Ich möchte zerfallen, aber der Windhauch fehlt.

Es gibt Dinge im Leben, die sind so brüchig wie ganz feines Porzellan. Als bräuchte es nur einen Hauch, damit es in sich zusammenfällt. Ähnlich einer verwelkten Blume, die im Windstillen ihre ganzen Blüten am seidenen Faden um den Hals trägt. Nur ein kleines Lüftchen aus der Ferne – zerfallen.

In manchen Momenten finde ich mich wider. Dann laufe ich durch den Wald, zum Beispiel, denke an die Achtsamkeit. Denke daran, dass sich Brennnessel um meine Beine schmiegen, dass sich Insekten an meine nackten Arme klammern – frei von blauen Flecken, bis auf dem einen von letzter Woche, bei dem ich mich an der Türklinke gestoßen habe. Der Fokus richtet sich jetzt eher auf die Narben, die nicht mehr verschwinden werden: Einstiche von Nadeln, die wir nie verheilen lassen haben, weil wir sie unter Anspannung immer wieder aufgekratzt haben. Erinnerungen, die nicht zerfallen wie eine verwelkte Blume, sondern die sich in die Haut gegraben haben. Für immer. Ich versuche die Düfte um mich herum wahrzunehmen, versuche an die Achtsamkeit zu denken, ans Hier und Jetzt und merke dabei doch, dass ich ganz wo anders bin. Nehme weder Mona neben mir wahr, noch Jimmy an der Leine. Spüre die Insekten nur für einen kurzem Moment, genauso wie die Brennnessel um meine Beine und die Düfte in meiner Nase. Achtsamkeit funktioniert nicht, denn mein Körper fühlt sich „bäh“. Von dem Moment an, als er aus der Haustür getreten ist, möchte er unter die Dusche – fühlt sich dreckig, fühlt sich ungewaschen, fühlt sich zu dick und zu schwer und zu erstickt. Die Haare, die gestern in Mias Bandana gesteckt waren, legen sich als Locken in meinen Nacken und ich spiele mit ihnen, möchte sie aufdröseln, möchte sie nicht spüren: Möchte, dass auch sie wie feines Porzellan zusammenfallen oder wie eine verwelkte Blume verwehen. Und überhaupt möchte sich mein Körper in Staub auflösen und mit dem Wind davon wehen, der dankenswert hin und wieder mein Gesicht streichelt.

Der Sommer naht. Die Hitze naht. Und ich weiß, dass sich der Körper deshalb so fühlt. Er möchte sich in dieser Hitzezeit auflösen. Verschwinden. Irgendwo in der Luft mit der Unsichtbarkeit Eins werden.

Die Achtsamkeit beim Spazierengehen ist nicht gelungen, dafür aber umso mehr beim Duschen. Das Syoss Shampoo wurde gegen Elvital ausgetauscht. In unserem Schrank stehen vier verschiedene Shampoos. Alle halb angebrochen – oder noch gar nicht. Denn jeder von uns, ob man es glaub, oder nicht, hat ein anderes Hautbild. Umso länger xy den Alltag übernehmen, desto brüchiger werden die Haare. Umso länger yz den Alltag übernehmen, desto trockener wird die Kopfhaut. Beispiele. Wenige von vielen. Also wechsele ich unsere Shampoos wieder – nehme meine vertrauten von Elvital, komme mit dem Duft in den Haaren auch mehr im Jetzt an. Das bin ich. Ich bin hier. Das Hier ist jetzt. Ich bin da. Ich seife meinen Körper ein, ganz bewusst. Wasche meine Haare aus, steige aus der Wanne, wickele die Haare in ein Kopftuch und trage eine Gesichtsmaske auf. Einfach nur fürs Wohlbefinden. Das ist meine Achtsamkeit. Das bin ich und ich bin hier. Ganz bewusst. Für den Moment in den frischen Klamotten, mit duftender Haut auf dem Stuhl im Garten mit einem Buch in der Hand, fühle ich mich wieder okay. Nicht mehr dreckig, nicht mehr schwer, nicht mehr erstickt.

Doch nur wenige Stunden später auf der Couch, es dunkelt, es wird ruhig, das Abendessen liegt schwer im Bauch, obwohl es bloß ein gebratener Kloß mit Rührei und Salat ist, fühle ich mich plötzlich wieder schwer, nicht ganz da, irgendwie verschwunden, wieder so brüchig wie feines Porzellan oder wie eine verwelkte Blume, die vergebens auf einen Windhauch wartet, um zu zerfallen oder wie Staub, der mit dem Wind davonwehen möchte. Und ich kann nicht danach greifen, nach dem Grund.

Ich denke an einen Menschen, an den ich mich gerade gerne anlehnen wollte, um wenigstens das Nichtauflösenkönnen auszuhalten. Möchte an ihrer Schultern lehnen, ihre Arme um mich spüren und wissen, dass ich bei ihr so sein darf – eine verwelkte Blume, die irgendwie nicht zerfallen kann.

Ich möchte es schaffen. Das alles. Ganz wirklich.

Aber es ist einfach nicht immer so einfach.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s