„Therapeutische Beziehungen“ (J)

Wie es uns gestern ging, kann ich nicht mehr reflektieren. Mittags, als wir Zuhause ankamen, kam ein Anruf von Klinik A (14 Tage maximal, denn nach 14 Tagen sind Krisen vorbei. Wusstet ihr das noch nicht?) Spaß beiseite, ich finde begrenzte Aufenthalte nicht schlimm, aber den Sinn dahinter verstehe ich nicht. Klinik A ist auch die Klink in der wir waren, als wir letztes Jahr im März wegmussten. Also wo wir eigentlich gute Erfahrungen gesammelt haben. Allerdings eine andere Station. Sie wollten, dass wir schon heute (also gestern) kommen. Wir sagten, total überfordert: „Ähm. Nein“, auf die Frage, ob wir denn die Möglichkeit hätten. Wir erklärten, dass wir einen Hund haben und das mindestens einen Tag vorplanen müssen. Wir sagten ihnen eigentlich für morgen (heute) um 10 Uhr zu. Schon da mussten wir nach dem Telefonat lachen (Mona war zu Besuch und Elly, Mona und ich saßen draußen im Garten). Wir hatten gerade erst Mona von der E-Mail an die Betreuer erzählt und dass die sich bestimmt sowieso wieder ewig nicht melden würden.

Nach dem Anruf haben wir auf unserem Handy eine SMS von Frau Blume gesehen, dass sich Klinik B gerade bei ihr gemeldet hätte und sie auch einen Platz frei hätten – sie würden sich im Laufe des Tages bei uns melden wollen. Absurd. Wir schrieben dann nur noch zurück, wir seien jetzt völlig überfordert.

Direkt im Anschluss mussten wir auf die Toilette und während wir auf dem Töpfchen saßen, rief Frau Blume an. Übrigens hat sie dafür ein Talent. Als würde sie wissen: „Jetzt gehen sie auf die Toilette. JETZT rufe ich an.“ Ufz. Wir haben uns nicht die Ruhe genommen unsere Blase entspannt zu entleeren, bevor wir ans Handy sind. Sie hat auch wirklich lange klingeln lassen. Sie fragte, ob sie stört. Wir können ihr ja wohl kaum sagen, dass sie immer zu unseren Pipi-Pausen anruft 😀

Jedenfalls sagten wir ihr dann am Telefon, dass uns Klinik A auch gerade eine Zusage gegeben hätte. Sie musste lachen. Wir erklärten, dass wir jetzt wirklich überfragt sind und nicht wissen was wir wollen. Intuitiv hätten wir für Klinik B gestimmt. Vermutlich weil dort auch fast alle unsere „Freunde“ (also Gleichaltrige) waren und nur Gutes berichten. Dann meinte Frau Blume auch, naja, in Klinik A müssten wir ohne Wenn und Aber nach 14 Tagen gehen und die haben sich sowieso ewig Zeit gelassen mit dem melden. Vor bald über einem Monat meinten die ja zu ihr, sie würden sich „nächste Woche“ melden. Wir sagten, dass wir dann Klinik A absagen und Klinik B wählen. WENN wir schon einmal eine Wahl haben, nachdem uns alle nur abgewinkt haben, dann nutzen wir die doch auch! 😀

Wir haben Klinik A angerufen und bescheid gesagt, dass wir morgen/heute doch nicht mehr kommen. Wir erklärten ihr, dass sich noch eine andere Klinik melden wolle und wir eher zu denen tendieren. Die Frau am Telefon war sehr nett und fragte, ob sie uns dann von der Warteliste nehmen soll. Wir sagten, sicherheitshalber bitte nicht, falls das „wir melden uns heute“ bei Klinik B auch vier Wochen dauert. Und wir meinten zu ihr, wir würden uns diese Woche noch einmal melden, falls sich Klinik B doch nicht mehr meldet. War für sie kein Problem.

Dann waren wir nachmittags bei Frau Blume und wir sind mit ihr den Chat mit J durchgegangen. Wir haben ihr unser Handy gegeben, weil die ganze Situation unglaublich frustrierend war. Wir haben 20 Minuten lang versucht den Chat widerzugeben, aber es war, als würde man mir die Worte aus dem Mund klauen. Sie waren zwar in meinem Hirn, aber sobald ich sie aussprechen wollte, war es weg.

Wir erklärten ihr, wie verwirrt wir über seine Fragereien sind und sie meinte, es sei doch unglaublich klar, wieso ihn ausgerechnet diese Fragen interessieren. Wir schauten sie völlig verwirrt an, weil wir überhaupt nicht in ihre Gedankenwelt eingestiegen waren. Sie meinte: „Na, ist doch klar. Was ist denn das allerwichtigste in einer Therapie?“ Ich glaube, wir haben sie angeschaut wie ein Fisch und haben uns auch ein bisschen wie bei einer mündlichen Prüfung gefühlt. Ich hatte keine Ahnung worauf sie hinaus will. In der Therapie war oder ist für uns eigentlich das Wichtigste, dass wir für uns immer wieder mal etwas mitnehmen können, was uns dann im Alltag weiterhilft. Also war unsere… „Stotter-Ähm-Antwort“, dass man sich irgendwann selber irgendwie in schweren Situationen helfen kann. Aber sie hat den Kopf geschüttelt… Und wir waren verwirrter als je zuvor in unserem Leben, weil seit wir 14 sind, alle, wirklich alle Therapeuten, genau das zu uns gesagt haben. Nachdem wir nicht drauf gekommen sind, erklärte sie, dass die therapeutische Beziehung die wichtigste Grundlage einer Therapie ist. Okay. Da waren wir dann auf einmal wirklich total durcheinander. Zum Einen… wir können uns unter einer therapeutischen Beziehung nichts, wirklich gar nichts vorstellen. Wir hatten (bis auf zu Frau Honig) noch nie eine emotionale Einstellung/Bindung/Beziehung (man nenne es, wie man möchte) zu unseren Therapeuten. In ihren folgenden Aussagen verstanden wir, dass es um das Vertrauen geht und sie meinte, es wäre doch für die Täterseite schlimm, wenn wir anfangen würden einer Person außerhalb unseres Netzwerkes zu vertrauen. Wir schüttelten da aber (innerlich zumindest) den Kopf und erklärten ihr, dass wir das nicht wirklich verstehen oder anderer Meinung sind. Was soll so schlimm für unsere Bekannten sein, wenn wir anderen Menschen vertrauen?

Wir erklärten ihr, dass es für uns nicht das Problem ist. Wir könnten jetzt, in dieser Sekunde, aufstehen, zu einer wildfremden Person auf der anderen Straßenseite laufen und ihr von unserem Leben erzählen. Alles. Ich konnte ihren Blick darauf nicht deuten. Aber irgendwie fühlte ich mich gezwungen ihr noch zu sagen „Aber nur, weil ich weiß, der würde mir eh kein Wort glauben“.

Zwischendurch kann ich mich nicht mehr an alles erinnern. Ich weiß nur, dass wir es nicht 100% verstehen. Wieso sollte eine therapeutische Beziehung eine Gefahr für unsere Bekannten sein? Bzw. eben für die Täter? Therapeuten sind keine Menschen, die viel Bedeutung im Leben eines Menschen haben. Sie kommen und gehen, früher oder später werden sie nur noch ein Mensch gewesen sein, der (im besten Fall) mehrere Jahre in ihrer Praxis gegenüber im Stuhl saß und (in noch besserem Fall) hilfreich war, um sich selbst irgendwann zu helfen. Aber sie sind so verdammt austauschbar. Genauso wie Patienten verdammt leicht austauschbar sind. Ich glaube, unser Hirn ist einfach in den letzten Jahren so extrem darauf gepolt worden, dass man sich sowieso nur selber helfen kann, dass Therapeuten für uns nie etwas anderes sein werden, als nur irgendein Werkzeug, zu dem man kein Bezug herstellen kann. Und das haben ausnahmsweise Mal nicht „Täter“ bei uns gepolt, sondern bis auf Frau Honig jeder einzelne von den verschiedenen Therapeuten die wir hatten. Die selbst haben uns seit Anfang an beigebracht: Zu Therapeuten baut man keine Beziehung auf, Distanz ist das A und O. Und damit können wir vermutlich sogar besser umgehen als mit irgendwas anderem, weil wir Therapeuten auch noch nie als etwas anderes als Werkzeug gesehen haben. Und wir fänden es schon ziemlich komisch, wenn wir irgendeine emotionale Bindung zu unserem Staubsauger z.B. aufbauen würden 😀

Was natürlich nicht heißt, dass wir Therapeuten nicht mögen können. Unseren Kühlschrank mögen wir auch. Den lieben wir sogar 😀 Aber wir können Gegenstände und Menschen komischerweise lieben oder mögen, ohne emotionale Bindungen aufzubauen. Ist das schräg? Ich finde, das klingt auch wieder total Borderline 😀 Ein Teil von uns hat auch sicher eine BPS.

Jedenfalls hat mich das Gespräch sehr verwirrt und das war im Endeffekt auch der grundsätzliche Teil, der mir hängen geblieben ist von gestern. Es fällt uns (oder mir und ich denke uns Alltagspersonen zumindest) unfassbar schwer irgendwas mit einer emotionalen Bindung zu Menschen anzufangen. Wir wissen was es ist. Wir haben sie zu sehr wenigen. Zu unserer Cousine und unseren Patenkindern zum Beispiel. Wir lieben diese drei Menschen in unserem Leben bedingungslos. Da ist auch ganz viel Zuneigung und Kraft da. Also, dieses Gefühl macht stark. Auch unsere Ex-Freundin gehört in diese Rubrik. Aber das sind auch schon alle Menschen wo wir sagen würden, da ist so eine richtige emotionale Bindung da. Bei allen anderen… sie können kommen und gehen, aber da rührt sich bei uns nichts. Zumindest nicht wirklich. Wir mögen sie, einige lieben wir sogar, aber da ist halt einfach nicht diese Bedingungslosigkeit dahinter oder die Kraft, die wir spüren, wenn wir in die Emotion gegenüber unserer Cousine und unsere Patenkinder gehen. Ist das verständlich, was wir versuchen zu erklären?

Und wenn wir schon zu „normalen“ Menschen, wie Freunden oder Familie keine wirklich standhafte emotionale Bindung aufbauen oder sie zumindest nicht spüren, wie zum Teufel dann bei einem Therapeuten, der faktisch für uns „nur“ Werkzeug ist? Ich finde es verdammt schräg. Und versteht mich nicht falsch. Für viele von uns ist Frau Blume ein verdammt tolles Werkzeug. Sie ist… nicht nur ein grauer Staubsauger der Fussel wegsaugt, sondern ein kunterbunter Staubsauger mit Polierfunktion zum Beispiel. Den finden wir genial. Aber kann man sowas schon eine Art Beziehung nennen? Kann man zu Staubsaugern eine Beziehung aufbauen? Ich muss gerade plötzlich lachen, weil ich mich an J erinnere, wie er vor zwei Tagen darüber lachen musste, dass wir Therapeuten immer mit Gegenständen vergleichen. Ist uns vorher nie aufgefallen (also, bevor er das angemerkt hat).

Ja, wir sind schon manchmal komisch, ich weiß. Übrigens kam dieser Vergleich, weil J uns fragte ob wir uns vorstellen könnten, uns von Frau Blume trösten(umarmen) zu lassen, wenn sie es anbieten würde. (Ja, solche und ähnliche Fragen hat er ständig gestellt – absurd, echt). Und wir mussten über die Vorstellung total lachen, weil 1. haben wir uns gefragt, wozu man Menschen überhaupt umarmt, außer z.B. zur Begrüßung und 2. schrieben wir dann eben, dass unser Hirn diese Vorstellung gar nicht visualisieren kann, weil das ist als würde man uns fragen, ob wir uns vorstellen können, dass unser Laptop uns umarmt. Habt ihr schon einmal einen Laptop jemanden umarmen sehen? 😀

Oh man, er hat so viele komische Fragen gestellt. Nicht nur ob wir sie mögen, sondern auch was wir an ihr mögen. Ob wir nicht Angst hätten, dass sie schwanger werden würde oder wegziehen müsste und plötzlich weg wäre. Wir haben ihm nichts Anderes geschrieben als hier auch: Ja, wir mögen sie. Nö, es wäre nicht schlimm, wenn sie plötzlich weg wäre. Als er gefragt hat, wieso wir es nicht schlimm fänden, wenn wir sie doch mögen, konnten wir darauf nicht antworten. Hallo? Unsere Ex-Freundin ist der Mensch der uns bisher im Leben am tiefsten im Herzen berührt hat und wir haben sie davon überzeugt, dass sie nach Griechenland ziehen soll, weil wir ihr angesehen haben, dass sie dort glücklich ist! Und es hat uns nicht die Bohne wehgetan und keinen einzigen Tag haben wir an so etwas wie Verlustschmerz oder so gelitten. Mal abgesehen davon, dass wir bis heute (das war 2017) nicht das Gefühl haben, als wäre sie wirklich weg, weil die emotionale Bindung(!) eben so stark ist, dass da nicht einmal die Entfernung etwas dran rütteln kann. Und dann soll uns das etwas ausmachen, wenn ein Therapeut „plötzlich weg“ ist? Irgendwie ist das so banal, dass es sich bei uns im Magen kringelt, weil wir innerlich drüber Lachen müssen.

Es war blöd, dass die Therapie bei Frau Honig vorbei war und wir haben wirklich damit zu Kämpfen gehabt. Aber nicht, weil wir sie in dem Sinne vermissen oder vermisst haben, sondern hauptsächlich weil es für uns wieder hieß: „Toll, wieder alles auf Anfang“ und einfach damit sofort die Kapitulation da war und wir gesagt haben LECKT MICH, kein Bock mehr. ES NERVT. Wisst ihr, wie ich meine?

Tja… ich weiß nicht, ob ich diese „therapeutische Beziehungssache“ jemals kapieren werde. Frau Blume hat versucht es uns zu erklären, aber ehrlich gesagt klang das für uns einfach außerirdisch. Wir haben ihre Sprache gefühlt da einfach nicht verstanden. Wie als würde unser Hirn da einfach keine Verbindungen schließen können. Ein Fisch kann auch nicht anfangen zu laufen. Dem fehlen die Beine.

Jill

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