgendwo ein Cent. Nicht einmal in den Jackentaschen, die wir schon alle abgesucht haben). Besonders drückend finde ich diese Tatsache irgendwie nicht. Keine Ahnung warum, aber scheinbar scheinen wir diesen Monat fast nichts zu brauchen, denn mir fällt kaum auf, dass wir kein Geld haben. Was mich aber verunsichert hat, war die Begegnung mit einem Strafbon von der Bahn. Als ich zuletzt Zug gefahren bin, konnte man noch Tickets im Zug lösen.

Als ich letzten Donnerstag dort einstieg, war weit und breit kein Ticketautomat. Ich ging zur Schaffnerin und fragte sie irritiert, ob ich bei ihr ein Ticket lösen dürfte, weil ich keinen Automaten finde. Sie sah mich an, als würde ich ihr die Story von „Mein Hund hat meine Fahrkarte gefressen“ erzählen. Sie sagte, dass Fahrkartenautomaten seit über einem Jahr nicht mehr in den Zügen vorhanden seien und drückte mir einen Strafbon mit 73 Euro in die Hand. Zusätzlich den 15 Euro, die ich trotzdem dann für die Rückfahrt noch zahlen musste. Autsch. Im Zug habe ich geheult. Aus Angst, weil ich keine Ahnung hatte, wie ich das zahlen soll. Woher Geld nehmen, wo keins ist? Absurderweise kam mir der Gedanke, mich mit einem Mann zu treffen, der sicher für dies und jenes zahlen würde, weil ich wusste, dass ich noch einige Kontakte im Handy habe, die regelmäßig nach mir fragen. Doch dann dachte ich, dass selbst das mir nichts bringen würde, schließlich bekäme ich das bar und wenn ich das auf mein Konto einzahle, um es zu überweisen, wäre ich immer noch im Minus, es sei denn, ich würde mich in einer Woche mit vier Männern treffen, um auf dem Konto ins Plus zu gehen. Bei dieser Verzweiflung merkte ich gar nicht, in was für eine Richtung meine Gedanken wieder kreisten. Prostitution? Ernsthaft? Ich habe an dem Tag mit Frau Blume darüber geredet. Sie gab mir den Tipp, einen Widerspruch mit der Bitte um Kulanz zu schreiben – ein Versuch sei es wert – und sie lege einen Attest dazu. Billy hat mir bei dem Schreiben geholfen und das habe ich gestern früh verschickt. Ich weiß, dass wir im Unrecht sind und wenn die Bahn die Kulanz verweigert, dann konnte ich so vielleicht wenigstens etwas Zeit herauszögern und vielleicht kommt bis dahin mein neues Gehalt. Ich frage mich nur, unter den Umständen, wie ich jemals aus dem Minus rauskommen soll. Ein finanziell unabhängiges Leben führe ich immer noch nicht – darüber habe ich vorhin nachgedacht, als ich im Garten saß und meine Mails gecheckt habe. Dabei fiel mein Blick auf einmal auf ein Seil mit einem Karabiner, der um den dicken Ast eines Baumes in unserem Garten hängt und ein Gedanke geht mir durch den Kopf: „Wow, das hat überwintert.“ Und ich bleibe bei dem Wort „überwintert“ hängen. Ich erinnere mich, dass wir dort den Hängesessel letzten Sommer immer wieder hängen hatten. Aber überwintert? Ich erinnere mich an kein einziges Bild vom Winter (außer Fotos, die es von mir gibt). Das hat mich erschreckt und ich habe ganz bewusst versucht, mich an irgendwas vom Winter zu erinnern. Aber es kommt mir nichts hoch. Absolut gar nichts. Als würden meine Erinnerungen verblassen. Logischerweise weiß ich, dass ich den Winter erlebt habe. Aber ich kann mich an nichts erinnern. Weder an Weihnachten, noch an Silvester oder an irgendwas Handfestes. Ich kann mich an zwei Situationen erinnern: An das Plätzchenbacken und daran, dass wir den Nachbarn welche geschenkt haben und ihr liebes Gegengeschenk dafür. Und an einen Spaziergang in einem sehr hohen Schnee, bei dem Svea im Außen war. Mehr ist aus meinem Gedächtnis absolut nichts zu holen. Auch an den Sommer allgemein erinnere ich mich kaum. An den Urlaub in Ungarn, an Emmy und meine Cousine. Und ich erinnere mich, wie ich auf einer Picknickdecke im Garten auf der Wiese lag und in einer Happinez-Zeitschrift gelesen habe. Ich kann mich auch an ein Bild erinnern, wo Hanna im Garten eines Klosters sitzt und etwas in unser Kommunikationsheft zeichnet und Ari, die runterkam und sich neben uns auf eine Liege gesetzt hatte. Und ich kann mich an eine Katze aus Griechenland erinnern, wo wir einen Tag waren, weil Ari uns vor der Initiation „schützen“ wollte. Diese Katze auf dem Stuhl, die Lämmchen gestreichelt hat und der Moment, wo Polly nach außen getriggert wurde…. und wie Mia und Lämmchen sich ablösen konnten. Weil ich das beobachtet hatte…. aber sonst erinnere ich mich an kaum etwas. Wie als würde wirklich alles immer mehr und mehr verschwimmen. Oder sind diese Erinnerungen in meinem Bewusstsein gar nicht vorhanden?

Und dann habe ich mich wieder an die Zugfahrt und die Begegnung mit der Schaffnerin erinnert. Als sie sagte, in den Zügen sei seit über einem Jahr kein Ticketautomat mehr, sagte ich hilflos, dass ich seit zwei Jahren kein Zug mehr gefahren sei. Meine letzte Zugfahrt-Erinnerung ist, als wir zu Frau Honig fuhren. Aber dann fiel mir ein, wenn ich mich an so wenig erinnern kann – woher soll ich wissen, ob ich nicht doch mal irgendwann Zug gefahren bin? Bin ich das? Mir kommt keine einzige Erinnerung, in der ich mit einer FFP2 Maske in einem Zug sitze. Verdammt. Die Schaffnerin sah mich genauso ungläubig an, wie ich mich gerade fühle.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s