Zusätzliches

Ganz unabhängig von Severin verändert sich gerade wahnsinnig viel in meinem-unseren Leben. Es fängt ja schon damit an, dass ich plötzlich als ANP im Außen bin und es wirklich anstrengend habe, nicht zu missachten, dass ich viele bin. Dann ist da die Erkenntnis, die ich aus der Klinik mitgenommen habe. Mein Gehirn ist total im „Wanting-Modus“. Den Begriff habe ich vor ein paar Tagen von Maren Urner erfahren und sie sagte, das wäre ein Zustand, den man anstreben wollen sollte. Jetzt weiß ich, wieso. Dieser Modus gibt mir nämlich sehr viel Antrieb und Inspiration.

Seit einigen Wochen denke ich-wir schon darüber nach, wie ich unser Leben gestalten soll. Wo will ich hin? Was will ich erreichen? Die Vorstellung war immer ganz klar in meinem Kopf: Mit dreißig sitze ich in einer ganz kleinen, total gemütlichen Einzimmerwohnung mit einem kleinen Garten, meinem Hund und schreibe entweder im Blog oder Geschichten, oder lese. Dieses Bild habe ich seit vielen Jahren. Aber jetzt, nachdem ich Beziehungen und Bindung und Gefühle und scheinbar auch die ganze Welt völlig neu entdecke, merke ich, dass das nicht das ist, was ich will.

Ich muss an meine Patenkinder denken. Hauptsächlich an *Emmy. Frau Blume hat mir in der letzten Stunde gesagt, dass sie, als wir letztes Jahr in Ungarn waren (ich kann mich an fast nichts außer Situationen mit Emmy erinnern) einige Mails von jemandem von uns bekommen hat, dem das Patenkind auch sehr wichtig ist. Ich frage mich, wie sehr gespalten ich überhaupt noch bin. Es scheint so, als würden immer mehr Dinge zueinander führen oder als hätten wir als Ganzes immer mehr Berührungspunkte. Klar gibt es noch klassische Wechsel, in denen einer agiert und die anderen nichts mitkriegen, aber ich bilde mir ein, das hat sich in den letzten Jahren sehr verändert.

Emmy ist der wichtigste Mensch in meinem Leben, obwohl wir so weit auseinander leben. Als ich-wir letztes Jahr dort waren und wir Tag und Nacht bei ihnen waren, sie gebadet, gefüttert, gewickelt, die Haare gekämmt haben, oder sie in der Früh aufgeweckt haben und wie sie in unserem Arm lag.. oder ganz besonders die Situation an einem Abend… Sie weinte so sehr. Normalerweise geht dann immer der Papa rein, beruhigt sie, legt sie schlafen. Weil wenn meine Cousine das macht, dann hilft das nicht immer. Aber an diesem Abend ist sie immer wieder aufgewacht und hat nicht aufgehört zu weinen und irgendwann saßen wir zu dritt – meine Cousine, ihr Mann und ich am Esstisch, die Kleine weinte im Zimmer alleine und die beiden waren erschöpft und ratlos. Und ich fragte, ob das öfter vorkommt, dass sie einfach nicht einschlafen kann und immer weiter weint. Meine Cousine wirkte total bedrückt, sie meinte, manchmal hilft einfach gar nichts. Selbst wenn sie sich zwei, drei Stunden dazu legt, bis sie einschläft – sobald sie aufwacht, und aus dem Zimmer geht, fängt sie wieder das weinen an. (also nicht immer, aber manchmal eben). Das war in den drei Wochen auch nur ein einziges Mal, dass ich das mitbekommen habe letztes Jahr. Und meine Cousine hat ein riesiges Haus mit einem riesigen Garten mit Nutztieren (Hühner) und Gemüse und Obst und blalabla und der Mann musste zur Nachtschicht… also habe ich gefragt, ob ich reingehen dürfte…

Ich bin zu ihr reingegangen und ich glaube das war der Abend, in dem ich das erste Mal das intensivste für ein Kleinkind gespürt habe. Ich habe noch nie, nie, nie, nie in meinem Leben eine so heftige, schmerzhafte Liebe gespürt wie an dem Abend, als sie da total verweint in ihrem Bett saß und mich aus ihren glitzernden, blauen Augen angeschaut hat. Ich habe mich zu ihr in das Bett gesetzt, habe ihr die nassen Strähnchen aus dem Gesicht gestreichelt. Sie war total verschwitzt, ich habe ihr ein neues, trockenes Schlafi gegeben und sie zugedeckt. Sie hat noch geschlucht und geweint und an ihrem Plüschtier Seestern genuckelt. Sie ist schluchzend eingeschlafen, während ich ihren Kopf und den Rücken gestreichelt habe und ich wollte einfach nur mit weinen. Nicht, weil ich Mitleid hatte, sondern weil in dem Moment die Liebe zu diesem kleinen Wesen so so so heftig war, dass ich es fast kaum ausgehalten habe und ich wusste, in dem Moment, wenn auch nur irgendjemand ihr ein Haar krümmt, ich würde dafür töten und hinter Gitter gehen. Ich würde alles, absolut alles tun, um sie zu schützen. Und das war der erste Tag an dem ich-wir festgestellt haben, dass wir auch irgendwann eine Mama sein wollen. Emmy ist nicht einmal unser eigenes Kind. Und trotzdem ist das, was wir für sie fühlen, das schönste auf dieser Welt, das wir für nichts anderes auf- oder hergeben würden.

Und ich glaube, es kann einfach nichts Schöneres im Leben geben, als Mutter zu sein und einem kleinen Menschen die Möglichkeit zu geben, groß und gesund und glücklich zu werden. Aber ich weiß, dass wir dafür ein stabiles und sicheres Umfeld brauchen. Und eine:n Partner:in, damit das Kind auch wirklich stabile Beziehungen hat. Ich möchte nicht einfach aus egoistischen Gründen ein eigenes Kind haben. Ich wünsche mir Mama zu werden, um einer „Seele“ ein Leben zu ermöglichen und diese Welt zu entdecken. Apropos… seit ich so auf diesem Neurowissenschaften Trip bin, glaube ich auch immer weniger daran, dass ein Mensch wirklich eine Seele hat. Und da sind wir schon beim nächsten Thema.

Ich merke, dass ich richtig wissbegierig geworden bin in den letzten Wochen. Ich möchte so viel lernen und verstehen und mich kognitiv weiterentwickeln. Am meisten habe ich gemerkt, dass mich alles was mit Gehirnen angeht total fasziniert und interessiert. Am liebsten würde ich Neurowissenschaften studieren, aber das wäre absolut sinnfrei, weil ich in dem Bereich nie arbeiten wollte, es geht mir wirklich nur um meine Faszination, was das menschliche Gehirn betrifft…  Sowas kann ich mir bestimmt auch selber erarbeiten über das Internet, Bücher oder Videos und ich glaube, das möchte ich auch anfangen. Bzw. habe ich sogar angefangen. Ich denke alles Biologische hat mich schon immer irgendwo interessiert, weil ich kann mich erinnern, als ich meine erste Ausbildung als MFA angefangen habe, war ich eine Einserschülerin. Ich habe den Schulstoff unheimlich geliebt. Wie der Körper aufgebaut ist, die Zellen, wie ein Immunsystem arbeitet, blabla. Das Gehirn ist aber noch tausendmal komplexer und interessanter als der Körper… Und irgendwie möchte ich mich unbedingt damit auseinandersetzen. Einfach, damit auch mein Gehirn etwas zu arbeiten hat. Irgendwas Sinnvolles. Ich habe auch festgestellt, dass mich Sprachen sehr interessieren…. nicht das Sprachen lernen, sonden eher die Frage, wie sie entstanden sind, die Verbindungen oder Ähnlichkeiten usw. Wie verständigen sich Tiere? Ich habe letztens einen Artikel über Elefanten gelesen. Die Art, wie sie miteinander kommunizieren, ist verdammt beeindruckend. Vor vielen Jahren, als ich noch ein Kind war hatte ich in einem Brockhaus Buch gelesen, dass Rehe über Vibrationen im Boden (durch ihre Hufe) spüren, wer oder was in der Nähe ist (falls ich mich richtig erinnere). Bei Elefanten ist es dasselbe. Das habe ich aber erst vor ein paar Tagen gelesen und ich fand es höchst spannend, das eins der größten Tiere dieselbe Kommunikationsmethode haben (unter anderem) wie Rehe, die ja im Vergleich zu Elefanten so unfassbar zart und gebrechlich sind.

Ich merke schon, dass ich wesentlich zukunftsorientierter bin als vorher. Und auch ein bisschen zuversichtlicher. Und dadurch, dass ich jetzt weiß, was und dass ich etwas erreichen möchte, bin ich auch viel motivierter die Therapie gezielter anzupacken. Und ich weiß, dass ich will, dass das alles ein Ende hat. Die schädlichen Kontakte. Die Gewalt und die Folgestörungen dadurch. Ich weiß jetzt, was das Leben lebenswert macht und das ist nicht das Alleinsein und ein sicheres Zuhause und sicheres Einkommen zu haben. Sondern zwischenmenschliche Beziehungen.

Und genau deshalb ist mir das auch so wichtig, mich diese Woche mit Cia zu treffen und mit ihr ehrlich zu reden. Cia ist nämlich seit über einem Monat sehr in mich verliebt und es machte ihr sehr zu schaffen, dass ich nicht klar sagen konnte, was zwischen mit und Severin ist. Aber das kann ich jetzt und ich habe große Angst, ihr das zu sagen, weil ich sie verletzen oder verlieren und im aller schlimmsten Fall beides zusammen werde. Und das weiß ich. Aber gerade weil sie mir wahnsinnig viel bedeutet und ich sie extrem ins Herz geschlossen habe, will ich ehrlich zu ihr sein und ihr sagen, dass sich zwischen Sev und mir etwas anbahnt und ich nicht mehr ausschließen kann, dass es vielleicht etwas Ernstes wird. Und sie soll die freie Wahl haben, ob sie sich dann unter den Umständen eine Freundschaft vorstellen kann, oder ob sie zu sehr darunter leiden würde. Es gab in der Klinik nämlich schon einige Situationen, vor allem in der letzten Woche, in der ich sie (ungewollt) extrem verletzt habe. Sie war wirklich fertig mit der Welt, als sie Sev und mich zum Beispiel aus Versehen dabei erwischt hat, wie wir uns küssen. Ich hatte ihr vor vier Wochen gesagt, dass ich es verstehen kann, wenn sie Abstand braucht, weil ich ihr nicht sagen kann, was ich für ihn oder sie empfinde. Ich hatte ihr 100 % ehrlich gesagt, wie es bei mir aussieht. Dass Sev irgendwelche Gefühle in mir auslöst, aber ich mir nicht sicher bin, ob das nur Projektionen sind (ich glaube, das hatten wir sogar hier im Blog mal erwähnt) oder ob es wirkliche Gefühle sind. Und dass SIE uns aber als Mensch wichtiger wäre als er. Also, dass wenn man uns vor die Wahl stellen würde, ob es für uns schlimmer wäre sie als Freundin oder Sev zu „verlieren“ wir wüssten, dass ihr Verlust 1000x mehr wehtun würde. Weil es Freundschaft ist und weil wir ihr zu 1.000 % vertrauen. Was wir so von Sev ja noch nicht behaupten können. Wir sind verliebt, aber 100% vertrauen können wir in die Beziehung, die wir zu ihm haben, nicht. Aber zu dem, was zwischen Cia und uns ist, eben schon. Das ist authentisch und sicher. Und ich weiß, dass wir sie als Person waaaahnsinnig lieb haben, wirklich unheimlich gern! Aber es sind keine romantischen oder anziehenden Gefühle für sie da. Auch wenn sie wirklich sehr attrakiv ist. Und genau so haben wi rihr das von Anfang an gesagt… Und wir haben auch gesagt, wir werden jeden Schritt ihr überlassen, weil sie in der verletzlich(er)en Position ist, und wir sie deshalb nur noch dann kuscheln, wenn es von ihr aus kommt. (Mit Cia kuscheln wir wirklich sehr gerne, als sie von Samstag auf Sonntag bei uns übernachtet hat, haben wir auch zusammengekuschelt auf der Couch geschlafen). Weil solange sie sagt und für sich abwägen kann, ob sie das aushält, ist das für uns ok. Was nicht ok wäre, wenn wir wüssten, es würde sie nur noch mehr verletzen. Aber sie sagte, das wird sie für sich selber herausfinden und lernen müssen und das finden wir sehr reif. Und wir sind auch froh, dass wir uns somit nicht verpflichtet machen für sie zu entscheiden. Ich finde grundsätzlich immer, dass der Part, der die unerwiderten Gefühle hat, entscheiden sollte, was ihm guttut. Und nicht derjenige, der nicht so intensiv fühlt. Weil ich kann mir vorstellen, dass es manchmal noch schlimmer ist, wenn die Person, in die man verliebt ist, den Kontakt dann komplett abbricht.

Mit Severin hatte ich am Wochenende auch darüber geredet, dass mir Cia große Sorgen macht (wir sind leider ein Freundesgespann. Also Cia, Severin und Belinda sind auch sehr gut miteinander befreundet)… das macht die ganze Sache natürlich nicht einfacher. Ich hatte ihm gesagt, dass ich im Bezug auf Cia immer mehr unsicher bin und immer weniger weiß, wie ich mit ihr umgehen soll. Er fragte, was ich damit meine und ich erklärte ihm, dass, wenn wir uns zum Beispiel mal zu dritt treffen würden, ich nicht wüsste, wie ich mich verhalten soll. Ich hätte Angst seine Nähe zu suchen, weil ich sie nicht verletzen möchte. Er war sehr verständnisvoll und auch nachdenklich an dem Abend… irgendwann fragte er, was ich denke, wie ich das in der Zukunft lösen möchte. Ich meinte, dass ich weiß, dass ich irgendwann ehrlich zu ihr sein muss, aber dass ich mich egoistisch fühle, weil ich angst habe sie zu verlieren. Er fragte mich, ob ich Angst habe sie zu verlieren, oder nicht viel eher sie zu verletzen. Ich meinte, es ist beides zusammen. Severin meinte, manchmal muss man verletzt werden, damit die Trauer in Wut umwandeln kann und die Person mit den verletzten Gefühlen abschließen kann. Das hat Mona mir gestern auch gesagt. Sie hat Cia am Wochenende ja kennengelernt. Ich habe wahnsinnig Angst vor dem Gespräch mit Cia… aber ich habe mich dazu entschlossen, das diese Woche in Angriff zu nehmen, weil ich nach dem Wochenende und vor allem nach der Woche, in der ich Sev so sehr vermisst habe, gemerkt habe, dass da wirklich etwas Ernstes zwischen uns beiden ist…

Sie weiß auch schon dass es um Sev gehen wird, weil wir vorhin schon kurz geschrieben hatten. Weil eigentlich wollte ich von Freitag auf Samstag bei ihr übernachten (sie freut sich darauf schon seit zwei Wochen) und ich habe mich auch soooooooooo mega darauf gefreut, weil ich es bei ihr Zuhause auch sehr vertraut und schön fand. ich mag ihre Mutter und ihre Schwester (die ist ein Jahr älter als Cia) auch total gerne und ich fühle mich ein bisschen wie Zuhause bei denen… aber naja… jedenfalls hatte sie mir heute geschrieben und da habe ich es dann schon angedeutet…Und jetzt weiß ich aber auch nicht, ob die Art, wie wir mit ihr geschrieben haben, sie noch mehr in die Situation drängt, „stark“ sein zu müssen/wollen… wir wollten einfach nur ehrlich sein, aber jetzt habe ich Angst, dass sie das beeinflusst und sie eigentlich total drunter leiden wird und es nicht vielleicht doch besser wäre, wenn sie Abstand nimmt, es aber jetzt aus Rücksicht auf uns/mich nicht machen wird und DAS will ich wirklich nicht. Wir könnten damit auf jeden Fall leben und auch umgehen, wenn sie Abstand nehmen würde, das wäre für uns so selbstverständlich und wenn es das Beste ist für sie, würde uns das auch guttun, weil wenn sie dmait weniger leidet als wie mit der Tatsache, dass sie uns mit Sev manchmal sehen wird, dann wäre mir das auch viel lieber… wei ich denke für uns wäre das 1000x weniger schlimm sie als Freundin zu verlieren, als wie wenn sie jedes Mal mit ansehen muss, wie wir mit Sev immer näher zusammen kommen. Also wenn ich mir vorstelle, ich müsste damit klarkommen, dass Sev eine Andere kennelernt und sie sich immer näher kommen…. in der jetzigen Situation würde sich das für mich anfühlen wie ein Weltuntergang. Es würde SO wehtun. Ich denke, wir hätten ihr das nicht schrieben sollen, dass wir angst haben sie zu verlieren, oder? … Na ja, ich habe auf jeden Fall große Angst vor dem Gespräch. Vor allem, falls das mit Sev und uns doch nichts wird und wir dann quasi „umsonst“ eine Freundschaft verloren haben. Aber das meine ich mit Egoismus. Das wäre nicht fair wenn wir nur deshalb die Entwicklung zwischen ihm und uns verschweigen. Wi rhassen es, mit Gefühlen zu spielen und da hilft nur Ehrlichkeit.Wir könnten uns zumindest nicht in die Augen sehen, wenn es wirklich am Ende so wäre: „Oh Sev hat doch eine Andere, Gott sei Dank haben wir Cia nie davon erzählt, was zwischen uns war, sonts hätten wir sie als Freundin auch noch verloren“. Das wäre sowas von egoistisch und moralisch verwerflich, dass ich mir selber kein guter Freund sein wollte. So ein Mensch will ich nicht sein. Und deshalb denke ich hier auch wieder an den Satz von Billy: „Was wäre, wenn ich da anders gehandelt hätte?“ und ich weiß, dass mein 80-Jähriges Ich lieber wollte, dass ich diese Sache ehrlich kläre.

 

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