Nach drei Wochen – und wir fühlen uns wie vor drei Wochen (H)

In einer Stunde geht es für uns los zur Arbeit und ich fühle mich völlig aufgeschmissen. Teilweise. Ein anderer Teil hat nicht die geringste Emotion dazu. Aber ich habe irgendwie Angst. Richtig starke Angst. Ich meine, wenn mich in den letzten drei Wochen schon nach 15 Minuten total ruhiges Aufräumen ausgebootet hat, und zwar in dem Maß, dass in meiner Gedankenwelt einfach absolut nichts Anderes mehr vorhanden war, als uns wegzumachen, weil uns die Überforderung nach 20 Minuten so totgeschlagen hat, dass sie nicht anders auszuhalten gewesen wäre,… wie soll das dann heute in der Arbeit werden, wo nicht einmal wir selber nur Ansprüche an uns haben, sondern vor allem auch unsere Chefin und der Direktor? Sein Satz, dass er ja eine arbeitsfähige Mitarbeiterin von uns erwartet, wenn er uns nach Ablauf des befristeten Vertrags übernehmen soll, hängt uns seitdem echt massiv in den Ohren. Ich verstehe nicht, warum ausgerechnet jetzt unsere Funktionalität komplett auseinander bricht. Wir bestehen doch nicht umsonst aus gefühlt zwanzigtausend Außensystemen die Funktionalität aufrecht erhalten soll. Wozu sind wir denn so viele Systeme, wenn es dann keiner mehr schafft abzulösen und weiterzumachen? Das war doch in Vergangenheit auch immer so. Hat doch immer irgendwie funktioniert! Wieso jetzt auf einmal nicht mehr?

Ich habe Angst, dass sobald wir Outlook später öffnen, schon allein davon total in die Überforderung kommen und wir wie ohnmächtig minutenlang nur pre-kapitulierend vor dem Bildschirm sitzen. Ich habe im Gefühl, dass allein schon der Blick in das Postfach die Energielosigkeit auslösen wird, die 15 Minuten Aufräumen bei uns zurzeit schon auslösen.

Und trotzdem quälen wir uns lieber da durch, als noch einmal zum Arzt zu gehen. Vorher laufe ich vor ein rasendes Auto, bevor wir einen Schritt in diese Praxis machen. Ich glaube uns war schon lange nicht mehr etwas so peinlich. Diese Panikattacke im Wartezimmer ist vergleichbar mit einem Durchfall in der Öffentlichkeit. In weißer Hose.

Ich weiß einfach nicht mehr weiter. Oder in dem speziellen Fall jetzt wissen wir ja scheinbar alle nicht mehr wirklich weiter, sonst würde ja endlich mal wieder etwas passieren. Also funktionell meine ich. Ich frage mich aber auch, ob wir diese Funktionalität mit unserer Aktion jetzt nicht sogar erzwingen werden? Also ich meine, so labil und mega mega arbeitsunfähig wie wir gerade sind, uns heute ins Büro zu wagen… das müsste ja ein Systemwechsel fast schon erzwingen, oder? Oder dissoziieren wir heute vielleicht wirklich die ganzen vier Stunden rum? So halb zumindest? Ich habe keine Ahnung.

Und am Nachmittag sehen wir Frau Blume. Ein Teil von mir hat vor der Therapie wahnsinnige Angst. Ein anderer Teil ist unendlich erleichtert sie zu sehen weil in der einen Stunde fühlen wir uns zumindest EIN BISSCHEN stabiler oder zumindest halt in der Labilität ein bisschen gestützt. Woher die Angst vor heute kommt kann ich irgendwie nicht mehr genau sagen. Wir hatten die letzten zwei Tage richtig, richtig intensiven Kontakt mit J und Samstag hat er uns von morgens bis abends über unsere Beziehung zu Frau Blume ausgequetscht. Nicht über Frau Blume selber, sondern wirklich nur wie wir zu ihr stehen. Da waren Fragen dabei, ob wir sie mögen, was wir an ihr besonders mögen, ob es für uns schlimm wäre, wenn sie plötzlich schwanger werden würde oder plötzlich umziehen würde und somit weg wäre. Zwischendurch waren wir total genervt und irgendwie auch wütend. Er hat ja in Vergangenheit schon einmal Andeutungen gemacht, dass er sich von ihr „mehr Hilfe“ erwartet. Aber wieso er? ER geht doch nicht in Therapie und ER kennt sie nicht. Es hat uns sooo wütend gemacht. Besonders als er dann plötzlich anfing sie abzuwerten. Aber zu dem Zeitpunkt waren wir sowieso schon total entnervt. Und dann haben wir total zurückgeschossen. Und dann hat er in großen Tönen von der Therapeutin gespuckt, zu der eine Freundin von ihm geht. Gestern ging es dann weiter. Also zum Teil. Ich kann mich nicht erinnern, was gestern war. Er schrieb nur auf einmal irgendwann um halb zehn oder so, wir sollen so etwas nie wieder machen und ob wir jetzt in der Klinik wären. Und wir schrieben ihm darauf, nein, „sie“ hätte uns in die WG zurück gebracht. Bei ALLEM: Ich habe KEINE Ahnung wo wir waren oder wer uns weshalb in die WG anstatt in die Klinik gebracht hat! Aber irgendwo im weiteren Verlauf hat er gefragt, ob wir uns „deshalb umbringen wollten“… also gehe ich davon aus, dass wir gestern fast irgendwas Dummes getan hätten. Ich habe aber keine Ahnung wer uns davon abgehalten hat. Es muss jemand von dort gewesen sein, weil J sonst nicht unmittelbar davon gewusst hätte… auf jeden Fall.. jaa, pure Verzweiflung hier und da, irgendwo im Chat sind wir gewechselt, weil ich erinnere mich als nächstes nur noch, wie wir Sie & Co schreiben, dass wir gerade gar nichts wirklich fühlen, sondern nur ein extremer Druck in der Stirn ist, als wäre da ein Rauch ausgebrochen. Ich könnte den Chat nochmal komplett durchlesen, das weiß ich. Aber irgendwas in mir hat enorme Angst davor, als könnte das irgendwas triggern und mich jetzt noch unfunktioneller machen, als wir sowieso schon sind. Oh man, es ist einfach alles nur noch ein einziges Chaos. Kaum sind wir wach, wünschen wir uns schon uns im Laufe des Tages einfach umzubringen. Nur kommt uns dummerweise immer etwas dazwischen. Zum Beispiel Kaffee trinken mit Mona. Oder Therapie. Und ja, es soll so absurd klingen wie es ist. Wer sich wirklich umbringen will, lässt sich doch nicht von einem Kaffeekränzchen davon abhalten, oder? Ja, denke ich irgendwie auch. Aber tut es. Weil allein schon das in Empfang nehmen von Besuch uns energiemäßig so ausknockt, dass wir nicht einmal mehr die Kraft haben darüber nachzudenken, was die schnellste und einfachste Methode wäre sich umzubringen. Und weil wir verdammt Feiglinge sind, kommt nach wie vor nur der Sprung in 80 Meter Tiefe in Frage, weil alles Andere nicht 100 % ist. Aber für diesen Sprung in 80 Meter Tiefe müssen wir entweder eine Fahrt mit dem Bus dahin „organisieren“ – also schauen wann der Bus fährt – was aber schon zu viel des Guten ist, oder mit dem Taxi fahren, was wir aber auch nicht aushalten würden, weil wir alle Taxifahrer hier kennen. Und sie reden wollen. Alle reden. Nervig. Kotz.

Egal, wir machen uns jetzt langsam mal auf den Weg zur Arbeit.

Hanna

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