Definitionen von Liebe

Gestern hatte ich mit Cia telefoniert. Sie meinte, ihr wäre es lieber, wenn wir es über Telefon bereden. Ich habe ihr gesagt, was ich hier eigentlich auch geschrieben habe. Dass ich Gefühle für Severin habe und ich nicht mehr ausschließen kann, dass sich (für mich emotional) etwas Festes daraus ergeben kann. Sie sagte, sie sei dankbar, dass ich ihr das sage und dass sie sich das eigentlich von Anfang an gedacht hatte und somit schon darauf vorbereitet war, weil ihr Gefühl ihr schon gesagt hatte, dass ich für sie nicht so empfinden werde wie sie für mich. Sie hätte sich wohl schon sehr früh darauf vorbereitet und versucht auf die Freundschaft zu konzentrieren. Sie bat mich nur darum, dass ich ihr bescheid sage, sollten Severin und ich wirklich offiziell eine Beziehung führen, ansonsten aber in ihrer Gegenwart nicht über ihn reden. Das ist für mich selbstverständlich. Aber was sie mit „offizieller Beziehung“ meint, das weiß ich nicht genau. Ich habe nicht vor ihn an irgendeinem Tag zu fragen: „Willst du mit mir gehen?“. In meiner Welt entwickelt sich so etwas im Laufe der Zeit. In Monas Welt, so sagte sie gestern zum Beispiel, seien für ihr Verständnis Severin und ich schon in einer Liebesbeziehung, da die Tatsache, dass ich ihn und er mich verletzen könnte, wenn wir uns auf jemand anderen einlassen würden, ein Kriterium dafür sei. Das mit dem Kriterium hat sie nicht so gesagt, ich nenne es jetzt einfach mal so.

Abends hatte ich dann mit Severin telefoniert. Wieder einmal über eine Stunde. Er war ein bisschen irritiert, weil es für ihn keine Logik hat, wieso es für Cia so schlimm ist, dass er eine Rolle spielt. Bzw. wieso es überhaupt wichtig sei, dass er eine Rolle spielt. Schließlich hätte ich ja so oder so keine Gefühle für sie. Da hat er grundsätzlich Recht und ich konnte mir das nur so erklären, dass es vielleicht einfach allgemein schlimm ist, wenn man in jemanden verliebt ist, derjenige aber Interesse an einer anderen Person hat. Schlimmer, als wie wenn der Schwarm „einfach so“ kein Interesse hat.

Wir fingen dann an über Gefühle zu reden und bei dem Gespräch habe ich gemerkt, dass Severin und ich wirklich komplett anders Fühlen. Für ihn gibt es nur „gern haben“ und „verliebtsein“. Verliebtsein ist für ihn dasselbe, wie jemanden zu lieben und er fragte mich, wieso für mich Verliebtsein eher die Vorstufe von Liebe sei. Ich musste ernsthaft darüber nachdenken und ich versuche das dann immer recht linguistisch zu betrachten, auch wenn ich von Linguistik keine Ahnung habe. Ich dachte an das Wort „ver-rücken“ oder „ver-späten“ etc. pp. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was das Präfix „ver“ überhaupt bedeutet, aber ganz logisch betrachtet (für mich logisch, Stichpunkt Wahrnehmungstheorie): einen Stuhl ver-rückt man. Ein Zug ver-spätet sich. Ich setze das Präfix irgendwie gleich mit „Verschiebung“ (obwohl da das Wort ohne das Präfix „ver“ auch nur die Schiebung wäre). Aber wenn man das so betrachtet, wäre das ver-liebt sein eine Ver-rückung oder Ver-schiebung des Gefühls der „Liebe“. Emotional ist das für mich auch recht stimmig, denn letztendlich fühle ich mich, wenn ich verliebt bin, viel aufgeregter, unsicher, habe Herzklopfen, bin tollpatschig, etc. pp. Hingegen wenn ich liebe, dann wird das viel ruhiger, vertrauter, sicherer.

Ich bin mir nicht sicher, ob Severin mir folgen konnte. Er sagte, so wie ich das sage, klänge das für ihn logisch, aber er verstehe nicht, warum Frauen so kompliziert seien. Er sagte mir, das, was für mich Verknallt sein ist, sei für ihn schon das Verliebtsein. Ich war total irritiert. Verknallt sein ist für mich nämlich noch einmal eine Unterstufe von Verliebtsein. Und Menschen, in die ich verknallt bin, haben nicht den gleichen Wert wie Menschen, in die ich verliebt bin. Er wollte außerdem dann noch wissen, was für mich dann Liebe bedeute. Und da hat er mich dann absolut sprachlos und nachdenklich gemacht.

Ich hatte erst einmal erklärt, dass es für mich komplett unterschiedliche Arten von Liebe gibt. Bei der einen Liebe, in der es nicht in die partnerschaftliche Richtung geht, gibt es andere „Vorstufen“ der Liebe für mich. Freundschaftliche Liebe oder Familiäre Liebe. Und für mich ist es total logisch, dass ich Freunde habe, die ich nicht liebe, sondern einfach nur mag, aber auch Freunde gibt, von denen ich mit ganz gutem Gewissen sagen kann, ohne, dass es sich falsch anfühlt: „Ich liebe dich“. Emotional ein Weltenunterschied, als wenn ich „ich liebe dich“ zu einer Partnerin (bzw. vielleicht Partner) sagen würde. Das haben bisher nur zwei Menschen von mir gehört. Nämlich Carmen und Kora. Meine zwei bedeutendsten Beziehungen. Auch aus meiner Familie liebe ich nicht jeden.

Dann kamen wir auf die bedingungslose Liebe und er wollte wissen, was das für mich genau bedeute. Ich haute mal wieder die Geschichte mit Carmen und mir raus. Dass ich sie bis heute liebe. Und zwar nicht auf einer partnerschaftlichen Art, sondern irgendwie sogar noch drüber. Darüber hatten Severin und ich vor einigen Wochen schon einmal gesprochen und er fragte, ob ich damit so etwas wie „Seelenverwandtschaft“ meine. Das konnte ich nicht direkt beantworten. Für mich ist nur klar, dass, sollte ich jemals eine Partnerin oder einen Partner haben, derjenige das akzeptieren können muss, dass es eine Person in meinem Leben gibt, die ich von ganzem Herzen liebe und dass sich dieses Gefühl seit fünf Jahren nicht verändert hat, weshalb ich auch davon ausgehe, dass es sich nicht mehr ändern wird. Das bedeute aber nicht, dass ich mit Carmen eine Familie gründen oder mal wieder schlafen wollen würde. Es ist wirklich einfach nur etwas total bedingungsloses, unkompliziertes, aber sehr, sehr Intensives. Also sehr echt. Ohne Zweifel, ohne Ängste, ohne alles. Und dann sagte ich noch, dass bedingungslose Liebe für mich auch bedeute, glücklich zu sein, wenn der andere glücklich ist, und zwar im Rahmen dessen, dass man das eigene Ego ohne geknickte Gefühle hinten anstellen kann.

Er meinte dann nachdenklich zu mir: „Na, aber wenn das die bedingungslose Liebe ist, wie du sie beschreibst, dann würde ich jeden Menschen bedingungslos lieben.“

Ihr könnt euch vorstellen, ich habe gefühlt aufgehört zu atmen. Ich habe mich gefühlt, als könnte ich bildlich vor mir sehen, wie mein Gehirn versucht diesen Satz zu verstehen. Aber mir fehlten Worte und das kognitive Verständnis von dem, was er meinte. Ich fragte also: „Im Ernst..? Wie meinst du das?“ … und er sagte: „Na, das wünsche ich doch jedem Menschen. Ich wünsche jedem Menschen, dass er glücklich ist.“

„Und das macht dich dann auch glücklich? Selbst wenn es ein fremder Mensch ist?“

Er: „Ja, schon.“ (er klang, als sei er irritiert, dass es für mich nicht so ist).

„Und was ist, wenn die Person, in die du verliebt bist, ohne dich glücklicher wäre – könntest du dann auch glücklich sein?“

Er: „Ja, na klar. Ich möchte doch nur Menschen um mich herum haben, die das auch wirklich wollen.“

„Aber würde dir das nicht wehtun?“

Er: „Natürlich. Aber nur für eine kurze Zeit, und dann gehe ich weiter.“

Er hat mich mit diesen Aussagen geflasht und mein ganzes Verständnis der bedingungslosen Liebe in Frage gestellt. So wie er bin ich kein bisschen. Logischerweise will ich auch nur Menschen um mich herum haben, die mich wirklich mögen und die auch gerne Zeit mit mir verbringen. Aber bei den meisten ist es mir egal. Ich fühle mich nicht „glücklich“ für sie, wenn sie ohne mich weiterziehen. Es ist mir schlichtweg egal. Dann gibt es aber Menschen, denen trauere ich wirklich hinterher. Oder viel besser einer Vorstellung, die ich mit ihnen hatte. Das setze ich aber gleich mit Egoismus. Wenn ich jemandem nicht gönnen kann, mit jemand anderem glücklich zu sein (und das konnte ich nicht bei jeder), dann ist mir klar, dass das einfach nur eine egoistische Liebe war. Denn wie oben geschrieben, es ist ja nur die Vorstellung mit der Person, die ich gerne gehabt hätte.

Aber kann es sein, dass er einfach so unglaublich selbstlos ist, ohne das überhaupt zu wissen? Ich finde das verrückt. Ich finde das total verrückt und er überrascht mich immer mehr und ich wünschte, es würde wenigstens eine einzige Sache kommen, die mich an ihm schockiert, damit ich mich nicht immer mehr in ihn vernarre.

Jetzt habe ich gerade den Faden verloren. Vielleicht schreibe ich einen Zweitbeitrag.

Ein Kommentar zu „Definitionen von Liebe

  1. Das hätte mich auch völlig aus dem Konzept gebracht, diese Aussage „dann würde ich jeden Menschen bedingungslos lieben.“
    Glaub das klingt tatsächlich für manche arschig, aber wenn ich eine Person nicht eh schon super gern hab, dann herrscht hier auch eher so ein „aha. okay“ gefühlt.
    Super schräg das alles…
    Übrigens wär meine Definition von Liebe immer noch: den Rest seines Lebens mit jemandem verbringen wollen. Die genaue Ausführung dessen wär sicher individuell, aber ich glaub es triffts, für mich, ganz gut.

    Gefällt 2 Personen

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