Beziehungen sind nie einfach [M.]

… Kommunikation genauso wenig.

Wir sind müde. R. ist heute schon um vier Uhr aufgestanden, obwohl wir gestern lange mit B verabredet waren. Am Mittwoch und gestern waren wir mit ihr bis Mitternacht unterwegs. Gestern tat es sehr gut, auch wenn wir am Anfang nicht so ganz bei der Sache waren, weil sich einige aus unserem System per Mail an R. gewandt haben (einschließlich mir) und sie mit den Dingen konfrontiert haben, die sie einfach nicht hören will, obwohl sie wichtig sind.

Zugegeben sind Riri und Raven nicht die angenehmsten von uns, um mit so etwas drüber zu reden, weil sie eher auf Angriff gehen, bevor sie verletzt werden. Ich verstehe beide Seiten, sowohl die von R., Mika und Co., als auch die aus meinem System, auch wenn ich eher zu meinen Leuten tendiere, weil wir einfach ähnlich ticken. Wir sind weniger die Gefühlsmenschen (schon auch), aber wir müssen vieles analysieren, verstehen und benennen können und wenn Situationen auftauchen, vor allem zwischenmenschlich, was nicht greifbar oder nicht einschätzbar ist, werden wir nervös. Gar nicht primär, weil wir den zwischenmenschlichen Beziehungen, die man nicht benennen kann, nicht trauen, sondern einfach weil wir uns sehr schwer damit tun, etwas nicht benennen zu können. Das muss ungefähr so ein unbehagliches Gefühl sein wie für Menschen die gegen irgendwas eine Intoleranz haben, und auf einmal gibt es aber keine Nährwertangaben mehr auf den Nahrungsmitteln.

Trotzdem versuche ich R. und Mika & co. zu verstehen. Allerdings wünschten wir uns dann auch ihr Verständnis und deshalb sind wir miteinander über E-Mail seit einer Woche im Kontakt, wobei R. uns erst gestern geschafft hat zu antworten. Am 17. hat Riri ihr das erste Mal eine Mail geschrieben, weil wir sie anders nicht erreichen. Im Kopf blendet sie uns aus und hört einfach nicht hin oder spaltet und gezielt ab. Vermutlich, weil wir sie verletzt haben, was aber nicht unsere Absicht war.

Im Kommunikationsheft sind wir nie tätig. Das ist nicht unser Ding. Ich kann mich auch nicht erinnern jemals handschriftlich etwas geschrieben zu haben. Allein die Vorstellung einen Stift in der Hand zu halten, fühlt sich extrem anstrengend und nach Fingersport an. Total seltsam sowas zu lesen, wenn man ja weiß, dass andere von uns viel und gut und gerne schreiben, aber da ich nie im Außen bin/war, wo ich schreiben musste, habe ich damit überhaupt keine Erfahrung und auch gar kein Gefühl dafür. Ich könnte nicht sagen wie es sich anfühlt einen Stift in die Hand zu nehmen und auf ein Blatt zu schreiben. Die Vorstellung wie sich das anfühlen könnte ist aber so dermaßen komisch, dass es mir ne Gänsehaut bereitet. Sorry, total der Off Topic, aber das musste ich jetzt mal kurz los werden.

Also haben wir uns entschieden, R. über unseren eigenen E-Mail Account zu schreiben. Das hat wunderbar geklappt und geht viel schneller als über das Kommunikationsheft.

Wir haben ihr geschrieben, was die ganze Situation bei uns auslöst und sie mit den Dingen konfrontiert, die einfach nicht abzustreiten sind. Sie sind da. Wenn die Nacht hereinbricht, existiert die Sonne trotzdem noch, auch, wenn wir sie nicht sehen. Und solche Klarheiten zu leugnen wäre die Bestätigung von großer, großer Angst. Da sind R. & Co ganz anders als wir.

Wenn wir in Angst geraten vor Verletzung oder Enttäuschung, gehen wir in die Tat. Wir konfrontieren, kommunizieren und wollen verstehen. Wenn die Verletzung aber zu groß sein könnte, können wir Beziehungen innerhalb von einem Atemzug aufs Nötigste herunterbrechen und Gefühle abstellen wie auf Knopfdruck.

R. & Co sind eher so, dass sie die Augen vor Dingen die schmerzhaft sein können verschließen und so tun als wären sie nicht wichtig. Stimmt nicht, sagt sie mir gerade… (-Muriel…)

Stimmt wirklich nicht. Tut mir leid, ich kann und will das so nicht stehen lassen. Ich muss darauf eingehen, weil ich glaube, dass Muriel mich nicht ganz so gut kennt, wie sie meint. Hab sie gerade abgelöst. Nicht, weil ich ihr verbieten möchte sich zu unserer Situation zu äußern (und eigentlich wollte sie einen Eintrag über ein ganz bestimmtes Thema schreiben), sondern weil ich nicht will, dass hier Dinge über mich geschrieben werden, die so nicht stimmen. Wo sie Recht hat ist, dass ich lieber die Augen vor schmerzhaften Sachen verschließe und sie schönreden möchte. Das will ich gar nicht leugnen, das ist die Wahrheit. Aber was nicht stimmt, ist, dass ich sie als unwichtig abtue. Mir ist durchaus bewusst, dass es sehr wichtig ist auf alle Gefühlsregungen und körperliche Anzeichen einzugehen. Ich habe ja nicht umsonst schon oft erwähnt, dass ich irgendwo im Hintergrund spüre und höre und ich sie wahrnehme. Nur bin ich aktuell noch überhaupt nicht in der Verfassung darauf einzugehen. Unter anderem weil ich denke, dass es noch viel zu früh dafür ist. Es geht im Übrigen um die Beziehung zu jener Person, für die wir (scheinbar) viele von uns einer Meinung zu sein scheinen, was die Gefühle betrifft. Die Themen die Riri, Raven und Muriel in der Mail an mich angesprochen haben sind durchaus sehr wichtig, vor allem für uns als Ganzes, aber ganz gewiss noch nicht jetzt. Wenn das alles in einem Jahr noch genauso ist, dann würde ich vielleicht anfangen mir darüber Gedanken zu machen. Oder wenn wir in vier Jahren noch genauso für die Person empfinden wie wir nach vier Jahren immer noch für Carmen empfinden, wäre es vielleicht noch tausendmal wichtiger, Dinge anzusprechen. Aber nicht jetzt. Außerdem habe ich in der Mail, in der ich geantwortet habe, ja gefragt was wir tun könnten, damit es für uns alle irgendwie gut ist:

tempsnip

Es stimmt also auch nicht, dass ich ihnen nicht zuhören möchte oder nicht ernstnehme, was sie zu sagen haben und was ihre Sorgen und Ängste sind. Nur finde ich wirklich, dass es noch viel zu früh ist, um sich über solche Dinge Gedanken zu machen. Man kann doch nicht wissen, ob die Gefühle für eine Person in einem Jahr oder in zehn Jahren noch dieselben sind wie heute und ich finde Dinge dann deshalb noch komplizierter zu machen als sie eh schon sind, wenn sie noch gar keine Relevanz haben, sehr fragwürdig. Ich bin ja auch mit dem Motto großgeworden: „Das Leben ist ein Fluss, nichts, was man festhalten kann“, was vielleicht sinnprägend war dafür, dass wir nie eine tiefe, zwischenmenschliche Beziehung eingegangen sind (bis auf zu Carmen), weil wir-ich immer davon ausgehe, dass nichts für immer hält. Und das hören nun einmal 90 % der Menschen, die verliebt sind, überhaupt nicht gerne. Menschen die sich in uns verlieben, haben angst davor – meine ich zumindest mir einzubilden – weil wir ganz offen damit umgehen, dass wir uns an nichts binden und nichts versprechen (können). Und da wir Menschen, die aber sehr an ein Fürimmer glauben im Gegenzug unheimlich finden, verlieben wir uns so selten wirklich in jemanden. Wir finden diese aufeinandergehocke-monogame-Beziehungen á la „mit dir werde ich mein Leben verbringen, und alles für dich aufgeben“ sehr, sehr, sehr beängstigend. Wir sind nun einmal ein sehr menschen-unabhängiges System, das besser (und lieber) alleine lebt als mit jemandem zusammen. Deshalb brauchen und suchen wir auch nie gezielt nach irgendwelchen (Liebes)Beziehungen. Wenn dann aber mal jemand in unser Leben trifft, wie Carmen – so unerwartet wie man Sternschnuppen am Nachthimmel sieht, dann kommen da natürlich auch gewisse Wünsche und Sehnsüchte und Gedanken (ich rede nicht von sexuellen Sachen, sondern von dem Wunsch, die Beziehung tiefer und ernsthafter einzugehen). Die sind menschlich. Deswegen tue ich das alles, was Riri und Raven & die Anderen sagen überhaupt nicht beschwichtigen, nur finde ich, dass es noch überhaupt nicht an der Zeit ist. Wir kennen die besagte Person zwar übers Knie gebrochen fünf Jahre, aber das, was sich an Gefühlen in uns entwickelt hat, hat erst vor einem halben Jahr in einem sehr, sehr langsamen Prozess im Hintergrund angefangen. Jetzt sind sie da. Es ist wie es ist. Und selbst wenn sich da unsere Gedanken alle irgendwo kreuzen, bin ich fest davon überzeugt, dass es Dinge gibt, die viel Zeit brauchen; und eben: Dass nichts Fürimmer ist! Ja – und hier spricht mir Muriel gleich wieder in die Gedanken, dass es nur so sei, weil ich-wir es nie anders kennengelernt haben, das glaube ich aber nicht. Außerdem bin ich da auch ganz anders als Riri und Raven. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob sie genauso wenig an ein Fürimmer glauben wie ich, aber ich weiß, dass sie lieber erst gar nichts versuchen oder es schnell wieder abbrechen, bevor etwas so zu Ende geht, dass es schmerzt. Oh Gott, was hatten wir damals bei Carmen schon solche Diskussionen! Ich hingegen habe keine Angst davor, trotzdem sehr hingebungsvoll zu lieben und meine Gefühle nicht abzustellen, nur weil es früher oder später vorbei ist. Wenn alle Menschen so denken würden, müsste keiner mehr irgendeine Beziehung eingehen und das wäre ein Armutszeugnis, wie ich finde.

Das war jetzt mal mein Statement zu dem, was Muriel vor mir noch geschrieben hat. Ich weiß, sie wollte eigentlich zu Beziehungen allgemein etwas schreiben, es war nicht meine Absicht sie zu unterbrechen, aber ich konnte mich nicht zurückhalten. Gott bin ich müde. Ja, ich bin um vier Uhr aufgestanden, weil ich heute Früh duschen wollte. Da ich diesen Alltag noch nicht ganz gewohnt bin (auch wenn ich jetzt schon einige Wochen so etwas wie einen „Host spiele“) wusste ich nicht, wann ich aufstehen soll um mich noch vor der Arbeit zu duschen. Vier Uhr war definitiv zu früh, ich saß dann nämlich noch zwei Stunden auf der Couch rum, bevor ich losgeradelt bin. Immerhin habe ich die Zeit genutzt, um Muriel in der Mail zu antworten.

Vermutlich versteht hier sowieso keiner ein Wort, weil wir so um den heißen Brei reden und keiner sich wirklich traut auf den Punkt zu kommen, dass wir uns eigentlich nur diese Person an unsere Seite wünschen (zumindest aktuell, weil wie gesagt, man kann nie wissen wie die Gefühle in ein, zwei oder zehn Jahren noch sind), weil sich alles an ihr gut anfühlt. Wie sie mit uns redet, mit uns schweigt, mit uns lacht, uns anschaut und sogar uns berührt (emotional aber auch körperlich [nicht sexuell gemein]). Das ist der Punkt, um den jeder von uns herumredet. Und jetzt muss ich mir definitiv einen extra starken Kaffee holen, sonst schlafe ich mit dem Kopf auf der Tastatur ein.

– R.

 

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