Das erste Wochenende nach der Entlassung

Eigentlich hatte ich die Befürchtung, dass ich mich überhaupt nicht mehr wohlfühle, sobald ich wieder in meiner gewohnten Umgebung bin. Am Freitag war alles recht hektisch. Cia hat sich am Freitag auch entlassen, um nur noch Tag klinisch in die Klinik zu gehen. Mein Dad hat uns beide um 15 Uhr abgeholt. Vorher habe ich mich noch von allen verabschiedet und der Abschied war ungewohnt herzlich und Paula hat sogar geweint, als sie am Abend davor meine Hand gehalten und wir noch kurz geredet haben. A. in der Früh zu sehen war seltsam.

Der Vorfall die Nacht davor hat mich nicht losgelassen… und ich habe mit der Ergo-Therapeutin darüber geredet. Was mich selber verblüfft hat. Es war komisch, eigentlich wollte ich mein Gewissen erleichtern. Ich habe ihr die Situation von der Nacht geschildert. 23:50 Uhr. Da habe ich nach seinem ersten Kuss auf die Uhr geschaut. Ich habe keine Ahnung wieso. Als hätte sie bestimmen können, dass ich mich retten kann. Im Endeffekt habe ich mich auch durch die Nachtruhe „gerettet“. Als ich Frau *Amari so grob geschildert habe, was passiert ist, habe ich unerwartet gezittert und geweint. Aber nicht, weil mich das Ereignis belastet hat, sondern viel eher weil ich mich schuldig fühlte darüber zu reden. Und weil ich mich dafür geschämt habe, ihn als „schlechten Mensch“ darzustellen. Das war mein eigentlicher Grund. Ich wollte nur mein Gewissen bei ihr erleichtern. Und vielleicht auch nochmal vergewissern, ob ich wirklich überreagiert habe. Frau Amari hat in meinen Augen super reagiert. Sie ist ruhig geblieben, hat mich erst einmal bei sich in der Stunde behalten, hat aber im Gespräch gesagt: „Es geht hier nicht um Schuld oder nicht Schuld, das war ohne Zweifel ein sexueller Übergriff.“ Als sie die letzten Worte gesagt hat, hat das irgendwas mit mir gemacht. Ich weiß nicht, ob ich mich noch schlechter oder erleichterter gefühlt habe. Vielleicht beides zusammen. Ich kann es noch nicht einsortieren und ich hoffe, dass ich das mit Frau Blume können werde.

Wir gingen nach der Ergo Stunde zu Herrn Dr. H. (dem stellvertretenden behandelnden Arzt, da Frau Dr. Katze in der letzten Woche im Urlaub war). Ich kann mich nicht mehr erinnern, was oder wie genau ich ihm geschildert habe, was passiert ist. Frau Amari war mit im Zimmer, weil ich sie darum gebeten habe dabei zu bleiben. Auch er benutzte das Wort „sexueller Übergriff“ und ich kann nicht erklären, wieso mich dieses Wort so stört. Vielleicht, weil ich es nicht als das empfunden habe.

Ich kann mich an das Gespräch nicht mehr eindeutig erinnern. Nur, dass ihre Reaktion nicht unangenehm war. Der Doktor reagiert sehr ruhig und verständnisvoll, überhaupt nicht drängend. Er war auch dankbar für das Vertrauen und meinte irgendetwas in die Richtung wie, es sei gut, dass ich das angesprochen habe bevor ich gehe, damit ich nicht mit einem negativen Gefühl oder Erlebnis die Klinik verlasse und er mir ans Herz legt, die Situation mit Frau Blume ambulant noch einmal zu bearbeiten.

Was mich während der ganzen Zeit (immer noch) sehr irritiert hat, war, wieso ich mich daran erinnern kann. Wir sind viele. Werden solche Erlebnisse in der Regel nicht sofort abgespalten? Wechseln wir da in der Regel nicht? Und dann habe ich mich gefragt, ob wir vielleicht sogar gewechselt sind und es aber kein vollständiger Wechsel mehr war? Schließlich kann ich mich immer noch nicht körperlich daran erinnern. Ich weiß, dass er mich zwischen den Beinen und an den Brüsten angefasst und drei oder vier Mal meine Hand an seinen P. gedrückt hat. Spüren kann ich allerdings nur den Kuss und was ich in der Hand hatte. Also eigentlich nur meinen Kopf und die Hand, als wären sie abgetrennt von meinem Körper.

Nach dem Gespräch bei Herr Dr. H. habe ich mit Paula gesprochen. Ihr hatte ich nämlich in der Nacht als aller erstes, als das passiert ist, geschrieben. Sie konnte es allerdings nicht lesen, weil sie in der Klinik kein Netz hat und in der Früh konnte ich es nicht mehr löschen. Ich wollte nicht, dass sie es erst Tage später total kontextlos erfährt und sie hat mich in den Arm genommen und auch irgendwas liebevolles zu mir gesagt, woran ich mich nicht mehr erinnern kann. Dann kam Severin und mit ihm wollte ich reden, um mein Gewissen zu erleichtern. Weil ich mich ja auch ihm gegenüber schuldig gefühlt habe. Jemand von euch hatte mir ja geschrieben, ich müsse mich ihm gegenüber nicht schuldig fühlen, da ich es ja nicht gewollt hatte. Oder irgendwie so. Das kann mein Hirn kognitiv definitiv begreifen… aber emotional irgendwie gar nicht. Ich antworte später übrigens noch genauer auf die Kommentare. 🙂

Ich kann mich an Sev’s Reaktion auch kaum noch erinnern. Aber er hat mich festgehalten. Meine Stirn geküsst und nur sein Satz „So ein Arschloch“, ist mir hängengeblieben, weil es wirklich betroffen klang und er wirkte auch sehr nachdenklich. Aber trotz der Anspannung und Wut und Sorge, die er hatte, war er noch so ruhig und gefasst.

Später habe ich Belinda, Bahira und Cia davon erzählt. Vorsichtig, weil ich niemanden von ihnen triggern wollte. Aber ich will dranbleiben… an den Beziehungen und lernen, sie einzugehen und ehrlich zu sein und mich-uns so zu zeigen, wie es uns geht. Als ich davon erzählt habe, habe ich geweint. Ich weiß nicht warum. Seltsamerweise nie wegen dem, was passiert ist, sondern weil ich mich fühle, als würde ich ihm etwas Unrechtes tun, und trotzdem habe ich das Gefühl, es nicht unausgesprochen lassen zu können, weil die Erinnerung daran schon auch Ekel und Scham auslöst.. In der Hinsicht bin ich einfach irritiert.

Cia meinte, das, was ich mache sei „Victim Blaming“ gegenüber mir selber. Das Wort kannte ich noch nicht vorher. Auch die Mädels reagierten sehr authentisch und genauso, wie ich es gebraucht hatte. Ich merke zunehmend, dass ich kein aufgesetztes Verständnis oder bestürzte „Ohje’s“ oder Mimik und Gestiken brauche, sondern einfach nur Authentizität. Alle drei haben unterschiedlich reagiert und jede Reaktion war für mich heilsam. Unterm Strich reagierten sie aber ruhig und nicht übergriffig oder überstürzend.

Cia wurde Nachmittags von ihrem Vater abgeholt und ich musste mich noch einmal auf den Weg machen, weil ich die Medikamente vergessen hatte. Auf dem Weg in die Klinik hatte ich Angst, dass mich Zuhause die Ängste vor meinem alten Umfeld einholen und ich mich reinsteigere, dass es mir schlechter geht. Ich hatte Angst davor, diese gesunden Beziehungen oder mein In-Beziehung-Gehen zu verlieren, sobald ich wieder in der WG bin. Also habe ich Fynn, meinen schwulen Grundschulfreund, angerufen und gefragt, ob er spontan Zeit hätte. Ich will dran bleiben an dieser In-Beziehung-Gehen-Sache. Es ist so unglaublich erfüllend und fühlt sich sinnvoll an. Es macht mich irgendwie lebendig. Die Beziehungen zu meinen alten Schulfreunden habe ich sehr schleifen lassen. Das will ich ändern.

Wir trafen uns in einer Schwulenbar, in der wir mit 17/18 öfter mit ihm zusammen etwas trinken waren und es war so unglaublich lustig und schön. Der Kontakt mit ihm war so absolut anders als wie ich es zuvor in meinem Leben kannte. Ich konnte mich auf ihn konzentrieren, konnte mir merken, was er sagt, konnte auf seine Emotionen eingehen und sogar emotional auf jeweilige Inhalte reagieren. Außerdem hat er mir zukunftstechnisch auch unerwartet eine kleine Perspektive gegeben… Und wir wollen unbedingt mal zusammen nach Prag. Ich hatte ihm auch von Severin erzählt. Er hatte in unserem Status auf Whatsapp die Fotos von uns gesehen und vor einigen Tagen gefragt: „Oh, habe ich etwas verpasst?“ und wir meinten: „Nicht viel mehr als ich – bin genauso überrascht“. Als ich erzählte, dass er aus Prag ist, meinte Fynn, dass er schon einmal in Prag war und das eine sehr, sehr günstige Reise ist. Ich sagte ihm, ich würde mir die Stadt wirklich gerne mal ansehen und er sagte, dass wenn ich das tue, wir das gemeinsam machen werden.

Wir sprachen auch über meine Vergangenheit. Letztes Jahr hatte ich ihm von meiner Traumatherapie erzählt und so grob auch wieso. Also, ich erwähne nie irgendwas mit Kulten oder solchen Sachen, sondern nur die Kinderprostitution die dahintersteckte. Erschreckenderweise erzählte er mir am Freitag, dass als er mit mir zwei Mal in Ungarn war damals (wir waren 12 oder 13), ich schon solcherlei Andeutungen gemacht hätte mehrmals. Mein Vater hätte dann immer gesagt, das würde nicht stimmen, hätte es ins Lächerliche gezogen und gesagt, „Mii erzählt doch immer nur Geschichten“. Fynn entschuldigte sich, dass er es damals nicht wirklich begreifen konnte. Ich-wir waren ihm überhaupt nicht böse. Zum Einen, weil ich mich nicht erinnern kann, jemals in meinem Leben zuvor Andeutungen darüber gemacht zu haben (ich dachte, ich habe von der Kinderpr. erst erfahren, nachdem ich von der DIS erfahren habe…), und zum Zweiten, weil er ein Kind war und ich an seiner Stelle genauso wenig gewusst hätte, wie man das einordnet oder was man mit solchen Aussagen macht.

Von Freitag auf Samstag schliefen wir dann noch bei unseren Eltern, am Samstag kam Cia vorbei und wir fuhren zusammen in meine WG, weil sie von Samstag auf Sonntag bei mir übernachtete.

Es war schön, sie mit in mein Umfeld zu nehmen. Sie machte es mir leichter anzukommen. Es war auch schön Mona und Elly wieder zusehen. Und vor allem Jimmy.

Was mich etwas irritiert ist, dass ich das Gefühl habe, nie weg gewesen zu sein. Durch die neuen Erfahrungen und Emotionen die ich gelernt und mitgenommen habe, dachte ich, würde es mir total schwer fallen wieder anzukommen. Vor allem nachdem ich jetzt weiß, wie (psychisch) schädlich mein Umfeld hier für mich ist und vor allem nachdem ich nun weiß, wie viel besser es sein kann, wenn kompetente Mitarbeiter in Hilfseinrichtungen arbeiten und man die richtigen Menschen um einen herum hat. Aber es fiel mir überhaupt nicht schwer. Ich merke zwar, dass ich Cia, Bahira, Belinda, Paula, Leyla, und eigentlich jeden dort sehr vermisse. Aber nicht so, dass ich mich nicht auf mein Leben hier konzentrieren könnte und auch nicht so, als wäre es endgültig. Ich weiß ja, dass ich sie alle wiedersehen werde. Und ich weiß, dass die meisten Kontakte halten werden.

Am Sonntag konnte ich gleich drei Mal umsetzen, was ich gelernt habe. Cia wurde um 16 Uhr abgeholt, vorher hatte sie Mona und Elly von ihren Erfahrungen in der Klinik erzählt und auch von sehr belastenden Momenten. Später erzählte uns Mona , dass sie ihren ihren Eltern vor einigen Tagen einen Brief geschrieben hatte. Am Sonntagabend kam die Antwort ihrer Mutter und die hat sie sehr mitgenommen. Sie hat sehr geweint. Und nicht wie sonst, wie ich es eigentlich kenne, waren wir distanziert und emotional kühl, sondern haben sie gefühlt. Ohne darüber nachzudenken ob es richtig ist oder nicht, sind wir auf sie zu und waren wirklich bei ihr. Wir konnten uns auf sie und ihre Not fokussieren und für sie da sein, und ich glaube, auch wirklich tröstende Sachen sagen. Wir haben sie mehrmals gehalten und ich meine mich zu erinnern, dass wir zu ihr gesagt hatten: „Du kannst das Kind deiner Mama nicht halten. Das Kind sollte von der Mama gehalten werden. Selbst wenn du es wolltest, könntest du nicht… Und wenn deine Mama dein Kind nicht halten kann, so wie ihre Mama ihr Kind nicht halten konnte, dann braucht sie Menschen wie du (ihre Freunde, uns und andere), die ihr Kind halten, wenn sie es selber noch nicht kann und es lernen muss“… (inneres Kind… es ging im Prinzip darum, dass ihre Mutter immer Mona als Hilfe und Stütze und Retterin gesucht hat und es bis heute noch tut und Mona hatte versucht in dem Brief zu schreiben, warum sie sich davon abgrenzen muss. Was sie sehr reflektiert und einfühlsam gemacht hat). Mona hat dann noch eine Weile geweint und ich hatte das Gefühl, sie konnte es auch wirklich zulassen bei uns zu weinen. Ich habe schon gemerkt, dass sie es erst versucht hat zurückzuhalten, aber als ich gesagt habe: „Du darfst weinen“, hat sie es mit weniger Zurückhaltung getan und das hat sich für uns irgendwie schön angefühlt. Wir dachten früher immer, das wäre unangenehm und peinlich. Aber im Gegenteil fühlt es sich wahnsinnig schön an, wenn sich Menschen bei einem trauen fallen zu lassen. Das erste Mal haben wir das bei Cia gemerkt, wo sie einmal in unseren Armen völlig zusammengebrochen ist und wir sie wirklich einfach nur fast zehn Minuten gehalten haben und sie nur geschluchzt hat und es fühlte sich wirklich an, wie jemanden zu tragen. Und nicht nur sie zu trösten, sondern damit auch irgendwas in uns zu heilen.

Nach ungefähr zwei Stunden hat sich Mona dafür bedankt, Raum bekommen zu haben. Und dann habe ich es kapiert. Also, durch diesen Satz. Es geht gar nicht um oberkluge Ratschläge oder hilfreiche Sätze. Viele Dinge kann man eh nicht (sofort) lösen und schon gar nicht für jemanden, aber die Not genau in dem Moment, in dem sie da ist, wirklich da sein lassen zu können und sie auch rauslassen zu können, das ist das Heilsame für die Seele. Zumindest für mich. Oder zumindest in meinem jetzigen Verständnis.

Später kam Lena vorbei, um 18 Uhr rief Severin an und wir telefonierten eine Stunde lang. Wir vermissen ihn und meine-unsere Gefühle bestärken sich zunehmend. Er meinte im Telefonat auch, er wäre enttäuscht, wenn ich am Freitag nicht käme (weil ich aus Witz meinte, vielleicht überlege ich es mir anders). Dann meinte ich total überrascht: „Wirklich?“ Und dann hat er gestockt und meinte stutzend: „Mh… ja. Wieso überrascht dich das?“ Und dann meinte ich verlegen, weil immer noch nicht wirklich weiß, woran ich bei ihm bin. Er umging das wieder ein bisschen, aber sagte, sehr ehrlich: „Es tut mir leid, dass du so fühlst und ich hoffe, dass du mir irgendwann mit der Zeit vertrauen kannst, was das betrifft.“ Ich weiß nicht, was er mit „das“ meinte. Er weiß, dass ich sowas wie Liebe für ihn empfinde, das hatte ich ihm bei unserem letzten Date gesagt. Er sagte, das könnte er jetzt zu mir noch nicht sagen, aber dass er wüsste, es würde ihm wehtun, würde ich jemanden anderen kennenlernen. Bzw. hatte er wieder erwähnt, dass ich ihn bereits verletzen könnte. Er sagte also nicht klar, dass er Gefühle für mich hat, aber das interpretiere ich so hinein. Seine Undeutlichkeit macht mich unsicher, andererseits verstehe ich es, weil es wirklich sehr früh ist. Abgesehen davon habe ich ihm auch gesagt, dass ich nicht bei dem Punkt bin, an dem ich sagen würde „Ich liebe dich“, das könnte ich wirklich noch nicht. Aber ein Teil von uns liebt einen Teil von ihm. Und so haben wir ihm das auch gesagt. Er reagierte schon eher glücklich und positiv darüber. Hat es dann mit einer „Siegesfaust“ ein bisschen überspielt. Aber ich bin dankbar, dass er so ehrlich ist und es nicht einfach erwidert und uns nachplappert, sondern wirklich ehrlich dazu steht, wie es bei ihm ist. Und es bei ihm eben (noch) keine Liebe ist. Und seltsamerweise tat es nicht weh, wie ich es sonst in Filmen immer sehe. Ich verstehe diese Liebesfilme glaube ich einfach nicht. Für mich ist es gar nicht wichtig, von einem Menschen, den ich liebe, zurück-geliebt zu werden. Viel wichtiger ist mit Wertschätzung und Ehrlichkeit. Aber da ist wohl jeder anders. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall hat das überhaupt nichts verändert an meinen Gefühlen für ihn. Und es fühlt sich auch nicht so aufregend und unangenehm an und so, dass ich mich auf nichts anderes mehr konzentrieren kann, sondern es ist einfach da und wenn ich es fühle, fühlt es ich schön an – vor allem, wenn ich an ihn denke. Aber ich muss nicht die ganze Zeit an ihn denken. Naja, vielleicht doch ein wenig, aber irgendwie nicht so intensiv. Er ist wie so ein kleiner unsichtbarer Begleiter in meinem Hinterkopf. Und die Erinnerungen und Erfahrungen an ihn und mit ihm (genauso wie die von meinen Mädels), helfen mir, mich an den positiven Sachen die ich gelernt habe zu orientieren und das umzusetzen.

Während dem Telefonat mit Severin musste Lena wieder gehen. Ca. eine Stunde später fragte sie, ob sie wieder vorbeikommen kann. Wir sagten klar, jederzeit, und hatten sofort im Gespür, dass irgendwas los war. Als sie ankam… hatte sie zwar ein Lächeln aber… Ein Lena-Lächeln eben. Und wir machten die Tür auf und fragten: „Huggo?“ (Umarmung).. und sie nahm uns in den Arm und weinte. Lena. weinte. Ich habe Lena nur so selten weinen sehen und wenn, dann nur wenig und ähnlich wie wir, eher schnell wieder weg mit den Tränen und Emotionen. Und sie hat fast so geweint wie Cia. Nicht ganz so hemmungslos, aber doch so ein wenig, als würde sie uns vertrauen. Und sie hat uns erzählt, was ihre Mutter gesagt hatte. Es wäre besser, wenn sie gestorben wäre. Und dann mussten wir über ihre Schulter hinweg auch weinen. Wir verstehen Eltern nicht. Ich habe ihr gesagt, dass ihre Mutter sie nicht verdient hat. Dass beide ihre Eltern sie nicht verdient haben und sie keinen Wert darauf geben soll, was sie gesagt hat. Sie ist dumm. Und dass ich-wir sie schrecklich vermissen würden, würde es sie nicht geben und wir dankbar sind, dass wir sie kennen und sie lebt. Und dass wir ab heute ihre neue Familie sind. Weil Freunde einfach oft die bessere Familie sind. Wir standen auch so ca. fünf Minuten so dort in der Eingangstür, bis sie sich von uns gelöst hat (wir halten die Leute immer so lange, bis wir merken, dass sie nicht mehr wollen – es sei denn, es wird uns mal unangenehm, aber ist es bisher noch nicht seitdem wir das so machen). Lena sagte, sie sei so froh mich-uns zu haben und sie wüsste gar nicht, was sie ohne mich wäre. Das war das erste Mal, dass sie sagte wie sie zu uns steht. Ich hätte nicht gedacht, dass wir ihr so wichtig sind. Aber das ist sie uns eigentlich auch. Und das spüren wir jetzt viel mehr.

Nun, jetzt muss ich in einer Stunde in die Arbeit und gegen Mittag kommt die Linke bei uns vorbei. Sie möchte sich einen Eindruck von unserer Arbeit verschaffen und nach einem gemeinsamen Mittagessen kommen Vertreter:innen der Presse und Rundfunk. Unser Direktor hatte uns vor einer Woche gebeten, da mitzugehen und Fotos zu knipsen und einfach ein bisschen zu begleiten. Das hat und löst immer noch Angst und ein bisschen Stress aus, aber wir versuchen uns an die Gruppentherapien zu erinnern. Dort waren so hilfreiche und aufschlussreiche Gespräche. Die Gruppen waren einfach immer der Hammer. Und was ich mir behalten habe ist vor allem unsere eigene Feststellung: „Wir haben jedes Mal vor solchen Aufgaben panische Angst und sind Tage vorher in unendlichem Stress und in Ohnmachts-Gefühlen, aber im Nachhinein waren die Leute mit uns immer zufrieden und wir haben festgestellt, dass es viel weniger schlimm war, als wir dachten.“ Und so versuche ich da heute auch hinzugehen: Wir machen das schon. Wir kriegen das schon hin. Und selbst wenn irgendwas Unangenehmes passiert, dann passiert das halt. Ein Mensch ist fehlerhaft und das darf er sein. Und wenn das jeder sein darf, dann wir auch.

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