Ungarn, Tag 2


Erst einmal möchte ich mich bei allen bedanken, die mir auf den letzten Eintrag entweder Kommentare oder Nachrichten geschrieben haben. Ich schwöre bei Gott, ich kann mich an absolut gar nichts Negatives aus Ungarn von letztem Jahr erinnern. Außer an so alltägliche unangenehme Sachen, aber die können ja überall passieren. Es ist, glaube ich, ganz gut, dass ihr mich damit konfrontiert. So bin ich wenigstens gewappnet und weiß bescheid, dass ich vielleicht einfach die negativen Sachen ziemlich gekonnt ausfiltern kann. Aber so achte ich nun besser darauf.

An sich geht es mir bis jetzt sehr gut hier. Als Bela und Rita gestern mit ihrer Tochter vorbeigekommen sind, habe ich mich gleich wie Zuhause gefühlt. Eine Woche lang sind mein Onkel und meine Tante aus DE auch noch hier.

Der Schwester von Bela geht es überhaupt nicht gut. Sie hat erschreckend viel abgenommen und sieht aus wie ihre Mutter, die letztes Jahr an Demenz verstorben ist. (Komisch, das habe ich irgendwie gar nicht mitbekommen… ich kann mich an nichts erinnern, was mit Tod und Katalin in Verbindung steht, kann mich aber durchaus erinnern, dass wir vor zwei Jahren regelmäßig bei ihr im Pflegeheim waren… hmm). Sie weint eigentlich die ganze Zeit und ist nervlich sehr am Ende. Geistig wirkt sie nicht mehr ganz anwesend und ich denke, dass Bela jetzt entschieden hat, das Haus zu verkaufen, in dem sie groß geworden sind, ist nicht unbedingt förderlich für ihre Gesundheit. Sie lebt ja auch schon seit zwei Jahren in einem Pflegeheim, weil Bela sich nicht mehr um sie kümmern konnte, als er damals auch noch täglich zu seiner Mutter fahren musste. Dann natürlich seine Frau, ein Haus mit Garten, seine vierzehnjährige Tochter. Arbeit. Schule. Es war eine schwere Entscheidung für ihn und seine Schwester ist fast jeden Tag zu Besuch.

Mir fällt es sehr schwer, sie so leiden zu sehen. Ich kenne sie aus Kindertagen ganz anders… sie hat über alles mögliche gelacht. Ich fürchte, sie wird das nicht mehr lange aushalten. Mehrmals am Tag sagt sie, sie würde sich erhängen, was solle sie noch hier. Vater tot, Mutter tot, das Haus wird verkauft. Ich fühle total mit ihr. Mein Herz tut wirklich weh, wenn ich sie sehe. Ich will sie trösten, aber ich weiß, dass ich das nicht kann. Meine Tante weint auch oft deshalb. Ich will doppelt trösten und ich weiß, dass ich das doppelt nicht kann.

Abgesehen von dieser Tragödie ist es aber wirklich schön hier. Am ersten Tag waren noch die Nachbarn mit dem achtjährigen Jungen da. Ich wusste gar nicht, dass ich ihn so vermisst habe. Ich kann mich nicht erinnern, eine großartige Bindung zu ihm aufgebaut zu haben, aber als ich ihn geküsst habe (Wange, rechts, links – Ungarn eben), hat er sich an meinen Hals gehängt und ich habe ihn hochgehoben und sowas wie Liebe für ihn empfunden. Vielleicht eher große Zuneigung. Er gehört halt doch zur Familie. Er und Jimmy lieben sich. Der Achtjährige ist froh, dass er mit Jimmy fangen spielen kann. Allerdings muss ich immer dazwischen gehen, weil Jimmy irgendwann aus einem Fangenspiel ein Dominanzspiel macht.

Am Abend hat sich der Kleine vor mich gestellt und ich habe ihm den Nacken ein bisschen massiert. Ich weiß von ihm, dass seine Eltern oft wenig Zeit für ihn haben und er deshalb sehr anhänglich ist und nach Aufmerksamkeit und Zuneigung sucht. Als ich ihn da massiert habe, ist der Wunsch in mir noch größer geworden, irgendwann Mama zu werden. Ich weiß nicht, wieso das seit einiger Zeit so tief in mir sitzt. Ich weiß, dass es mit Emmy angefangen hat letztes Jahr, als ich sie da so verweint in ihrem Bettchen liegen gesehen habe. Oder als sie hilfesuchend ihre kleinen Hände nach mir ausgestreckt hat. Das war, als wäre in mir irgendein Pfeil mitten durchs Herz geschossen, der eine Tür zu: „Ich will eine eigene Familie gründen“ aufgeschlossen hat. Ich finde dieses Gefühl schrecklich schön, weil es mir eine Perspektive, Kraft und Mut gibt.

Ich war wirklich traurig, als der Kleine und seine Eltern gestern abgereist sind.

Gestern Abend hat mich Alex, ein junger, sehr großer und schlacksiger Mann aus dem Dorf, mitgenommen und hat mir seinen neuen Hund vorgestellt. Es ist irgendein Schäferhund Mischling. Er ist erst acht Monate jung, sehr wild und ungestüm. Er ist ständig an mir hochgesprungen, hat mich zerkratzt, aber ich fand das nicht schlimm. Alex schien das peinlich zu sein. Er schimpfte ihn und deutete mit der Leine an, ihn zu schlagen. Da wurde mir ganz flau im Magen. Ich habe ständig gesagt: „Lass das. Es ist okay. In dem Alter springen Hunde nun einmal, ich kriege das schon hin. Mir macht das nichts aus.“ Ich habe den Hund immer einfach runter gedrückt. Sanft aber bestimmend. Es hat nicht viel gebracht, aber allmählich ist er ruhiger geworden. Er ist ein gutmütiger Hund, aber eben total ungestüm. Ich finde ihn toll und die paar Kratzer sind Pustekuchen. Ich finde es schrecklich, dass die Menschen im Dorf, was Tierhaltung angeht, so nachentwickelt sind. Es tut mir einfach im Herzen weh und würde am liebsten alle Tiere mitnehmen und retten. Aber das kann ich nicht. Ich hoffe nur, dass mit meinen Ratschlägen nach und nach etwas hängen bleibt. Nachdem wir beim Hund waren, hat er mich zum Pferd mitgenommen, das nur vier Häuser von uns entfernt steht. Es gehört einer Zwölfjährigen, die in der nächsten Stadt lebt. Sie haben das Pferd erst seit 3 Monaten und es steht bei ihrer Großmutter hier. Alex pflegt es morgens und abends. Das Pferd heißt Fanta und ist die Ruhe in Person. Und ein Quatschkopf. Es ist mir sympathisch. Die Tochter wird im Laufe nächster Woche aus dem Urlaub zurückkommen, dann habe ich vielleicht auch die Möglichkeit zu reiten. Sie wollten es mir so anbieten, aber ich möchte das nicht annehmen. Mir würde es nicht gefallen, hätte ich ein eigenes Pferd und andere Menschen entscheiden über meinen Kopf hinweg, wer es reiten darf und wer nicht. Deshalb warte ich lieber, bis sie da ist und sie mich kennenlernen und selbst entscheiden kann. Solange darf ich abends aber zum Pflegen immer mitkommen.

Um zehn Uhr abends saßen dann Bela, Rita und ihre vierzehnjährige Tochter nachts draußen bei uns im Garten am Biertisch. Meine Tante, Rita, die Vierzehnjährige und ich haben UNO gespielt. Zwischendurch habe ich geschrieben und viel über Severin nachgedacht.

Heute werde ich meine Patenkinder sehen und freue mich unendlich darauf. Ich kann es wirklich kaum erwarten. Ich versuche mir so wenig Kopf wie möglich über Severin zu machen, und einfach meinen Urlaub zu genießen. Deshalb schreibe ich hier jetzt auch nicht zu viel dazu. Das tue ich ohnehin jeden Tag in meinem Tagebuch 🙂

Morgen gehts los – Endlich!

Morgen fahren wir endlich los Richtung Ungarn. Und ich freue mich! Ganz ehrlich, ich freue mich seit so langer Zeit darauf – und es wird auch regelmäßig Updates mit Bildern geben, einfach, damit einige Leser beruhigt sind und bisschen mitverfolgen können, dass es uns dort gut geht und wir dort keine Gewalt erleben. Ich weiß nicht, wieso alle davon ausgehen – wirklich alle, sogar Frau Blume. Aber niemand braucht Bedenken zu haben, weil uns dort nie irgendwas Gewaltsames widerfahren ist.

Ungarn ist seit wir denken können immer ein Zufluchtsort gewesen. Allein schon wegen der Menschen, die dort leben. Rita und Béla sind und waren schon immer wie Zweiteltern für uns. Als wir damals mit Kora, unserer ersten Partnerin nach Ungarn gefahren sind, und wir Angst vor der Reaktion unserer Familie dort hatten, meinten Rita und Béla zu uns: „Jeder, der dich liebt, den lieben wir auch.“ Sie sind zwar sehr religiös (evangelisch) und gehen jeden Sonntag in die Kirche, aber gegen gleichgeschlechtliche Liebe haben sie nichts, solange die Person wirklich gut mit mir umgeht, akzeptieren sie jeden. Sie sind außerdem vermutlich die gütigsten Menschen, die ich je in meinem Leben kennengelernt habe. Ich kann kaum erwarten, sie morgen Abend endlich wieder in meine Arme zu schließen.

Und am meisten freue ich mich natürlich auf Emmy und *Amelie. Meine Cousine und ihre Familie haben extra ein halbes Jahr auf die Taufe gewartet, damit wir dabei sein können. Und Emmy ist ja wie ein eigenes Kind für uns. Ich bin sehr gespannt, ob wir zu Amelie auch so eine Bindung aufbauen können/werden, oder ob Emmy wirklich etwas Besonderes bleibt.

Heute wird noch einmal ein anstrengender Tag. Um 12 kommt Mona zum Kaffee trinken, zwischen 13 und 14 Uhr wollten uns noch Lara und *Merry besuchen. Um 15 Uhr werden wir von unserem Vater abgeholt (wir haben noch NICHTS gepackt), dann kommt Cia nochmal vorbei. Danach wollten wir die Klinik, also Belinda und Paula und Frau Soley besuchen gehen (wir hatten am Mittwoch mit ihr telefoniert) und nach dem Besuch in der KLinik schlafen wir die letzte Nacht in Deutschland bei Severin. Wir werden am Samstag um halb sechs aufwachen und verschwinden müssen (er weiß bescheid), weil meine Eltern zwischen 7 und 8 losfahren wollen. Aber ich will unbedingt die letzte Nacht mit ihm verbringen.

Dann ist da noch so einiges passiert, aber das erzähle ich später, weil jetzt muss ich erst einmal zur Arbeit.

Verblassen die Erinnerungen oder waren sie nie wirklich da?

Diesen Monat sind wir 200 im Minus. Unser AG hat uns Ende Juni nur 90 € überwiesen und von der Krankenkasse bekamen wir 500(+/-). Da unsere Wohnkosten, die wir selber zahlen, ja schon 660 Euro betragen, sah unser Kontostand ziemlich traurig aus, Anfang Juli. Und da sind die ganzen laufenden Kosten noch gar nicht mit einberechnet. Das Geld vom Arbeitsamt kam dann irgendwann nach, so sind wir nun“nur“ 200 im Minus, trotzdem haben wir ab einem Minus keinen Zugriff mehr auf unser Konto. Somit haben wir für diesen Monat von unseren Eltern 200 Euro bekommen. Schwer damit zu leben, aber irgendwie gings (wir haben jetzt noch 25 Euro, aber die müssen wir morgen für die Therapie ausgeben, dann sind wir wirklich pleite pleite – nirgendwo ein Cent. Nicht einmal in den Jackentaschen, die wir schon alle abgesucht haben). Besonders drückend finde ich diese Tatsache irgendwie nicht. Keine Ahnung warum, aber scheinbar scheinen wir diesen Monat fast nichts zu brauchen, denn mir fällt kaum auf, dass wir kein Geld haben. Was mich aber verunsichert hat, war die Begegnung mit einem Strafbon von der Bahn. Als ich zuletzt Zug gefahren bin, konnte man noch Tickets im Zug lösen.

Als ich letzten Donnerstag dort einstieg, war weit und breit kein Ticketautomat. Ich ging zur Schaffnerin und fragte sie irritiert, ob ich bei ihr ein Ticket lösen dürfte, weil ich keinen Automaten finde. Sie sah mich an, als würde ich ihr die Story von „Mein Hund hat meine Fahrkarte gefressen“ erzählen. Sie sagte, dass Fahrkartenautomaten seit über einem Jahr nicht mehr in den Zügen vorhanden seien und drückte mir einen Strafbon mit 73 Euro in die Hand. Zusätzlich den 15 Euro, die ich trotzdem dann für die Rückfahrt noch zahlen musste. Autsch. Im Zug habe ich geheult. Aus Angst, weil ich keine Ahnung hatte, wie ich das zahlen soll. Woher Geld nehmen, wo keins ist? Absurderweise kam mir der Gedanke, mich mit einem Mann zu treffen, der sicher für dies und jenes zahlen würde, weil ich wusste, dass ich noch einige Kontakte im Handy habe, die regelmäßig nach mir fragen. Doch dann dachte ich, dass selbst das mir nichts bringen würde, schließlich bekäme ich das bar und wenn ich das auf mein Konto einzahle, um es zu überweisen, wäre ich immer noch im Minus, es sei denn, ich würde mich in einer Woche mit vier Männern treffen, um auf dem Konto ins Plus zu gehen. Bei dieser Verzweiflung merkte ich gar nicht, in was für eine Richtung meine Gedanken wieder kreisten. Prostitution? Ernsthaft? Ich habe an dem Tag mit Frau Blume darüber geredet. Sie gab mir den Tipp, einen Widerspruch mit der Bitte um Kulanz zu schreiben – ein Versuch sei es wert – und sie lege einen Attest dazu. Billy hat mir bei dem Schreiben geholfen und das habe ich gestern früh verschickt. Ich weiß, dass wir im Unrecht sind und wenn die Bahn die Kulanz verweigert, dann konnte ich so vielleicht wenigstens etwas Zeit herauszögern und vielleicht kommt bis dahin mein neues Gehalt. Ich frage mich nur, unter den Umständen, wie ich jemals aus dem Minus rauskommen soll. Ein finanziell unabhängiges Leben führe ich immer noch nicht – darüber habe ich vorhin nachgedacht, als ich im Garten saß und meine Mails gecheckt habe. Dabei fiel mein Blick auf einmal auf ein Seil mit einem Karabiner, der um den dicken Ast eines Baumes in unserem Garten hängt und ein Gedanke geht mir durch den Kopf: „Wow, das hat überwintert.“ Und ich bleibe bei dem Wort „überwintert“ hängen. Ich erinnere mich, dass wir dort den Hängesessel letzten Sommer immer wieder hängen hatten. Aber überwintert? Ich erinnere mich an kein einziges Bild vom Winter (außer Fotos, die es von mir gibt). Das hat mich erschreckt und ich habe ganz bewusst versucht, mich an irgendwas vom Winter zu erinnern. Aber es kommt mir nichts hoch. Absolut gar nichts. Als würden meine Erinnerungen verblassen. Logischerweise weiß ich, dass ich den Winter erlebt habe. Aber ich kann mich an nichts erinnern. Weder an Weihnachten, noch an Silvester oder an irgendwas Handfestes. Ich kann mich an zwei Situationen erinnern: An das Plätzchenbacken und daran, dass wir den Nachbarn welche geschenkt haben und ihr liebes Gegengeschenk dafür. Und an einen Spaziergang in einem sehr hohen Schnee, bei dem Svea im Außen war. Mehr ist aus meinem Gedächtnis absolut nichts zu holen. Auch an den Sommer allgemein erinnere ich mich kaum. An den Urlaub in Ungarn, an Emmy und meine Cousine. Und ich erinnere mich, wie ich auf einer Picknickdecke im Garten auf der Wiese lag und in einer Happinez-Zeitschrift gelesen habe. Ich kann mich auch an ein Bild erinnern, wo Hanna im Garten eines Klosters sitzt und etwas in unser Kommunikationsheft zeichnet und Ari, die runterkam und sich neben uns auf eine Liege gesetzt hatte. Und ich kann mich an eine Katze aus Griechenland erinnern, wo wir einen Tag waren, weil Ari uns vor der Initiation „schützen“ wollte. Diese Katze auf dem Stuhl, die Lämmchen gestreichelt hat und der Moment, wo Polly nach außen getriggert wurde…. und wie Mia und Lämmchen sich ablösen konnten. Weil ich das beobachtet hatte…. aber sonst erinnere ich mich an kaum etwas. Wie als würde wirklich alles immer mehr und mehr verschwimmen. Oder sind diese Erinnerungen in meinem Bewusstsein gar nicht vorhanden?

Und dann habe ich mich wieder an die Zugfahrt und die Begegnung mit der Schaffnerin erinnert. Als sie sagte, in den Zügen sei seit über einem Jahr kein Ticketautomat mehr, sagte ich hilflos, dass ich seit zwei Jahren kein Zug mehr gefahren sei. Meine letzte Zugfahrt-Erinnerung ist, als wir zu Frau Honig fuhren. Aber dann fiel mir ein, wenn ich mich an so wenig erinnern kann – woher soll ich wissen, ob ich nicht doch mal irgendwann Zug gefahren bin? Bin ich das? Mir kommt keine einzige Erinnerung, in der ich mit einer FFP2 Maske in einem Zug sitze. Verdammt. Die Schaffnerin sah mich genauso ungläubig an, wie ich mich gerade fühle.

Definitionen von Liebe

Gestern hatte ich mit Cia telefoniert. Sie meinte, ihr wäre es lieber, wenn wir es über Telefon bereden. Ich habe ihr gesagt, was ich hier eigentlich auch geschrieben habe. Dass ich Gefühle für Severin habe und ich nicht mehr ausschließen kann, dass sich (für mich emotional) etwas Festes daraus ergeben kann. Sie sagte, sie sei dankbar, dass ich ihr das sage und dass sie sich das eigentlich von Anfang an gedacht hatte und somit schon darauf vorbereitet war, weil ihr Gefühl ihr schon gesagt hatte, dass ich für sie nicht so empfinden werde wie sie für mich. Sie hätte sich wohl schon sehr früh darauf vorbereitet und versucht auf die Freundschaft zu konzentrieren. Sie bat mich nur darum, dass ich ihr bescheid sage, sollten Severin und ich wirklich offiziell eine Beziehung führen, ansonsten aber in ihrer Gegenwart nicht über ihn reden. Das ist für mich selbstverständlich. Aber was sie mit „offizieller Beziehung“ meint, das weiß ich nicht genau. Ich habe nicht vor ihn an irgendeinem Tag zu fragen: „Willst du mit mir gehen?“. In meiner Welt entwickelt sich so etwas im Laufe der Zeit. In Monas Welt, so sagte sie gestern zum Beispiel, seien für ihr Verständnis Severin und ich schon in einer Liebesbeziehung, da die Tatsache, dass ich ihn und er mich verletzen könnte, wenn wir uns auf jemand anderen einlassen würden, ein Kriterium dafür sei. Das mit dem Kriterium hat sie nicht so gesagt, ich nenne es jetzt einfach mal so.

Abends hatte ich dann mit Severin telefoniert. Wieder einmal über eine Stunde. Er war ein bisschen irritiert, weil es für ihn keine Logik hat, wieso es für Cia so schlimm ist, dass er eine Rolle spielt. Bzw. wieso es überhaupt wichtig sei, dass er eine Rolle spielt. Schließlich hätte ich ja so oder so keine Gefühle für sie. Da hat er grundsätzlich Recht und ich konnte mir das nur so erklären, dass es vielleicht einfach allgemein schlimm ist, wenn man in jemanden verliebt ist, derjenige aber Interesse an einer anderen Person hat. Schlimmer, als wie wenn der Schwarm „einfach so“ kein Interesse hat.

Wir fingen dann an über Gefühle zu reden und bei dem Gespräch habe ich gemerkt, dass Severin und ich wirklich komplett anders Fühlen. Für ihn gibt es nur „gern haben“ und „verliebtsein“. Verliebtsein ist für ihn dasselbe, wie jemanden zu lieben und er fragte mich, wieso für mich Verliebtsein eher die Vorstufe von Liebe sei. Ich musste ernsthaft darüber nachdenken und ich versuche das dann immer recht linguistisch zu betrachten, auch wenn ich von Linguistik keine Ahnung habe. Ich dachte an das Wort „ver-rücken“ oder „ver-späten“ etc. pp. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was das Präfix „ver“ überhaupt bedeutet, aber ganz logisch betrachtet (für mich logisch, Stichpunkt Wahrnehmungstheorie): einen Stuhl ver-rückt man. Ein Zug ver-spätet sich. Ich setze das Präfix irgendwie gleich mit „Verschiebung“ (obwohl da das Wort ohne das Präfix „ver“ auch nur die Schiebung wäre). Aber wenn man das so betrachtet, wäre das ver-liebt sein eine Ver-rückung oder Ver-schiebung des Gefühls der „Liebe“. Emotional ist das für mich auch recht stimmig, denn letztendlich fühle ich mich, wenn ich verliebt bin, viel aufgeregter, unsicher, habe Herzklopfen, bin tollpatschig, etc. pp. Hingegen wenn ich liebe, dann wird das viel ruhiger, vertrauter, sicherer.

Ich bin mir nicht sicher, ob Severin mir folgen konnte. Er sagte, so wie ich das sage, klänge das für ihn logisch, aber er verstehe nicht, warum Frauen so kompliziert seien. Er sagte mir, das, was für mich Verknallt sein ist, sei für ihn schon das Verliebtsein. Ich war total irritiert. Verknallt sein ist für mich nämlich noch einmal eine Unterstufe von Verliebtsein. Und Menschen, in die ich verknallt bin, haben nicht den gleichen Wert wie Menschen, in die ich verliebt bin. Er wollte außerdem dann noch wissen, was für mich dann Liebe bedeute. Und da hat er mich dann absolut sprachlos und nachdenklich gemacht.

Ich hatte erst einmal erklärt, dass es für mich komplett unterschiedliche Arten von Liebe gibt. Bei der einen Liebe, in der es nicht in die partnerschaftliche Richtung geht, gibt es andere „Vorstufen“ der Liebe für mich. Freundschaftliche Liebe oder Familiäre Liebe. Und für mich ist es total logisch, dass ich Freunde habe, die ich nicht liebe, sondern einfach nur mag, aber auch Freunde gibt, von denen ich mit ganz gutem Gewissen sagen kann, ohne, dass es sich falsch anfühlt: „Ich liebe dich“. Emotional ein Weltenunterschied, als wenn ich „ich liebe dich“ zu einer Partnerin (bzw. vielleicht Partner) sagen würde. Das haben bisher nur zwei Menschen von mir gehört. Nämlich Carmen und Kora. Meine zwei bedeutendsten Beziehungen. Auch aus meiner Familie liebe ich nicht jeden.

Dann kamen wir auf die bedingungslose Liebe und er wollte wissen, was das für mich genau bedeute. Ich haute mal wieder die Geschichte mit Carmen und mir raus. Dass ich sie bis heute liebe. Und zwar nicht auf einer partnerschaftlichen Art, sondern irgendwie sogar noch drüber. Darüber hatten Severin und ich vor einigen Wochen schon einmal gesprochen und er fragte, ob ich damit so etwas wie „Seelenverwandtschaft“ meine. Das konnte ich nicht direkt beantworten. Für mich ist nur klar, dass, sollte ich jemals eine Partnerin oder einen Partner haben, derjenige das akzeptieren können muss, dass es eine Person in meinem Leben gibt, die ich von ganzem Herzen liebe und dass sich dieses Gefühl seit fünf Jahren nicht verändert hat, weshalb ich auch davon ausgehe, dass es sich nicht mehr ändern wird. Das bedeute aber nicht, dass ich mit Carmen eine Familie gründen oder mal wieder schlafen wollen würde. Es ist wirklich einfach nur etwas total bedingungsloses, unkompliziertes, aber sehr, sehr Intensives. Also sehr echt. Ohne Zweifel, ohne Ängste, ohne alles. Und dann sagte ich noch, dass bedingungslose Liebe für mich auch bedeute, glücklich zu sein, wenn der andere glücklich ist, und zwar im Rahmen dessen, dass man das eigene Ego ohne geknickte Gefühle hinten anstellen kann.

Er meinte dann nachdenklich zu mir: „Na, aber wenn das die bedingungslose Liebe ist, wie du sie beschreibst, dann würde ich jeden Menschen bedingungslos lieben.“

Ihr könnt euch vorstellen, ich habe gefühlt aufgehört zu atmen. Ich habe mich gefühlt, als könnte ich bildlich vor mir sehen, wie mein Gehirn versucht diesen Satz zu verstehen. Aber mir fehlten Worte und das kognitive Verständnis von dem, was er meinte. Ich fragte also: „Im Ernst..? Wie meinst du das?“ … und er sagte: „Na, das wünsche ich doch jedem Menschen. Ich wünsche jedem Menschen, dass er glücklich ist.“

„Und das macht dich dann auch glücklich? Selbst wenn es ein fremder Mensch ist?“

Er: „Ja, schon.“ (er klang, als sei er irritiert, dass es für mich nicht so ist).

„Und was ist, wenn die Person, in die du verliebt bist, ohne dich glücklicher wäre – könntest du dann auch glücklich sein?“

Er: „Ja, na klar. Ich möchte doch nur Menschen um mich herum haben, die das auch wirklich wollen.“

„Aber würde dir das nicht wehtun?“

Er: „Natürlich. Aber nur für eine kurze Zeit, und dann gehe ich weiter.“

Er hat mich mit diesen Aussagen geflasht und mein ganzes Verständnis der bedingungslosen Liebe in Frage gestellt. So wie er bin ich kein bisschen. Logischerweise will ich auch nur Menschen um mich herum haben, die mich wirklich mögen und die auch gerne Zeit mit mir verbringen. Aber bei den meisten ist es mir egal. Ich fühle mich nicht „glücklich“ für sie, wenn sie ohne mich weiterziehen. Es ist mir schlichtweg egal. Dann gibt es aber Menschen, denen trauere ich wirklich hinterher. Oder viel besser einer Vorstellung, die ich mit ihnen hatte. Das setze ich aber gleich mit Egoismus. Wenn ich jemandem nicht gönnen kann, mit jemand anderem glücklich zu sein (und das konnte ich nicht bei jeder), dann ist mir klar, dass das einfach nur eine egoistische Liebe war. Denn wie oben geschrieben, es ist ja nur die Vorstellung mit der Person, die ich gerne gehabt hätte.

Aber kann es sein, dass er einfach so unglaublich selbstlos ist, ohne das überhaupt zu wissen? Ich finde das verrückt. Ich finde das total verrückt und er überrascht mich immer mehr und ich wünschte, es würde wenigstens eine einzige Sache kommen, die mich an ihm schockiert, damit ich mich nicht immer mehr in ihn vernarre.

Jetzt habe ich gerade den Faden verloren. Vielleicht schreibe ich einen Zweitbeitrag.

Zusätzliches

Ganz unabhängig von Severin verändert sich gerade wahnsinnig viel in meinem-unseren Leben. Es fängt ja schon damit an, dass ich plötzlich als ANP im Außen bin und es wirklich anstrengend habe, nicht zu missachten, dass ich viele bin. Dann ist da die Erkenntnis, die ich aus der Klinik mitgenommen habe. Mein Gehirn ist total im „Wanting-Modus“. Den Begriff habe ich vor ein paar Tagen von Maren Urner erfahren und sie sagte, das wäre ein Zustand, den man anstreben wollen sollte. Jetzt weiß ich, wieso. Dieser Modus gibt mir nämlich sehr viel Antrieb und Inspiration.

Seit einigen Wochen denke ich-wir schon darüber nach, wie ich unser Leben gestalten soll. Wo will ich hin? Was will ich erreichen? Die Vorstellung war immer ganz klar in meinem Kopf: Mit dreißig sitze ich in einer ganz kleinen, total gemütlichen Einzimmerwohnung mit einem kleinen Garten, meinem Hund und schreibe entweder im Blog oder Geschichten, oder lese. Dieses Bild habe ich seit vielen Jahren. Aber jetzt, nachdem ich Beziehungen und Bindung und Gefühle und scheinbar auch die ganze Welt völlig neu entdecke, merke ich, dass das nicht das ist, was ich will.

Ich muss an meine Patenkinder denken. Hauptsächlich an *Emmy. Frau Blume hat mir in der letzten Stunde gesagt, dass sie, als wir letztes Jahr in Ungarn waren (ich kann mich an fast nichts außer Situationen mit Emmy erinnern) einige Mails von jemandem von uns bekommen hat, dem das Patenkind auch sehr wichtig ist. Ich frage mich, wie sehr gespalten ich überhaupt noch bin. Es scheint so, als würden immer mehr Dinge zueinander führen oder als hätten wir als Ganzes immer mehr Berührungspunkte. Klar gibt es noch klassische Wechsel, in denen einer agiert und die anderen nichts mitkriegen, aber ich bilde mir ein, das hat sich in den letzten Jahren sehr verändert.

Emmy ist der wichtigste Mensch in meinem Leben, obwohl wir so weit auseinander leben. Als ich-wir letztes Jahr dort waren und wir Tag und Nacht bei ihnen waren, sie gebadet, gefüttert, gewickelt, die Haare gekämmt haben, oder sie in der Früh aufgeweckt haben und wie sie in unserem Arm lag.. oder ganz besonders die Situation an einem Abend… Sie weinte so sehr. Normalerweise geht dann immer der Papa rein, beruhigt sie, legt sie schlafen. Weil wenn meine Cousine das macht, dann hilft das nicht immer. Aber an diesem Abend ist sie immer wieder aufgewacht und hat nicht aufgehört zu weinen und irgendwann saßen wir zu dritt – meine Cousine, ihr Mann und ich am Esstisch, die Kleine weinte im Zimmer alleine und die beiden waren erschöpft und ratlos. Und ich fragte, ob das öfter vorkommt, dass sie einfach nicht einschlafen kann und immer weiter weint. Meine Cousine wirkte total bedrückt, sie meinte, manchmal hilft einfach gar nichts. Selbst wenn sie sich zwei, drei Stunden dazu legt, bis sie einschläft – sobald sie aufwacht, und aus dem Zimmer geht, fängt sie wieder das weinen an. (also nicht immer, aber manchmal eben). Das war in den drei Wochen auch nur ein einziges Mal, dass ich das mitbekommen habe letztes Jahr. Und meine Cousine hat ein riesiges Haus mit einem riesigen Garten mit Nutztieren (Hühner) und Gemüse und Obst und blalabla und der Mann musste zur Nachtschicht… also habe ich gefragt, ob ich reingehen dürfte…

Ich bin zu ihr reingegangen und ich glaube das war der Abend, in dem ich das erste Mal das intensivste für ein Kleinkind gespürt habe. Ich habe noch nie, nie, nie, nie in meinem Leben eine so heftige, schmerzhafte Liebe gespürt wie an dem Abend, als sie da total verweint in ihrem Bett saß und mich aus ihren glitzernden, blauen Augen angeschaut hat. Ich habe mich zu ihr in das Bett gesetzt, habe ihr die nassen Strähnchen aus dem Gesicht gestreichelt. Sie war total verschwitzt, ich habe ihr ein neues, trockenes Schlafi gegeben und sie zugedeckt. Sie hat noch geschlucht und geweint und an ihrem Plüschtier Seestern genuckelt. Sie ist schluchzend eingeschlafen, während ich ihren Kopf und den Rücken gestreichelt habe und ich wollte einfach nur mit weinen. Nicht, weil ich Mitleid hatte, sondern weil in dem Moment die Liebe zu diesem kleinen Wesen so so so heftig war, dass ich es fast kaum ausgehalten habe und ich wusste, in dem Moment, wenn auch nur irgendjemand ihr ein Haar krümmt, ich würde dafür töten und hinter Gitter gehen. Ich würde alles, absolut alles tun, um sie zu schützen. Und das war der erste Tag an dem ich-wir festgestellt haben, dass wir auch irgendwann eine Mama sein wollen. Emmy ist nicht einmal unser eigenes Kind. Und trotzdem ist das, was wir für sie fühlen, das schönste auf dieser Welt, das wir für nichts anderes auf- oder hergeben würden.

Und ich glaube, es kann einfach nichts Schöneres im Leben geben, als Mutter zu sein und einem kleinen Menschen die Möglichkeit zu geben, groß und gesund und glücklich zu werden. Aber ich weiß, dass wir dafür ein stabiles und sicheres Umfeld brauchen. Und eine:n Partner:in, damit das Kind auch wirklich stabile Beziehungen hat. Ich möchte nicht einfach aus egoistischen Gründen ein eigenes Kind haben. Ich wünsche mir Mama zu werden, um einer „Seele“ ein Leben zu ermöglichen und diese Welt zu entdecken. Apropos… seit ich so auf diesem Neurowissenschaften Trip bin, glaube ich auch immer weniger daran, dass ein Mensch wirklich eine Seele hat. Und da sind wir schon beim nächsten Thema.

Ich merke, dass ich richtig wissbegierig geworden bin in den letzten Wochen. Ich möchte so viel lernen und verstehen und mich kognitiv weiterentwickeln. Am meisten habe ich gemerkt, dass mich alles was mit Gehirnen angeht total fasziniert und interessiert. Am liebsten würde ich Neurowissenschaften studieren, aber das wäre absolut sinnfrei, weil ich in dem Bereich nie arbeiten wollte, es geht mir wirklich nur um meine Faszination, was das menschliche Gehirn betrifft…  Sowas kann ich mir bestimmt auch selber erarbeiten über das Internet, Bücher oder Videos und ich glaube, das möchte ich auch anfangen. Bzw. habe ich sogar angefangen. Ich denke alles Biologische hat mich schon immer irgendwo interessiert, weil ich kann mich erinnern, als ich meine erste Ausbildung als MFA angefangen habe, war ich eine Einserschülerin. Ich habe den Schulstoff unheimlich geliebt. Wie der Körper aufgebaut ist, die Zellen, wie ein Immunsystem arbeitet, blabla. Das Gehirn ist aber noch tausendmal komplexer und interessanter als der Körper… Und irgendwie möchte ich mich unbedingt damit auseinandersetzen. Einfach, damit auch mein Gehirn etwas zu arbeiten hat. Irgendwas Sinnvolles. Ich habe auch festgestellt, dass mich Sprachen sehr interessieren…. nicht das Sprachen lernen, sonden eher die Frage, wie sie entstanden sind, die Verbindungen oder Ähnlichkeiten usw. Wie verständigen sich Tiere? Ich habe letztens einen Artikel über Elefanten gelesen. Die Art, wie sie miteinander kommunizieren, ist verdammt beeindruckend. Vor vielen Jahren, als ich noch ein Kind war hatte ich in einem Brockhaus Buch gelesen, dass Rehe über Vibrationen im Boden (durch ihre Hufe) spüren, wer oder was in der Nähe ist (falls ich mich richtig erinnere). Bei Elefanten ist es dasselbe. Das habe ich aber erst vor ein paar Tagen gelesen und ich fand es höchst spannend, das eins der größten Tiere dieselbe Kommunikationsmethode haben (unter anderem) wie Rehe, die ja im Vergleich zu Elefanten so unfassbar zart und gebrechlich sind.

Ich merke schon, dass ich wesentlich zukunftsorientierter bin als vorher. Und auch ein bisschen zuversichtlicher. Und dadurch, dass ich jetzt weiß, was und dass ich etwas erreichen möchte, bin ich auch viel motivierter die Therapie gezielter anzupacken. Und ich weiß, dass ich will, dass das alles ein Ende hat. Die schädlichen Kontakte. Die Gewalt und die Folgestörungen dadurch. Ich weiß jetzt, was das Leben lebenswert macht und das ist nicht das Alleinsein und ein sicheres Zuhause und sicheres Einkommen zu haben. Sondern zwischenmenschliche Beziehungen.

Und genau deshalb ist mir das auch so wichtig, mich diese Woche mit Cia zu treffen und mit ihr ehrlich zu reden. Cia ist nämlich seit über einem Monat sehr in mich verliebt und es machte ihr sehr zu schaffen, dass ich nicht klar sagen konnte, was zwischen mit und Severin ist. Aber das kann ich jetzt und ich habe große Angst, ihr das zu sagen, weil ich sie verletzen oder verlieren und im aller schlimmsten Fall beides zusammen werde. Und das weiß ich. Aber gerade weil sie mir wahnsinnig viel bedeutet und ich sie extrem ins Herz geschlossen habe, will ich ehrlich zu ihr sein und ihr sagen, dass sich zwischen Sev und mir etwas anbahnt und ich nicht mehr ausschließen kann, dass es vielleicht etwas Ernstes wird. Und sie soll die freie Wahl haben, ob sie sich dann unter den Umständen eine Freundschaft vorstellen kann, oder ob sie zu sehr darunter leiden würde. Es gab in der Klinik nämlich schon einige Situationen, vor allem in der letzten Woche, in der ich sie (ungewollt) extrem verletzt habe. Sie war wirklich fertig mit der Welt, als sie Sev und mich zum Beispiel aus Versehen dabei erwischt hat, wie wir uns küssen. Ich hatte ihr vor vier Wochen gesagt, dass ich es verstehen kann, wenn sie Abstand braucht, weil ich ihr nicht sagen kann, was ich für ihn oder sie empfinde. Ich hatte ihr 100 % ehrlich gesagt, wie es bei mir aussieht. Dass Sev irgendwelche Gefühle in mir auslöst, aber ich mir nicht sicher bin, ob das nur Projektionen sind (ich glaube, das hatten wir sogar hier im Blog mal erwähnt) oder ob es wirkliche Gefühle sind. Und dass SIE uns aber als Mensch wichtiger wäre als er. Also, dass wenn man uns vor die Wahl stellen würde, ob es für uns schlimmer wäre sie als Freundin oder Sev zu „verlieren“ wir wüssten, dass ihr Verlust 1000x mehr wehtun würde. Weil es Freundschaft ist und weil wir ihr zu 1.000 % vertrauen. Was wir so von Sev ja noch nicht behaupten können. Wir sind verliebt, aber 100% vertrauen können wir in die Beziehung, die wir zu ihm haben, nicht. Aber zu dem, was zwischen Cia und uns ist, eben schon. Das ist authentisch und sicher. Und ich weiß, dass wir sie als Person waaaahnsinnig lieb haben, wirklich unheimlich gern! Aber es sind keine romantischen oder anziehenden Gefühle für sie da. Auch wenn sie wirklich sehr attrakiv ist. Und genau so haben wi rihr das von Anfang an gesagt… Und wir haben auch gesagt, wir werden jeden Schritt ihr überlassen, weil sie in der verletzlich(er)en Position ist, und wir sie deshalb nur noch dann kuscheln, wenn es von ihr aus kommt. (Mit Cia kuscheln wir wirklich sehr gerne, als sie von Samstag auf Sonntag bei uns übernachtet hat, haben wir auch zusammengekuschelt auf der Couch geschlafen). Weil solange sie sagt und für sich abwägen kann, ob sie das aushält, ist das für uns ok. Was nicht ok wäre, wenn wir wüssten, es würde sie nur noch mehr verletzen. Aber sie sagte, das wird sie für sich selber herausfinden und lernen müssen und das finden wir sehr reif. Und wir sind auch froh, dass wir uns somit nicht verpflichtet machen für sie zu entscheiden. Ich finde grundsätzlich immer, dass der Part, der die unerwiderten Gefühle hat, entscheiden sollte, was ihm guttut. Und nicht derjenige, der nicht so intensiv fühlt. Weil ich kann mir vorstellen, dass es manchmal noch schlimmer ist, wenn die Person, in die man verliebt ist, den Kontakt dann komplett abbricht.

Mit Severin hatte ich am Wochenende auch darüber geredet, dass mir Cia große Sorgen macht (wir sind leider ein Freundesgespann. Also Cia, Severin und Belinda sind auch sehr gut miteinander befreundet)… das macht die ganze Sache natürlich nicht einfacher. Ich hatte ihm gesagt, dass ich im Bezug auf Cia immer mehr unsicher bin und immer weniger weiß, wie ich mit ihr umgehen soll. Er fragte, was ich damit meine und ich erklärte ihm, dass, wenn wir uns zum Beispiel mal zu dritt treffen würden, ich nicht wüsste, wie ich mich verhalten soll. Ich hätte Angst seine Nähe zu suchen, weil ich sie nicht verletzen möchte. Er war sehr verständnisvoll und auch nachdenklich an dem Abend… irgendwann fragte er, was ich denke, wie ich das in der Zukunft lösen möchte. Ich meinte, dass ich weiß, dass ich irgendwann ehrlich zu ihr sein muss, aber dass ich mich egoistisch fühle, weil ich angst habe sie zu verlieren. Er fragte mich, ob ich Angst habe sie zu verlieren, oder nicht viel eher sie zu verletzen. Ich meinte, es ist beides zusammen. Severin meinte, manchmal muss man verletzt werden, damit die Trauer in Wut umwandeln kann und die Person mit den verletzten Gefühlen abschließen kann. Das hat Mona mir gestern auch gesagt. Sie hat Cia am Wochenende ja kennengelernt. Ich habe wahnsinnig Angst vor dem Gespräch mit Cia… aber ich habe mich dazu entschlossen, das diese Woche in Angriff zu nehmen, weil ich nach dem Wochenende und vor allem nach der Woche, in der ich Sev so sehr vermisst habe, gemerkt habe, dass da wirklich etwas Ernstes zwischen uns beiden ist…

Sie weiß auch schon dass es um Sev gehen wird, weil wir vorhin schon kurz geschrieben hatten. Weil eigentlich wollte ich von Freitag auf Samstag bei ihr übernachten (sie freut sich darauf schon seit zwei Wochen) und ich habe mich auch soooooooooo mega darauf gefreut, weil ich es bei ihr Zuhause auch sehr vertraut und schön fand. ich mag ihre Mutter und ihre Schwester (die ist ein Jahr älter als Cia) auch total gerne und ich fühle mich ein bisschen wie Zuhause bei denen… aber naja… jedenfalls hatte sie mir heute geschrieben und da habe ich es dann schon angedeutet…Und jetzt weiß ich aber auch nicht, ob die Art, wie wir mit ihr geschrieben haben, sie noch mehr in die Situation drängt, „stark“ sein zu müssen/wollen… wir wollten einfach nur ehrlich sein, aber jetzt habe ich Angst, dass sie das beeinflusst und sie eigentlich total drunter leiden wird und es nicht vielleicht doch besser wäre, wenn sie Abstand nimmt, es aber jetzt aus Rücksicht auf uns/mich nicht machen wird und DAS will ich wirklich nicht. Wir könnten damit auf jeden Fall leben und auch umgehen, wenn sie Abstand nehmen würde, das wäre für uns so selbstverständlich und wenn es das Beste ist für sie, würde uns das auch guttun, weil wenn sie dmait weniger leidet als wie mit der Tatsache, dass sie uns mit Sev manchmal sehen wird, dann wäre mir das auch viel lieber… wei ich denke für uns wäre das 1000x weniger schlimm sie als Freundin zu verlieren, als wie wenn sie jedes Mal mit ansehen muss, wie wir mit Sev immer näher zusammen kommen. Also wenn ich mir vorstelle, ich müsste damit klarkommen, dass Sev eine Andere kennelernt und sie sich immer näher kommen…. in der jetzigen Situation würde sich das für mich anfühlen wie ein Weltuntergang. Es würde SO wehtun. Ich denke, wir hätten ihr das nicht schrieben sollen, dass wir angst haben sie zu verlieren, oder? … Na ja, ich habe auf jeden Fall große Angst vor dem Gespräch. Vor allem, falls das mit Sev und uns doch nichts wird und wir dann quasi „umsonst“ eine Freundschaft verloren haben. Aber das meine ich mit Egoismus. Das wäre nicht fair wenn wir nur deshalb die Entwicklung zwischen ihm und uns verschweigen. Wi rhassen es, mit Gefühlen zu spielen und da hilft nur Ehrlichkeit.Wir könnten uns zumindest nicht in die Augen sehen, wenn es wirklich am Ende so wäre: „Oh Sev hat doch eine Andere, Gott sei Dank haben wir Cia nie davon erzählt, was zwischen uns war, sonts hätten wir sie als Freundin auch noch verloren“. Das wäre sowas von egoistisch und moralisch verwerflich, dass ich mir selber kein guter Freund sein wollte. So ein Mensch will ich nicht sein. Und deshalb denke ich hier auch wieder an den Satz von Billy: „Was wäre, wenn ich da anders gehandelt hätte?“ und ich weiß, dass mein 80-Jähriges Ich lieber wollte, dass ich diese Sache ehrlich kläre.

 

Verdammt

Das Wochenende war zu schön, leider. Ich hatte gehofft, es nimmt mir ein bisschen den Wind aus den Segeln (diesen Satz habe ich ein einziges Mal von Kim vor einigen Monaten gehört und finde das Sprichwort total gut :D). Ich sollte es einfach genießen – und ich tue es ja auch, aber umso schöner es wird, desto mehr Ängste habe ich. Ich denke mal, das ist normal. Ich denke, so fühlen sich alle normalen Menschen. Umso mehr man sich in jemanden verliebt und umso mehr man sich wünscht, desto größer ist doch die Angst vor Enttäuschungen, oder nicht? Also eigentlich ist es ja auch positiv, dass ich „so normal“ fühle. Es macht mich irgendwie auch wirklich lebendig. Es ist so etwas ganz anderes wie jemals zu vor in meinem Leben. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie ich mir vorstellen konnte, mein Leben sei so „normal“, wie es war. Diese „toten Beziehungen“…. genau so fühlt sich das nämlich im Nachhinein betrachtet an. Nichts war wirklich authentisch und es war, als wäre ich eingefroren gewesen.

Das Wochenende mit Severin war einfach zu schön. Und er weiß nun, dass ich viele bin. Ich habe irgendwie gar keine so große Lust, darüber zu berichten. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, ich sollte es auch für mich festhalten. Ich hatte Sie & Co sofort nach unserem Wochenende bei ihm erzählt. Und gestern dann auch noch Mona, die mich abends besuchen kam. Ich schreibe euch einfach, was ich Sie & Co geschrieben habe, dann muss ich nicht wieder neue Formulierungen finden und neue Sätze bilden.

(…)
Naja, gestern nacht hat er gefragt, kurz vor dem Einschlafen, ob er uns etwas fragen dürfte. Und ich meinte, klar. Er fragte, wieso ich im Blog im Plural schreibe… und fragte dann, so halb im Ernst und halb im Witz, ob ich mehrere Persönlichkeiten habe. Und ich meinte „Ja“. Einfach staubtrocken. Ich habe einfach ja gesagt.“

Kurz: Vor einer Woche hatte ich Severin einen Ausschnitt aus meinem Blog geschickt, wo ich über ihn geschrieben habe. Den Absatz „und plötzlich ist da Severin“. Ich hatte diesen Absatz umgeändert ins Singular, bevor ich es ihm geschickt hatte. Er meinte, nachdem er schrieb, dass das, was dort steht, sehr schön geschrieben sei, ob mir klar sei, dass er jetzt meinen Blog finden könnte, wenn er wollte. Ich meinte: „Wirklich?“ und er meinte: „Ja, wenn ich einen Teil des Textes kenne, könnte ich es ziemlich schnell finden. Aber ich werde es nicht tun, wenn du es nicht möchtest.“ Dann habe ich selber nachgeschaut, aber nichts gefunden. Ich schrieb ihm, dass man trotzdem nichts findet. Dann wurde er neugierig, wieso es nicht klappt und hat doch nachgeschaut. Er hat es gefunden. Er hat mir einen Screenshot geschickt und hat dann aber geschrieben, dass er nicht meinen Blog lesen wird, wenn ich es nicht möchte, weil das für ihn gleichgesetzt wäre, wenn er mein Tagebuch unter dem Kopfkissen oder meine SMS auf dem Handy einfach lesen würde. Solange ich ihm nicht klar sage, er darf es lesen, würde er es nicht tun. Und erstaunlicherweise glaube ich ihm das. zu 100 %. Seit wir uns kennen, hat er mich nämlich noch kein einziges Mal angelogen. Er steht zu seinem Wort. Aber natürlich hat er durch die Suche gesehen, dass der Absatz eigentlich im Plural geschrieben war.

(…) „Erst hat er es nicht geglaubt und dann musste ich ihm das erklären. Aber das war so eine Erklärung für Dummies. Habe dieses Beispiel mit dem Blatt Papier genommen, das man in verschiedene Stücke reißt und wie das mit dem Trauma zusammenhängt. Habe das noch ein bisschen mehr neurologisch erklärt, weil er ja ein extrem logisch denkender Mensch ist.“ (Severin hat nicht einen einzigen Film oder sonst irgendwas jemals über DIS gesehen). „Grundsätzlich hat er so toll reagiert. Also, er behandelt uns/mich deshalb kein bisschen anders. Aber gestern haben wir beide festgestellt, dass er wohl schon mit irgendeiner anderen Persönlichkeit Kontakt hatte, weil er fragte mich: „Ist die Persönlichkeit, die auf dem Land leben will, also eine andere?“ Und ich so: „Wann habe ich das je gesagt?“ Und er war dann echt überrascht und meinte: „Na… wir haben schon oft darüber geredet und bisher hast du immer gesagt, du willst auf dem Land leben bleiben. Das war heute das erste Mal, dass ich höre, dass du in eine größere Stadt ziehen willst.

Und ICH war mega verwirrt, weil ich mich NULL erinnern kann, ihm je gesagt zu haben, auf dem Land leben zu wollen. Also ich weiß, dass wir bis vor einigen Wochen und eingebildet haben, das wäre das Richtige, aber dann haben wir ja das Gegenteil festgestellt. Aber ich wüsste nicht, dass wir ja mit ihm darüber geredet haben.

Und dann sprachen wir kurz über unseren ersten Kuss und dann fragte er: „An den erinnerst du dich also noch?“ Und ich meinte so mega amüsiert: „Klar. Du etwa nicht?“ Dann hat er so süß gelächelt, genickt und uns ganz sanft geküsst. Ich meinte dann, unser erster Kuss war im Fernsehraum und er musste lachen und meinte, naja, die Wahrscheinlichkeit das richtig zu erraten war hoch, schließlich haben wir da die meiste Zeit zusammen verbracht. Er fragte, ob ich mich an die Situation erinnere und omg… konnte ich nicht.

Ich habe so lange nachgedacht und mir war das irgendwann so unangenehm.. ich habe mich zwischendurch sogar gefragt ob MEIN erster Kuss mit ihm auch wirklich UNSER erster Kuss mit ihm war. Weil ich mich zwar erinnern kann, wie ich mich gefühlt habe, aber überhaupt nicht an den Kuss bzw den Umstand selbst. Ich fragte ihn dann irgendwann, ob das vor oder nach dem Abend war, als Belinda uns massiert hat (also der Abend, wo wir getriggert waren und wo wir am nächsten Tag mit ihm darüber geredet haben).

Er war meeeega überrascht, aber nicht negativ, nur neutral, musste dann aber lachen und meinte: „Verdammt. Du bist wirklich eine adere Mii!“ Er hat sich abe rkein bisschen anders verhalten.

Er macht manchmal Witz darüber, aber die finden wir mega gut. Es ist einfach total unser Humor. Und nur weil wir 100 % wissen, dass er nicht so ist, sind die Witze, die er macht, absolut okay und für uns sogar total wichtig, weil so bringt er irgendwie eine Leichtigkeit rein. (Ein Witz war zum Beispiel, ob, falls ich nicht mehr im Bett könne, er einfach eine andere aussuchen dürfte – und ja, wir fanden das wirklich witzig, weil wir wissen, dass er das kein bisschen ernst meint und auch nie tun würde).

Und dann waren da so einige Situationen. Scheinbar haben wir ihm mal gesagt, dass wir ein großes Geheimnis haben (die DIS), aber wir ihm das noch nicht sagen möchten. Für mich war das aber eigentlich kein Problem, ihm zu sagen, was wir „haben“. Genauso wie mit einem Ungarischen Wort. Da war mal etwas, wo er ein ungarisches Wort gelesen hat, das wir ihm auf keinen Fall sagen wollten. Dann meinte er: „Du bist also eine Persönlichkeit, die alle Geheimnisse verrät.“ und dann hat er mir ins Ohr geflüstert: „Hey, ländliche Mii – falls du mich hören kannst und und nicht möchtest, dass ich alle Geheimnisse erfahre, solltest du rauskommen, weil die Mii, die gerade da ist, verrät mir sonst alles.“

Irgendwie finden wir das so süß. Ich habe das Gefühl, er kann das wirklich kein bisschen einsortieren, aber will es ernst nehmen. Und wir wissen ja mittlerweile von ihm, dass er vieles mit Humor oder Witzen überspielt, aber eigentlich sehr klar und auch einfühlsam darüber denkt. Und ich finde die Art, wie er damit umgeht, wirklich perfekt.

Ach ja, und dann meinte er noch irgendwas mit, weil „die ländliche Mii“ ihm mal gesagt hätte, dass sie sich nicht mehr vorstellen könnte, dass er mit einer anderen Frau schläft, ohne dass es sie stört. (Weil ich vorher noch zu ihm meinte, der Gedanke stört mich komischerweise nicht, wenn er mit einer anderen schläft, aber wenn er für eine andere Gefühle entwickelt). Und dann meinte er… „Mist… ich glaube, dann habe ich mein Versprechen (gegenüber der ländlichen Mii) gebrochen. Weil ich habe heute mit dir geschlafen…“

Ich musste so lachen.

Heute meinten wir dann … (er wirkte irgendwie sehr in sich gekehrt und bisschen bedrückt) und als wir bei ihm auf dem Bett lagen und noch gekuschelt haben, meinten wir zu ihm, egal wie sich das entwickelt, solange er möchte und solange ich es möchte, bin ich für ihn da. Dann hat er uns o in die Augen geschaut, also wirklich emotional… und hat uns mega leidenschaftlich geküsst.“

Das war so im Groben, was wir Sie & Co geschrieben haben. Einiges habe ich weggelassen, weil das einfach sonst niemanden angeht 😀 Aber auf jeden Fall muss ich sagen… er war wahnsinnig gefühlvoll, leidenschaftlich und vorsichtig. Ich habe in seinem Gesicht gesehen, dass er immer darauf geachtet hat, ob er uns wehtut oder nicht und hat auch wirklich regelmäßig gefragt, ob es okay ist, was er tut und ob er uns verletzt. Und, das hört sich so komisch an… ich kann mich nicht erinnern, jemals einem Menschen während dem Akt wirklich lange ins Gesicht geschaut zu haben… aber wir haben uns fast die ganze Zeit angeschaut…. und ich habe mich gefühlt bei jedem Blick noch mehr in ihm verloren. Ich hasse das. Ich haaaaaaaaaaaaaassseee das. Weil es mir wirklich Angst macht. ich habe Angst, mich total mit diesen Gefühlen, die ich für ihn habe, zu blamieren. Ich weiß nicht wieso die Vorstellung so peinlich ist, falls das, was wir für ihn empfinden, nicht erwidert wird. Aber ich muss sagen, wir haben mit Billy, Chleo und Mona sehr offen darüber geredet und alle drei Gespräche taten sehr, sehr gut und haben uns Sicherheit gegeben. Nicht in der Beziehung zu Severin, aber in der Beziehung zu den drei Menschen. Chleo schrieb letzte Woche: „Das hört sich schon sehr süß an mit euch beiden. Ich denke nicht, dass er die Art Typ ist, der Mädels bewusst verletzt, aber es kann durchaus sein, dass eure Gefühle unterschiedlich stark sind. Vielleicht braucht er auch einfach länger, wer weiß. Man muss halt abschätzen, ob es sich lohnt, das Risiko einzugehen. Es besteht immer die Gefahr verletzt zu werden, aber wenn man sich nicht darauf einlässt, verpasst man eventuell etwas und im Nachhinein ärgert man sich es nicht versucht zu haben. Und selbst wenn es nach paar Monaten oder auch Jahren nicht mehr sein soll, habe ich Eis und meine Couch zum Heulen bereit.“ Sowas in der Art hat Billy auch gesagt. Aus jedem der drei Gespräch habe ich etwas mitgenommen. Von Chleo konnte ich mitnehmen, dass sie eigentlich nur ausgesprochen hat, wovon ich grundsätzlich auch überzeugt bin (wenn ich nicht in so ner emotionalen Angst wäre): Nämlich, wenn ich im vornerein nur aus der Angst sage, ich versuche es gar nicht erst. womöglich ein wirklich großes Glück verpassen könnte.

Von Billy habe ich mitgenommen, als sie meinte, sie will nie gestorben sein und gefragt haben müssen: „Was wäre wenn…. (ich dies und jenes anders gemacht hätte).

Und von Mona nahm ich ne komplett neue Perspektive mit… denn ich erzählte ihr davon, wie er zu mir am Samstag meinte, dass er mir noch nicht sagen könne, dass er mich liebt. Das hat uns sehr verunsichert, weil wir uns dann gefragt haben: „Wieso hat er dann mit uns geschlafen?“… aber Mona meinte: „Das ist doch toll!“ Und ads meinte sie wirklich inbrünstig. Sie sagte, wenn er das so ehrlich sagt, dann wäre er sehr bedacht und schleudert mit den Worten nicht einfach so um sich und wir könnten uns sicher sein, dass wenn er es jemals sagt, dann wirklich ernst ist. Und wir haben dann auch reflektiert und überlegt, ob wir ihn wirklich lieben. Ich habe festgestellt, wir könnten noch auf keinen Fall zu ihm sagen „ich liebe dich“. Das können wir zu Carmen sagen. Und das spüren wir dann auch wirklich total tief und ehrlich im Herzen. So käme das bei uns im Bezug zu ihm aber noch kein bisschen durch. Wir haben sehr starke Gefühle für ihn und wir finden ihn wahnsinnig toll und wünschen uns etwas sehr Langes und Stabiles mit ihm… aber wir wären tatsächlich auch noch gar nicht in der Lage zu ihm zu sagen, wir würden ihn lieben. Aber unser Herz schlägt wahnsinnig stark für ihn.

Da sind echt so komische Unsicherheiten … wir denken immer… Mann, er sieht so unglaublich gut aus. Er ist wirklich ein sehr, sehr, sehr attraktiver Mann. Und dann ist da die ganze Zeit … wir denken uns ständig, wenn wir ihn als Vater oder Ehepartner vorstellen, sehen wir neben ihm eine ganz andere Frau. Als würden wir optisch kein bisschen zu ihm passen. Das ist total bescheuert, ich weiß. Aber wir haben trotzdem diese Angst, hey… er wohnt in der Großstadt und dann auch noch in einem Viertel, wo die schönsten und klügsten und niveauvollsten Frauen rumlaufen… und wieso sollte er dort jetzt nach Corona nicht eine kennenlernen, die 100x klüger, hübscher, witziger ist als wir? Und noch dazu, die Chance, dass sie weniger gestört ist, ist ohnehin ziemlich groß. Hmpf. Das ist alles ganz komisch. Ich denke nicht wie eine Anfang/Mitte Zwanzigjährige, sondern wie eine Vierzehnjährige. Und das nervt mich.

Na ja… mich nervt alles daran. Ich hatte überhaupt keine Lust auf solche Gefühle oder so einen Menschen in meinem Leben. Ich war sowas von abgeneigt davon, weil unsere Lebensumstände so Sau sind, dass da einfach doch kein Platz für einen anderen ist. Aber aaaaaahh… jetzt ist da Severin und mein Herz und ich will und will und will und meeeeh. >.<

Woran das am Dienstag wohl lag?

Dienstag war ja wirklich echt ein schrecklicher Tag. Morgens sind wir zwar gut aufgewacht, aber ab halb 9 rutschten wir in eine Dissoziation, die wir nicht mehr unterbrechen konnten. Ich habe zwar an die Skills gedacht, die wir gelernt haben, aber geholfen haben sie nicht. Das Ding ist, ich war die ganze Zeit beschäftigt, eigentlich. Aber irgendwie war die Beschäftigung wahnsinnig langweilig und ich habe gemerkt, dass ich durch die Langweile immer mehr abgedriftet bin, als würde mein Gehirn immer wieder mal in einen Sekundenschlaf fallen. Also, ich musste ganz viele Einverständniserklärungen digitalisieren und damit war ich den ganzen Vormittag beschäftigt, weil das Internet zudem auch noch so langsam war. Und ich bin mir fast sicher, dass ich gestern total unterfordert war und dieser „Gehirn-Sekundenschlaf“ daher kam. Aber ich frage mich, wieso das dann so ins Dissoziieren gerutscht ist? Und die Palette an Dissoziationen war groß. Von Kribbeln oder nicht Spüren von Körperteilen, die Welt um mich herum wie im Nebel wahrnehmen, ins Leere starren und nicht bemerken, wie die Zeit vergeht. Ich muss auch ein paar Mal gewechselt sein, weil ich Zeitlücken habe. Wieso ich als Außenperson so wenig mitkriege vom Vielesein, das verstehe ich einfach nicht. Das verwirrt mich zunehmend. Ich will mit Frau Blume darüber reden, aber so wie ich sie bisher mitbekommen habe, wird sie das mir zuschieben, denke ich. Irgendwie hat sie ja Recht. Schließlich kann nur ich die Antworten finden. Sie kann ja schlecht in mich reinschauen. Aber wenn ich es selber nicht weiß, woher weiß ich dann, ob ich mir dann Dinge hineininterpretiere? Als ich die letzten drei Jahre eher im Innen war, habe ich mir eingebildet irgendein echt wichtiger Anteil zu sein. Haben Kara und Co. ja auch immer wieder so wahrgenommen. Klar, ich war ja auch das Kommunikationsmittel schlechthin und ich konnte unser System endlich aufschlüsseln. Das Wissen besitze ich jetzt immer noch, aber wenn sich jetzt zum Beispiel etwas verändern würde, würde ich das gar nicht mitkriegen. Ist das nicht total komisch? 

Ufz, was auch immer. Jedenfalls habe ich Dienstags früher Schluss gemacht, schließlich haben wir am Montag auch bis 15 Uhr ohne Pause gearbeitet. Ich dachte, Zuhause kann ich dann mehr machen. Ich habe zumindest die Küche geputzt, aber dann fing wieder das Dissoziieren an. Ich frage mich: dissoziiert man, wenn man das Gefühl hat, das Leben ist sinnlos? Hat ja nichts mit Lebensgefahr oder Stress zu tun. Ich wäre gestern so gerne einfach rausgegangen und hätte mich mit jemandem in irgendeinem Kaffee getroffen. Oder wäre gerne einfach alleine in ein Kaffee mit Jimmy. Aber hier gibt es nichts. Ich hätte niemals gedacht, dass mir eine Großstadt jemals fehlen würde. Hier habe ich weder Leute, die sich mit mir treffen würden, noch wirklich einen Ort, wo ein bisschen mehr los ist. Unser Lieblingscafé liebe ich nach wie vor, aber auch das ist weit weg und da sind immer nur alte Menschen. Man lernt niemanden kennen. Das ist es, was ich meine. Wir bleiben hier einfach stehen und reifen nicht weiter. Es fühlt sich an, als würden wir hier einfach verdummen und für immer „ein Kind“ bleiben, dabei will ich endlich erwachsen werden. Aber dafür muss ich doch auch Erfahrungen sammeln, oder nicht? Aber wie soll man das in so einem ausgestorbenen Ort? Wie konnte ich mir jemals vorstellen, wirklich hier leben zu bleiben? War das wirklich nur die Angst vor Veränderungen? 

Jedenfalls habe ich mich durch den Tag gequält. Mit Hobbys. Irgendwo muss ich auch wieder gewechselt sein, ich kann mich an kurze Sequenzen von einem Ghibli Film erinnern. Einmal, wo ein Junge ein Mädchen mit Zöpfen auffängt, die vom Himmel geschwebt kommt… und eine Szene, wo sich Männer raufen. Aber an mehr erinnere ich mich nicht und das ist alles nur sehr verschwommen. Außerdem fehlt mir Zeit. Eigentlich kann ich mich im Grunde außer an das Putzen und Einkaufen gestern von 11 bis 13 Uhr an nichts erinnern. Ich weiß erst, dass ich am Abend kurz mit Frau *Mohn (die neue Gruppenleiterin) geredet habe (über was, weiß ich nicht mehr) und vorher hat jemand von uns im Zimmer am E-Piano gespielt (kann ich auch nur verschwommen wahrnehmen). Um 20 Uhr bin ich dann ins Bett und habe angefangen die Folge von Jung & Naiv mit der Neurowissenschaftlerin Maren Urner anzuhören. War interessant. 

Mittwoch war es schon wieder besser. Ich kann mich zwar nicht mehr ganz genau erinnern, aber es war definitiv besser. Also… um ehrlich zu sein, kann ich mich im Grunde an Mittwoch GAR nicht mehr erinnern. Ich weiß, dass wir in der Arbeit waren, aber was wir gemacht haben, weiß ich nicht mehr. Den Pressespiegel klar, den machen wir jeden Tag, das ist Routine… aber sonst? Ach ja, wir haben alle E-Mails durchgelesen und bearbeitet und ah ja – okay, jetzt erinnere ich mich. Die Arbeit hat Mittwoch mehr Spaß gemacht, es fühlte sich produktiver an. An den Nachmittag erinnere ich mich nicht. Wer war da? Keine Ahnung. Abends hat Severin angerufen. Mit ihm haben wir am Montag auch eine Stunde telefoniert. Hilfe, es ist so schrecklich, ich glaube, wir sind wirklich total verliebt in ihn. Das macht uns irgendwie Angst. Grundsätzlich alles daran, weil es so neu ist. Es ist soooo neu, zu merken, er ist ein Mensch mit dem wir uns eine Zukunft vorstellen könnten (ganz egal wie lange sie hält) und auch noch das Risiko einzugehen, das erste Mal vielleicht wirklich verletzt werden zu können. Wir hatten noch nie Liebeskummer. Wir können uns das auch gar nicht vorstellen, wie sich das anfühlt, wir kennen es nur von Filmen oder Freunden oder Bekannten und es wirkt immer wie ein Weltuntergang. Wir können sehr intensiv lieben, Carmen lieben wir ja auch nach wie vor noch unendlich und sie wäre auch ein Mensch, wenn sie zurück nach DE käme, würden wir wahrscheinlich alles stehen und liegen lassen und mit ihr dort weitermachen, wo wir aufgehört haben. Sie ist eine der wenigen Menschen, die wir wirklich, wirklich ohne wenn und aber einfach lieben. Aber wir hatten kein Liebeskummer, als sie nach Griechenland gezogen ist. Dabei haben wir sie wirklich geliebt. Sehr intensiv. Unsere Zeit war wirklich ein bisschen wie in einem Film. Aber wir haben uns nie eine Zukunft mit einem Menschen vorstellen können. Also doch, schon, mir Carmen könnten wir uns bis heute vorstellen, ein glückliches Leben zu führen, aber es ist nicht dieser grundsätzliche Wunsch da. Es ist eher ein „Ach ja, wäre schön wenn, aber wenn nicht, ist es auch so schön“ … aber bei Severin ist es so… ist dieser Wunsch so groß. Und das verstehe ich nicht. Das hatten wir noch nie. Und noch viel weniger hatten wir (logischerweise) jemals das Bedürfnis, das Risiko einzugehen, uns auf ihn einzulassen, selbst wenn es vielleicht blöd ausgehen könnte. Aber diese Erfahrung wäre es uns allemale wert. Sowas von. Und ich frage mich, ob wir jetzt total spinnen! Das frage ich mich wirklich. Hilfe. Wie kann man nur so bescheuert sein, und sich innerhalb von 5 Wochen in einen Mann verlieben? Oh Gott. Und wer von uns ist eigentlich verliebt? Wie unterscheidet man das in einem System eigentlich?? Gott, ist das kompliziert. Und unheimlich. Aber irgendwie echt auch wunderschön. Um ehrlich zu sein. 

Heute übernachten wir das erste Mal bei ihm und wir freuen uns wie ein Kind zu Weihnachten (sich eigentlich freuen sollte). Ich kann mich erinnern, dass wir anfangs echt Angst davor hatten. Aber gerade können wir es kaum erwarten. Eigentlich schon die ganze Woche nicht. Wir sind jeden Abend mit der Vorstellung eingeschlafen, wie es wäre neben ihm einzuschlafen. Und aufzuwachen. Und wir sind uns fast sicher, dass es zu mehr kommen wird. Es macht uns total aufgeregt und nervös und ängstlich. Aber nur, weil wir es so sehr wollen. Wir wollen so sehr mit ihm schlafen – und das, obwohl wir vor vier Wochen noch wahnsinnige Angst davor hatten. Aber jetzt merken wir, dass wir jeden Tag seine Berührungen und Küsse vermissen. Und wie er riecht und lacht und spricht. Ah wie kann man nur so peinlich sein??? 

Na, jedenfalls holt er uns heute Abend so um 19 Uhr ab. Und ich freue mich sooo unendlich. Da ist nicht die leiseste Angst da. Die einzige Angst die da ist, ist, dass er uns vielleicht zu dick oder zu unattraktiv findet. Aber das ist so dumm. Weil er würde sich ja nicht mit uns treffen, wenn er das täte, nicht wahr? Und die andere Angst ist, dass er sich, nachdem er einmal mit uns geschlafen hat, nicht mehr mit uns treffen will. Ich komme mir echt so dumm vor. Wie so eine Vierzehnjährige, die das erste Mal verknallt ist. Dabei waren wir schon oft verknallt, aber solche Gedanken hatten wir noch nie. Ufz. 

Gestern waren wir bei Frau Blume und es war das erste Mal, dass ich als ich (Jola) vor ihr saß. Zwischendurch war ich zwar mal kurz draußen, aber es war so anstrengend und hat sich so gefährlich angefühlt, dass ich ziemlich schnell wieder weg war und ich kann mich auch kaum erinnern, worum es ging. Lediglich, dass ich ein paar Mal unter krasser Anstrengung eben kurz da war. Ich habe ihr erklärt, dass ich es komisch finde, dass ich „plötzlich“ wieder im Außen bin und wir haben zusammen überlegt, wie das angefangen hat, dass ich von außen nach innen verschwunden bin. 2018, als wir im Betreuten Haus angekommen sind, haben ja die Betreuer gemerkt, dass sie mit unterschiedlichen Älteren, also ANP’s Kontakt hatten. Also da gab es mich, und ich war für mich immer schon eigentlich einfach nur der Ausweisname (und mit dem identifiziere ich mich auch immer noch mehr, als wie mit Jola), aber die Betreuer hatten mit „mir“ auch Gespräche oder Situationen, an die ich mich aber kein bisschen erinnern konnte, aber sie meinten, das wäre auch jemand wie ich – also sehr ähnlich. Und dann hatten sie irgendwann darum gebeten oder danach gefragt, wie sie mich denn erreichen könnten oder wie sie wüssten, mit wem sie gerade reden. Also habe ich/wir mir den Namen Jola gegeben. Wir haben dann auch angefangen, mit Frau G., also der Thera damals, die uns ja darum gebeten hat, diese Steckbriefe zu schreiben (totale Katastrophe und sowas von bescheuert). Aber als es anfing mit der inneren Landkarte, habe ich gemerkt, war ich immer seltener draußen. Und irgendwann eben gar nicht mehr und war nur noch innen. Ich finde es spannend, aber verwirrend, weil ich die Logik nicht ganz begreife. 

Frau Blume wollte wieder an die oberen Ebenen kommen… like always. Das kenne ich von ihr, habe ich durchs Beobachten von innen schon öfter mitbekommen. Als ich dann angefangen habe zu erklären, dass ich so im Außen jetzt gar nicht mehr mitkriegen würde, wenn sich etwas innen ändern würde oder sowas und ich mein System nicht direkt als innere Welt, sondern nur symbolisch sehe… also als Formen und Farben auf bestimmten Positionen, und ich mit meiner Hand auf die zwei Kreise über der zweiten Ebene gedeutet habe… wurde irgendwas komisch. Mein Kopf ist total eng geworden und ich kann mich auch erinnern, dass ich immer wieder gähnen musste. Frau Blume hat das meistens schon vor dem Gähnen bemerkt: „Da wird wieder etwas eng, nicht?“ Und hat mir ihrer Hand an ihr Hals gefasst. Ja, vor dem Gähnen verengt sich gefühlt immer mein Hals und das Gähnen entspannt das ein bisschen (oder versucht es zumindest). Und dann erinnere ich mich noch, wie ich die Farbe lila in einem der oberen Kreise gesehen habe… und dann schaute mich Frau Blume ganz eigenartig an, fragte: „Was ist gerade passiert?“ und ich blinzelte sie an und meinte: „Na, ich wollte doch gerade über die Ebenen reden…“ (oder so)…. aber Frau Blume meinte, wir seien gewechselt. Ich schaute auf die Uhr. Von 12:40 Uhr… war plötzlich 13:10 (ca.). Ich schaue ja regelmäßig auf die Uhr, damit mir auffällt, falls ich weg bin. Und was soll ich sagen? Ich war weg – ohne es realisiert zu haben. Frau Blume hat aber gefragt, ob ich irgendwas mitbekommen habe, wer da war. Ich habe versucht in mich zu gehen, nachzudenken. Tatsächlich erinnerte ich mich an einen Satz innerlich „Ich will gehen“…aber ich sagte Frau Blume, das wirkt eher wie ein Traum. Aber scheinbar war Lou da, die am Ende meinte, sie wolle gehen. 

Am Ende der Stunde sprachen wir noch kurz an, wie viel in der Klinik ja passiert sei und kurz kam das Thema mit A. auf und ich meinte: „Das ist so seltsam. Irgendwie dachte ich, wäre das total das Drama gewesen, aber ich bin mittlerweile total okay damit.“ Und Frau Blume meinte: „Ja, du als Jola, bist vermutlich okay damit.“ In der Sekunde, wo ich das aber schon gesagt hatte, hatte ich auf einmal… woah, das war so eklig und tut mir leid, wenn ich da jetzt nicht detailliert darüber schreibe, weil ich hab das Gefühl, es könnte gleich wieder passieren, meine Hand kribbelt schon… aber in der Skunde habe ich plötzlich seinen Penis wieder in meiner Hand gespürt… so, als wäre er wirklich in meiner Hand und ich habe mich… boah ist mir schlecht geworden und ich habe angefangen meine Hand an der Hose abzuwischen und das Gefühl loszuwerden, aber es ging nicht weg und mir wurde ganz anders und Frau Blume sprach und sprach, aber ich hörte sie nicht mehr und dann unterbrach ich sie einfach und war schon echt fast verzweifelt, weil das Gefühl in der Hand immer intensiver wurde und dann meinte ich: „Ich glaube wir brauchen jetzt Ihre Hilfe.“ und habe ihr gesagt, was ich in der Hand fühle, mein Atem ging ganz flach und mir war ganz komisch… sie versuchte mich hierher zu holen. Fünf blaue Sachen. Fünf Dinge, die ich höre. Dann fragte sie, ob ich meine Füße auf dem Boden spüre. Nein. „Wenn ihr die Füße bewegt?“ Ich bewege die Füße… „Ich spüre die Schuhe um meine Füße“. Sie: „Die Sohlen?“ Ich… „Nein.“ Ich konnte nur die Schuhe oben spüren. Aber nicht die Beine, nicht den Oberkörper. Sie bat mich, aufzustehen und wir gingen ein bisschen im Zimmer herum und das holte mich komplett zurück. Das Gefühl aus der Hand war verschwunden. 

Sie erklärte mir, was wir gemacht hatten. Dann zeigte ich ihr, weil es mir plötzlich eingefallen war, was wir in der Klinik für einen Bogen bekommen haben. Da standen links Begriffe, wie: Brot, Wäscherei, Kerze, Neujahr, etc. pp.. Oben stand: „ich sehe“, „ich höre“, „ich spüre“, „ich rieche“, „ich schmecke“. Bei dem Test, sollte man das ankreuzen, was in der ersten Sekunde zutrifft, ohne nachdenken. Von 19 Begriffen waren elf visuell. Sechs waren auditiv, einer war olfaktorisch, einer gustatorisch und kein einziges Mal kam kinästhetisch vor. D.h., falls wir dissoziieren, wären visuelle oder auditive Skills am hilfreichsten. Ich meinte zu Frau Blume, dass ich es seltsam finde, dass wir bei „ich spüre“ (kinästhetisch) gar nichts haben. Und sie meinte, es wäre eher ungewöhnlich, wenn es anders herum wäre und hat uns erklärt, dass die Sinne Sehen und Hören nach außen, also „weiter weg“ vom Körper sind, die anderen drei, also fühlen, schmecken, riechen, sehr, sehr nah. Okay, jetzt finde ich dieses Ergebnis im Fragebogen gar nicht mehr so unlogisch, aber ich fragte mich, wieso ich dann, wenn eigentlich der Skill „spüren“ gar nicht angekreuzt war, letztendlich doch am meisten geholfen hat bei Frau Blume. Sie meinte, weil sie erst mit Sehen und Hören angefangen hat, und dann ans Spüren gegangen ist, aber den Fokus auf etwas anderes im Körper gelenkt hat. 

Fand ich sehr spannend. 

Nach der Stunde mit Frau Blume hat mich Cia abgeholt und wir sind zusammen in ein Café gegangen. Wir haben uns so sehr gefreut sie zu sehen und sie hat Frau Blume kennengelernt, weil sie da mal kurz aufs Klo musste. Jetzt findet sie Frau Blume auch sympathisch und sie meinte, jetzt hat sie mehr Motivation, sich da um einen Platz zu kümmern. Also, wir hatten ihr vor drei Wochen mal die Adresse von Frau Honig und Frau Blume gegeben, damit sie sich da meldet. Wir haben ihr auch ein bisschen erzählt gestern, wie Frau Blume genau arbeitet. Und es freut uns so sehr, dass sie sich da um einen Platz bemühen möchte, weil ich denke, dass Frau Blume ihr auch sehr weiterhelfen könnte. Sie leidet auch sehr stark an Derealisation und Dissoziationen und bei ihr drückt sich das auch sehr körperlich aus (emotional spürt sie meistens nichts, oder nur sehr wenig). 

Also ja, das war alles in allem eine gute Woche, bis auf den Dienstag. Zu meinen anderen Gedankengängen, was meine Zukunft und Perspektiven und Wünsche angeht, schreibe ich demnächst. Heute freue ich mich einfach nur unendlich auf Severin. Ich Vollidiot.

 

Erster Arbeitstag

Der Besuch von DIE LINKE war wie erwartet nicht im Geringsten so schlimm wie ich es vorher befürchtet hatte. Im Gegenteil hatten wir sogar richtig Spaß, waren motiviert und energiegeladen. Außerdem war ein kleines Baby mit dabei, und der Kleine hat die ganze Zeit mit uns „geflirtet“. Wir sind so schockverliebt gewesen und er hat den ganzen Tag wirklich komplett versüßt und erleichtert. Es war auch schön mit meiner Kollegin wieder zu reden und den Chef zu sprechen auch. 

Irgendwann ca. um 12 Uhr haben wir die erste Dissoziation bemerkt. Eine Stunde vorher hatten Kopfschmerzen angefangen. Da ist mir aufgefallen: Wie skillt man in Situationen, in denen man nicht skillen kann? Und wie umgehen mit Überforderung, wenn man in sich in dem Moment einer Aufgabe nicht entziehen kann? Hmh. Wir haben Gott sei Dank noch Dissoziations- und Spannungsbögen aus der Klinik dabei und das aufzuschreiben und versuchen zu reflektieren war ein bisschen hilfreich. (Wir haben heute von 8 – 15 Uhr gearbeitet)

Wir waren dann, als wir die Arbeit erledigt haben, irgendwie plötzlich total in diesem Gefühl drinnen, das wir vor der Klinik hatten. Es war so gruselig und hat mich sehr erschreckt. Es ist total komisch. Diese wenige Arbeit heute hat mich so erschöpft und scheinbar auch überfordert, und als ich dann aber nichts mehr zu tun hatte, fühlte ich mich auf einmal kurz wieder sinnlos und dann war ich kurz in Erinnerungen in der Klinik und was ich dort jetzt täte und es war so eine undefinierbare Traurigkeit da, obwohl ich es an nichts ausmachen konnte. Sie war dann schnell wieder weg und ist jetzt auch nicht mehr da… aber, ja… 

Irgendwie beunruhigt mich auch ein bisschen die kommende Zeit in meinem Leben… ich hab gemerkt, dass mir das Leben hier halt überhaupt nicht guttut, weil wir hier nicht weiterreifen, sondern irgendwie stehen bleiben und eigentlich dringend wegziehen sollten. Aber wir mögen unsere Arbeit sehr, das hat uns heute nur wieder bestätigt. Und die Freudlosigkeit über die Arbeit kam tatsächlich nur vor der Depression… aber wenn wir in eine etwas größere Stadt ziehen würden, dann könnten wir hier nicht weiter arbeiten gehen. Ach, aber naja, erst einmal der erste Schritt: Raus aus diesem Wohnen. Wir wollen endlich in die Selbständigkeit!

Ihr merkt bestimmt, dass ich-wir nicht mehr schreiben wer von uns schreibt oder auch öfter die Ich-Form benutzen. Das liegt daran, dass wir in der Klinik-Zeit gemerkt haben, dass es für uns nicht wichtig ist, dass jeder weiß wer von uns gerade spricht. Im Endeffekt hat jeder von uns seine Berechtigung, seine Zeit, sein Anliegen, seine Themen und Gefühle und alles in allem ist jeder von uns ein Teil vom Ganzen. In der Klinik haben sie nicht rumgefragt wer da ist oder ob xy kommen könnte, sondern sie sind auf jeden von uns einfach so eingegangen, wie sie sind und jeden von uns so angenommen, wie wir waren. Und wir haben gemerkt, dass es gut tut. Wenn ihr es genau wissen wollt, nur für das Verständnis: Ich bin Jola. Und ich bin gerade sehr viel im Außen und im Kontakt mit dem Zweiersystem. Also Kara, Lou, Max, Mia, etc. pp. Es ist wie als könnte ich seit Jahren endlich wieder so weiterleben wie vor der Geschlossenen. Es finden zwar Wechsel statt, das weiß ich, weil ich nicht den ganzen Tag reflektieren kann und mir einige Momente fehlen. Ich zappe schon eher von einer Erinnerung zur nächsten und zwischen drinnen sind Lücken. Eigentlich ist es so, als ich die letzten Jahre nur innen war, oder eben überwiegend,… da sehe ich einfach sehr viel und kann so gut wie alles super gut sortieren und bin auch irgendwie sowas wie ein Kanal gewesen, um von einem System ins Andere zu kommunizieren. Also wenn Lou jetzt zum Beispiel keinen Kontakt zu System 5 herstellen kann, würde sie versuchen sich an mich zu richten und ich würde versuchen mich an einen bestimmten Anteil von System 5 zu richten, um wie eine Brieftaube Botschaften zu übermitteln… aber sobald ich im Außen bin, bin ich plötzlich wie eine klassische Alltagspersönlichkeit. Ich fühle mich wie eins. Weiß zwar kognitiv von den Anteilen und weil ich so lange im Innen war und so im Kontakt war, leugne ich sie auch nicht, würde ich auch nie tun (nicht mehr), aber von außen habe ich keinen Kontakt nach innen. Absolut gar keinen. Das widerspricht irgendwie komplett der Theorie die wir bisher über uns herausgefunden haben. In den letzten Jahren war das so, dass immer Alltagspersonen von jeweils einem System eben den Alltag übernommen haben. (Ich habe gerade total den Drehschwindel gespürt, als hätte sich mein Laptop-Bildschirm gewölbt und war kurz total derealisiert… Schreibe ich gerade über irgendwas, worüber ich nicht schreiben sollte? Ich merke auf jeden Fall, dass ich gerade total dissoziieren… ufz.). Puh… hmh. Ich frage mich, wie das eigentlich früher war. Bevor ich das erste Mal von der DIS-Diagnose gehört habe. Habe ich da auch immer im Hintergrund ein System mit Alltagspersonen im Rücken gehabt, die mich als „ANP“ dann abgelöst haben? Und war ich dann die letzten Jahre deshalb gar keine ANP mehr, WEIL ich von der DIS erfahren habe? Oder weil ich nach und nach meine Erinnerungen wieder erlange? Und die Zusammenhänge? Aber welchen Sinn macht das dann, dass ich im Innen so viel mitkriegen konnte? Das ist völlig absurd und wirr und macht mich durcheinander, aber ich will gar nicht weiter darüber nachdenken. Ich glaube, das muss ich Frau Blume mal fragen. 

Vorhin haben wir Severin geschrieben… seine Antwort hat uns zum Lächeln gebracht. 

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Das erste Wochenende nach der Entlassung

Eigentlich hatte ich die Befürchtung, dass ich mich überhaupt nicht mehr wohlfühle, sobald ich wieder in meiner gewohnten Umgebung bin. Am Freitag war alles recht hektisch. Cia hat sich am Freitag auch entlassen, um nur noch Tag klinisch in die Klinik zu gehen. Mein Dad hat uns beide um 15 Uhr abgeholt. Vorher habe ich mich noch von allen verabschiedet und der Abschied war ungewohnt herzlich und Paula hat sogar geweint, als sie am Abend davor meine Hand gehalten und wir noch kurz geredet haben. A. in der Früh zu sehen war seltsam.

Der Vorfall die Nacht davor hat mich nicht losgelassen… und ich habe mit der Ergo-Therapeutin darüber geredet. Was mich selber verblüfft hat. Es war komisch, eigentlich wollte ich mein Gewissen erleichtern. Ich habe ihr die Situation von der Nacht geschildert. 23:50 Uhr. Da habe ich nach seinem ersten Kuss auf die Uhr geschaut. Ich habe keine Ahnung wieso. Als hätte sie bestimmen können, dass ich mich retten kann. Im Endeffekt habe ich mich auch durch die Nachtruhe „gerettet“. Als ich Frau *Amari so grob geschildert habe, was passiert ist, habe ich unerwartet gezittert und geweint. Aber nicht, weil mich das Ereignis belastet hat, sondern viel eher weil ich mich schuldig fühlte darüber zu reden. Und weil ich mich dafür geschämt habe, ihn als „schlechten Mensch“ darzustellen. Das war mein eigentlicher Grund. Ich wollte nur mein Gewissen bei ihr erleichtern. Und vielleicht auch nochmal vergewissern, ob ich wirklich überreagiert habe. Frau Amari hat in meinen Augen super reagiert. Sie ist ruhig geblieben, hat mich erst einmal bei sich in der Stunde behalten, hat aber im Gespräch gesagt: „Es geht hier nicht um Schuld oder nicht Schuld, das war ohne Zweifel ein sexueller Übergriff.“ Als sie die letzten Worte gesagt hat, hat das irgendwas mit mir gemacht. Ich weiß nicht, ob ich mich noch schlechter oder erleichterter gefühlt habe. Vielleicht beides zusammen. Ich kann es noch nicht einsortieren und ich hoffe, dass ich das mit Frau Blume können werde.

Wir gingen nach der Ergo Stunde zu Herrn Dr. H. (dem stellvertretenden behandelnden Arzt, da Frau Dr. Katze in der letzten Woche im Urlaub war). Ich kann mich nicht mehr erinnern, was oder wie genau ich ihm geschildert habe, was passiert ist. Frau Amari war mit im Zimmer, weil ich sie darum gebeten habe dabei zu bleiben. Auch er benutzte das Wort „sexueller Übergriff“ und ich kann nicht erklären, wieso mich dieses Wort so stört. Vielleicht, weil ich es nicht als das empfunden habe.

Ich kann mich an das Gespräch nicht mehr eindeutig erinnern. Nur, dass ihre Reaktion nicht unangenehm war. Der Doktor reagiert sehr ruhig und verständnisvoll, überhaupt nicht drängend. Er war auch dankbar für das Vertrauen und meinte irgendetwas in die Richtung wie, es sei gut, dass ich das angesprochen habe bevor ich gehe, damit ich nicht mit einem negativen Gefühl oder Erlebnis die Klinik verlasse und er mir ans Herz legt, die Situation mit Frau Blume ambulant noch einmal zu bearbeiten.

Was mich während der ganzen Zeit (immer noch) sehr irritiert hat, war, wieso ich mich daran erinnern kann. Wir sind viele. Werden solche Erlebnisse in der Regel nicht sofort abgespalten? Wechseln wir da in der Regel nicht? Und dann habe ich mich gefragt, ob wir vielleicht sogar gewechselt sind und es aber kein vollständiger Wechsel mehr war? Schließlich kann ich mich immer noch nicht körperlich daran erinnern. Ich weiß, dass er mich zwischen den Beinen und an den Brüsten angefasst und drei oder vier Mal meine Hand an seinen P. gedrückt hat. Spüren kann ich allerdings nur den Kuss und was ich in der Hand hatte. Also eigentlich nur meinen Kopf und die Hand, als wären sie abgetrennt von meinem Körper.

Nach dem Gespräch bei Herr Dr. H. habe ich mit Paula gesprochen. Ihr hatte ich nämlich in der Nacht als aller erstes, als das passiert ist, geschrieben. Sie konnte es allerdings nicht lesen, weil sie in der Klinik kein Netz hat und in der Früh konnte ich es nicht mehr löschen. Ich wollte nicht, dass sie es erst Tage später total kontextlos erfährt und sie hat mich in den Arm genommen und auch irgendwas liebevolles zu mir gesagt, woran ich mich nicht mehr erinnern kann. Dann kam Severin und mit ihm wollte ich reden, um mein Gewissen zu erleichtern. Weil ich mich ja auch ihm gegenüber schuldig gefühlt habe. Jemand von euch hatte mir ja geschrieben, ich müsse mich ihm gegenüber nicht schuldig fühlen, da ich es ja nicht gewollt hatte. Oder irgendwie so. Das kann mein Hirn kognitiv definitiv begreifen… aber emotional irgendwie gar nicht. Ich antworte später übrigens noch genauer auf die Kommentare. 🙂

Ich kann mich an Sev’s Reaktion auch kaum noch erinnern. Aber er hat mich festgehalten. Meine Stirn geküsst und nur sein Satz „So ein Arschloch“, ist mir hängengeblieben, weil es wirklich betroffen klang und er wirkte auch sehr nachdenklich. Aber trotz der Anspannung und Wut und Sorge, die er hatte, war er noch so ruhig und gefasst.

Später habe ich Belinda, Bahira und Cia davon erzählt. Vorsichtig, weil ich niemanden von ihnen triggern wollte. Aber ich will dranbleiben… an den Beziehungen und lernen, sie einzugehen und ehrlich zu sein und mich-uns so zu zeigen, wie es uns geht. Als ich davon erzählt habe, habe ich geweint. Ich weiß nicht warum. Seltsamerweise nie wegen dem, was passiert ist, sondern weil ich mich fühle, als würde ich ihm etwas Unrechtes tun, und trotzdem habe ich das Gefühl, es nicht unausgesprochen lassen zu können, weil die Erinnerung daran schon auch Ekel und Scham auslöst.. In der Hinsicht bin ich einfach irritiert.

Cia meinte, das, was ich mache sei „Victim Blaming“ gegenüber mir selber. Das Wort kannte ich noch nicht vorher. Auch die Mädels reagierten sehr authentisch und genauso, wie ich es gebraucht hatte. Ich merke zunehmend, dass ich kein aufgesetztes Verständnis oder bestürzte „Ohje’s“ oder Mimik und Gestiken brauche, sondern einfach nur Authentizität. Alle drei haben unterschiedlich reagiert und jede Reaktion war für mich heilsam. Unterm Strich reagierten sie aber ruhig und nicht übergriffig oder überstürzend.

Cia wurde Nachmittags von ihrem Vater abgeholt und ich musste mich noch einmal auf den Weg machen, weil ich die Medikamente vergessen hatte. Auf dem Weg in die Klinik hatte ich Angst, dass mich Zuhause die Ängste vor meinem alten Umfeld einholen und ich mich reinsteigere, dass es mir schlechter geht. Ich hatte Angst davor, diese gesunden Beziehungen oder mein In-Beziehung-Gehen zu verlieren, sobald ich wieder in der WG bin. Also habe ich Fynn, meinen schwulen Grundschulfreund, angerufen und gefragt, ob er spontan Zeit hätte. Ich will dran bleiben an dieser In-Beziehung-Gehen-Sache. Es ist so unglaublich erfüllend und fühlt sich sinnvoll an. Es macht mich irgendwie lebendig. Die Beziehungen zu meinen alten Schulfreunden habe ich sehr schleifen lassen. Das will ich ändern.

Wir trafen uns in einer Schwulenbar, in der wir mit 17/18 öfter mit ihm zusammen etwas trinken waren und es war so unglaublich lustig und schön. Der Kontakt mit ihm war so absolut anders als wie ich es zuvor in meinem Leben kannte. Ich konnte mich auf ihn konzentrieren, konnte mir merken, was er sagt, konnte auf seine Emotionen eingehen und sogar emotional auf jeweilige Inhalte reagieren. Außerdem hat er mir zukunftstechnisch auch unerwartet eine kleine Perspektive gegeben… Und wir wollen unbedingt mal zusammen nach Prag. Ich hatte ihm auch von Severin erzählt. Er hatte in unserem Status auf Whatsapp die Fotos von uns gesehen und vor einigen Tagen gefragt: „Oh, habe ich etwas verpasst?“ und wir meinten: „Nicht viel mehr als ich – bin genauso überrascht“. Als ich erzählte, dass er aus Prag ist, meinte Fynn, dass er schon einmal in Prag war und das eine sehr, sehr günstige Reise ist. Ich sagte ihm, ich würde mir die Stadt wirklich gerne mal ansehen und er sagte, dass wenn ich das tue, wir das gemeinsam machen werden.

Wir sprachen auch über meine Vergangenheit. Letztes Jahr hatte ich ihm von meiner Traumatherapie erzählt und so grob auch wieso. Also, ich erwähne nie irgendwas mit Kulten oder solchen Sachen, sondern nur die Kinderprostitution die dahintersteckte. Erschreckenderweise erzählte er mir am Freitag, dass als er mit mir zwei Mal in Ungarn war damals (wir waren 12 oder 13), ich schon solcherlei Andeutungen gemacht hätte mehrmals. Mein Vater hätte dann immer gesagt, das würde nicht stimmen, hätte es ins Lächerliche gezogen und gesagt, „Mii erzählt doch immer nur Geschichten“. Fynn entschuldigte sich, dass er es damals nicht wirklich begreifen konnte. Ich-wir waren ihm überhaupt nicht böse. Zum Einen, weil ich mich nicht erinnern kann, jemals in meinem Leben zuvor Andeutungen darüber gemacht zu haben (ich dachte, ich habe von der Kinderpr. erst erfahren, nachdem ich von der DIS erfahren habe…), und zum Zweiten, weil er ein Kind war und ich an seiner Stelle genauso wenig gewusst hätte, wie man das einordnet oder was man mit solchen Aussagen macht.

Von Freitag auf Samstag schliefen wir dann noch bei unseren Eltern, am Samstag kam Cia vorbei und wir fuhren zusammen in meine WG, weil sie von Samstag auf Sonntag bei mir übernachtete.

Es war schön, sie mit in mein Umfeld zu nehmen. Sie machte es mir leichter anzukommen. Es war auch schön Mona und Elly wieder zusehen. Und vor allem Jimmy.

Was mich etwas irritiert ist, dass ich das Gefühl habe, nie weg gewesen zu sein. Durch die neuen Erfahrungen und Emotionen die ich gelernt und mitgenommen habe, dachte ich, würde es mir total schwer fallen wieder anzukommen. Vor allem nachdem ich jetzt weiß, wie (psychisch) schädlich mein Umfeld hier für mich ist und vor allem nachdem ich nun weiß, wie viel besser es sein kann, wenn kompetente Mitarbeiter in Hilfseinrichtungen arbeiten und man die richtigen Menschen um einen herum hat. Aber es fiel mir überhaupt nicht schwer. Ich merke zwar, dass ich Cia, Bahira, Belinda, Paula, Leyla, und eigentlich jeden dort sehr vermisse. Aber nicht so, dass ich mich nicht auf mein Leben hier konzentrieren könnte und auch nicht so, als wäre es endgültig. Ich weiß ja, dass ich sie alle wiedersehen werde. Und ich weiß, dass die meisten Kontakte halten werden.

Am Sonntag konnte ich gleich drei Mal umsetzen, was ich gelernt habe. Cia wurde um 16 Uhr abgeholt, vorher hatte sie Mona und Elly von ihren Erfahrungen in der Klinik erzählt und auch von sehr belastenden Momenten. Später erzählte uns Mona , dass sie ihren ihren Eltern vor einigen Tagen einen Brief geschrieben hatte. Am Sonntagabend kam die Antwort ihrer Mutter und die hat sie sehr mitgenommen. Sie hat sehr geweint. Und nicht wie sonst, wie ich es eigentlich kenne, waren wir distanziert und emotional kühl, sondern haben sie gefühlt. Ohne darüber nachzudenken ob es richtig ist oder nicht, sind wir auf sie zu und waren wirklich bei ihr. Wir konnten uns auf sie und ihre Not fokussieren und für sie da sein, und ich glaube, auch wirklich tröstende Sachen sagen. Wir haben sie mehrmals gehalten und ich meine mich zu erinnern, dass wir zu ihr gesagt hatten: „Du kannst das Kind deiner Mama nicht halten. Das Kind sollte von der Mama gehalten werden. Selbst wenn du es wolltest, könntest du nicht… Und wenn deine Mama dein Kind nicht halten kann, so wie ihre Mama ihr Kind nicht halten konnte, dann braucht sie Menschen wie du (ihre Freunde, uns und andere), die ihr Kind halten, wenn sie es selber noch nicht kann und es lernen muss“… (inneres Kind… es ging im Prinzip darum, dass ihre Mutter immer Mona als Hilfe und Stütze und Retterin gesucht hat und es bis heute noch tut und Mona hatte versucht in dem Brief zu schreiben, warum sie sich davon abgrenzen muss. Was sie sehr reflektiert und einfühlsam gemacht hat). Mona hat dann noch eine Weile geweint und ich hatte das Gefühl, sie konnte es auch wirklich zulassen bei uns zu weinen. Ich habe schon gemerkt, dass sie es erst versucht hat zurückzuhalten, aber als ich gesagt habe: „Du darfst weinen“, hat sie es mit weniger Zurückhaltung getan und das hat sich für uns irgendwie schön angefühlt. Wir dachten früher immer, das wäre unangenehm und peinlich. Aber im Gegenteil fühlt es sich wahnsinnig schön an, wenn sich Menschen bei einem trauen fallen zu lassen. Das erste Mal haben wir das bei Cia gemerkt, wo sie einmal in unseren Armen völlig zusammengebrochen ist und wir sie wirklich einfach nur fast zehn Minuten gehalten haben und sie nur geschluchzt hat und es fühlte sich wirklich an, wie jemanden zu tragen. Und nicht nur sie zu trösten, sondern damit auch irgendwas in uns zu heilen.

Nach ungefähr zwei Stunden hat sich Mona dafür bedankt, Raum bekommen zu haben. Und dann habe ich es kapiert. Also, durch diesen Satz. Es geht gar nicht um oberkluge Ratschläge oder hilfreiche Sätze. Viele Dinge kann man eh nicht (sofort) lösen und schon gar nicht für jemanden, aber die Not genau in dem Moment, in dem sie da ist, wirklich da sein lassen zu können und sie auch rauslassen zu können, das ist das Heilsame für die Seele. Zumindest für mich. Oder zumindest in meinem jetzigen Verständnis.

Später kam Lena vorbei, um 18 Uhr rief Severin an und wir telefonierten eine Stunde lang. Wir vermissen ihn und meine-unsere Gefühle bestärken sich zunehmend. Er meinte im Telefonat auch, er wäre enttäuscht, wenn ich am Freitag nicht käme (weil ich aus Witz meinte, vielleicht überlege ich es mir anders). Dann meinte ich total überrascht: „Wirklich?“ Und dann hat er gestockt und meinte stutzend: „Mh… ja. Wieso überrascht dich das?“ Und dann meinte ich verlegen, weil immer noch nicht wirklich weiß, woran ich bei ihm bin. Er umging das wieder ein bisschen, aber sagte, sehr ehrlich: „Es tut mir leid, dass du so fühlst und ich hoffe, dass du mir irgendwann mit der Zeit vertrauen kannst, was das betrifft.“ Ich weiß nicht, was er mit „das“ meinte. Er weiß, dass ich sowas wie Liebe für ihn empfinde, das hatte ich ihm bei unserem letzten Date gesagt. Er sagte, das könnte er jetzt zu mir noch nicht sagen, aber dass er wüsste, es würde ihm wehtun, würde ich jemanden anderen kennenlernen. Bzw. hatte er wieder erwähnt, dass ich ihn bereits verletzen könnte. Er sagte also nicht klar, dass er Gefühle für mich hat, aber das interpretiere ich so hinein. Seine Undeutlichkeit macht mich unsicher, andererseits verstehe ich es, weil es wirklich sehr früh ist. Abgesehen davon habe ich ihm auch gesagt, dass ich nicht bei dem Punkt bin, an dem ich sagen würde „Ich liebe dich“, das könnte ich wirklich noch nicht. Aber ein Teil von uns liebt einen Teil von ihm. Und so haben wir ihm das auch gesagt. Er reagierte schon eher glücklich und positiv darüber. Hat es dann mit einer „Siegesfaust“ ein bisschen überspielt. Aber ich bin dankbar, dass er so ehrlich ist und es nicht einfach erwidert und uns nachplappert, sondern wirklich ehrlich dazu steht, wie es bei ihm ist. Und es bei ihm eben (noch) keine Liebe ist. Und seltsamerweise tat es nicht weh, wie ich es sonst in Filmen immer sehe. Ich verstehe diese Liebesfilme glaube ich einfach nicht. Für mich ist es gar nicht wichtig, von einem Menschen, den ich liebe, zurück-geliebt zu werden. Viel wichtiger ist mit Wertschätzung und Ehrlichkeit. Aber da ist wohl jeder anders. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall hat das überhaupt nichts verändert an meinen Gefühlen für ihn. Und es fühlt sich auch nicht so aufregend und unangenehm an und so, dass ich mich auf nichts anderes mehr konzentrieren kann, sondern es ist einfach da und wenn ich es fühle, fühlt es ich schön an – vor allem, wenn ich an ihn denke. Aber ich muss nicht die ganze Zeit an ihn denken. Naja, vielleicht doch ein wenig, aber irgendwie nicht so intensiv. Er ist wie so ein kleiner unsichtbarer Begleiter in meinem Hinterkopf. Und die Erinnerungen und Erfahrungen an ihn und mit ihm (genauso wie die von meinen Mädels), helfen mir, mich an den positiven Sachen die ich gelernt habe zu orientieren und das umzusetzen.

Während dem Telefonat mit Severin musste Lena wieder gehen. Ca. eine Stunde später fragte sie, ob sie wieder vorbeikommen kann. Wir sagten klar, jederzeit, und hatten sofort im Gespür, dass irgendwas los war. Als sie ankam… hatte sie zwar ein Lächeln aber… Ein Lena-Lächeln eben. Und wir machten die Tür auf und fragten: „Huggo?“ (Umarmung).. und sie nahm uns in den Arm und weinte. Lena. weinte. Ich habe Lena nur so selten weinen sehen und wenn, dann nur wenig und ähnlich wie wir, eher schnell wieder weg mit den Tränen und Emotionen. Und sie hat fast so geweint wie Cia. Nicht ganz so hemmungslos, aber doch so ein wenig, als würde sie uns vertrauen. Und sie hat uns erzählt, was ihre Mutter gesagt hatte. Es wäre besser, wenn sie gestorben wäre. Und dann mussten wir über ihre Schulter hinweg auch weinen. Wir verstehen Eltern nicht. Ich habe ihr gesagt, dass ihre Mutter sie nicht verdient hat. Dass beide ihre Eltern sie nicht verdient haben und sie keinen Wert darauf geben soll, was sie gesagt hat. Sie ist dumm. Und dass ich-wir sie schrecklich vermissen würden, würde es sie nicht geben und wir dankbar sind, dass wir sie kennen und sie lebt. Und dass wir ab heute ihre neue Familie sind. Weil Freunde einfach oft die bessere Familie sind. Wir standen auch so ca. fünf Minuten so dort in der Eingangstür, bis sie sich von uns gelöst hat (wir halten die Leute immer so lange, bis wir merken, dass sie nicht mehr wollen – es sei denn, es wird uns mal unangenehm, aber ist es bisher noch nicht seitdem wir das so machen). Lena sagte, sie sei so froh mich-uns zu haben und sie wüsste gar nicht, was sie ohne mich wäre. Das war das erste Mal, dass sie sagte wie sie zu uns steht. Ich hätte nicht gedacht, dass wir ihr so wichtig sind. Aber das ist sie uns eigentlich auch. Und das spüren wir jetzt viel mehr.

Nun, jetzt muss ich in einer Stunde in die Arbeit und gegen Mittag kommt die Linke bei uns vorbei. Sie möchte sich einen Eindruck von unserer Arbeit verschaffen und nach einem gemeinsamen Mittagessen kommen Vertreter:innen der Presse und Rundfunk. Unser Direktor hatte uns vor einer Woche gebeten, da mitzugehen und Fotos zu knipsen und einfach ein bisschen zu begleiten. Das hat und löst immer noch Angst und ein bisschen Stress aus, aber wir versuchen uns an die Gruppentherapien zu erinnern. Dort waren so hilfreiche und aufschlussreiche Gespräche. Die Gruppen waren einfach immer der Hammer. Und was ich mir behalten habe ist vor allem unsere eigene Feststellung: „Wir haben jedes Mal vor solchen Aufgaben panische Angst und sind Tage vorher in unendlichem Stress und in Ohnmachts-Gefühlen, aber im Nachhinein waren die Leute mit uns immer zufrieden und wir haben festgestellt, dass es viel weniger schlimm war, als wir dachten.“ Und so versuche ich da heute auch hinzugehen: Wir machen das schon. Wir kriegen das schon hin. Und selbst wenn irgendwas Unangenehmes passiert, dann passiert das halt. Ein Mensch ist fehlerhaft und das darf er sein. Und wenn das jeder sein darf, dann wir auch.