Erster Arbeitstag

Der Besuch von DIE LINKE war wie erwartet nicht im Geringsten so schlimm wie ich es vorher befürchtet hatte. Im Gegenteil hatten wir sogar richtig Spaß, waren motiviert und energiegeladen. Außerdem war ein kleines Baby mit dabei, und der Kleine hat die ganze Zeit mit uns „geflirtet“. Wir sind so schockverliebt gewesen und er hat den ganzen Tag wirklich komplett versüßt und erleichtert. Es war auch schön mit meiner Kollegin wieder zu reden und den Chef zu sprechen auch. 

Irgendwann ca. um 12 Uhr haben wir die erste Dissoziation bemerkt. Eine Stunde vorher hatten Kopfschmerzen angefangen. Da ist mir aufgefallen: Wie skillt man in Situationen, in denen man nicht skillen kann? Und wie umgehen mit Überforderung, wenn man in sich in dem Moment einer Aufgabe nicht entziehen kann? Hmh. Wir haben Gott sei Dank noch Dissoziations- und Spannungsbögen aus der Klinik dabei und das aufzuschreiben und versuchen zu reflektieren war ein bisschen hilfreich. (Wir haben heute von 8 – 15 Uhr gearbeitet)

Wir waren dann, als wir die Arbeit erledigt haben, irgendwie plötzlich total in diesem Gefühl drinnen, das wir vor der Klinik hatten. Es war so gruselig und hat mich sehr erschreckt. Es ist total komisch. Diese wenige Arbeit heute hat mich so erschöpft und scheinbar auch überfordert, und als ich dann aber nichts mehr zu tun hatte, fühlte ich mich auf einmal kurz wieder sinnlos und dann war ich kurz in Erinnerungen in der Klinik und was ich dort jetzt täte und es war so eine undefinierbare Traurigkeit da, obwohl ich es an nichts ausmachen konnte. Sie war dann schnell wieder weg und ist jetzt auch nicht mehr da… aber, ja… 

Irgendwie beunruhigt mich auch ein bisschen die kommende Zeit in meinem Leben… ich hab gemerkt, dass mir das Leben hier halt überhaupt nicht guttut, weil wir hier nicht weiterreifen, sondern irgendwie stehen bleiben und eigentlich dringend wegziehen sollten. Aber wir mögen unsere Arbeit sehr, das hat uns heute nur wieder bestätigt. Und die Freudlosigkeit über die Arbeit kam tatsächlich nur vor der Depression… aber wenn wir in eine etwas größere Stadt ziehen würden, dann könnten wir hier nicht weiter arbeiten gehen. Ach, aber naja, erst einmal der erste Schritt: Raus aus diesem Wohnen. Wir wollen endlich in die Selbständigkeit!

Ihr merkt bestimmt, dass ich-wir nicht mehr schreiben wer von uns schreibt oder auch öfter die Ich-Form benutzen. Das liegt daran, dass wir in der Klinik-Zeit gemerkt haben, dass es für uns nicht wichtig ist, dass jeder weiß wer von uns gerade spricht. Im Endeffekt hat jeder von uns seine Berechtigung, seine Zeit, sein Anliegen, seine Themen und Gefühle und alles in allem ist jeder von uns ein Teil vom Ganzen. In der Klinik haben sie nicht rumgefragt wer da ist oder ob xy kommen könnte, sondern sie sind auf jeden von uns einfach so eingegangen, wie sie sind und jeden von uns so angenommen, wie wir waren. Und wir haben gemerkt, dass es gut tut. Wenn ihr es genau wissen wollt, nur für das Verständnis: Ich bin Jola. Und ich bin gerade sehr viel im Außen und im Kontakt mit dem Zweiersystem. Also Kara, Lou, Max, Mia, etc. pp. Es ist wie als könnte ich seit Jahren endlich wieder so weiterleben wie vor der Geschlossenen. Es finden zwar Wechsel statt, das weiß ich, weil ich nicht den ganzen Tag reflektieren kann und mir einige Momente fehlen. Ich zappe schon eher von einer Erinnerung zur nächsten und zwischen drinnen sind Lücken. Eigentlich ist es so, als ich die letzten Jahre nur innen war, oder eben überwiegend,… da sehe ich einfach sehr viel und kann so gut wie alles super gut sortieren und bin auch irgendwie sowas wie ein Kanal gewesen, um von einem System ins Andere zu kommunizieren. Also wenn Lou jetzt zum Beispiel keinen Kontakt zu System 5 herstellen kann, würde sie versuchen sich an mich zu richten und ich würde versuchen mich an einen bestimmten Anteil von System 5 zu richten, um wie eine Brieftaube Botschaften zu übermitteln… aber sobald ich im Außen bin, bin ich plötzlich wie eine klassische Alltagspersönlichkeit. Ich fühle mich wie eins. Weiß zwar kognitiv von den Anteilen und weil ich so lange im Innen war und so im Kontakt war, leugne ich sie auch nicht, würde ich auch nie tun (nicht mehr), aber von außen habe ich keinen Kontakt nach innen. Absolut gar keinen. Das widerspricht irgendwie komplett der Theorie die wir bisher über uns herausgefunden haben. In den letzten Jahren war das so, dass immer Alltagspersonen von jeweils einem System eben den Alltag übernommen haben. (Ich habe gerade total den Drehschwindel gespürt, als hätte sich mein Laptop-Bildschirm gewölbt und war kurz total derealisiert… Schreibe ich gerade über irgendwas, worüber ich nicht schreiben sollte? Ich merke auf jeden Fall, dass ich gerade total dissoziieren… ufz.). Puh… hmh. Ich frage mich, wie das eigentlich früher war. Bevor ich das erste Mal von der DIS-Diagnose gehört habe. Habe ich da auch immer im Hintergrund ein System mit Alltagspersonen im Rücken gehabt, die mich als „ANP“ dann abgelöst haben? Und war ich dann die letzten Jahre deshalb gar keine ANP mehr, WEIL ich von der DIS erfahren habe? Oder weil ich nach und nach meine Erinnerungen wieder erlange? Und die Zusammenhänge? Aber welchen Sinn macht das dann, dass ich im Innen so viel mitkriegen konnte? Das ist völlig absurd und wirr und macht mich durcheinander, aber ich will gar nicht weiter darüber nachdenken. Ich glaube, das muss ich Frau Blume mal fragen. 

Vorhin haben wir Severin geschrieben… seine Antwort hat uns zum Lächeln gebracht. 

 

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