Nicht mein Level [R]

Tut mir leid für den seltsamen Eintrag gestern Abend. Ich wüsste nicht, dass ich mich mit einem „Kumpel“ treffen wollte. Eigentlich war ich mit einer Freundin unterwegs. Ich denke bis 22:30 Uhr war ich ungefähr Zuhause und ich meine ich wüsste, was wir die ganze Zeit gemacht haben.. Als ich mein Handy zum Aufladen wieder anstecken konnte (mein Akku war irgendwann gegen 19/20 Uhr leer), sah ich einen Haufen Anrufe. Ich schrieb Ari zurück. Mona hatte ich ja unten im Wohnzimmer noch gesehen, aber ich wollte dringend duschen gehen. Ich war durchgefroren. Wirklich, deshalb bin ich kaum zur Tür rein, habe nur kurz im Wohnzimmer Mona und Jimmy Hallo gesagt und bin schnell unter die Dusche gesprungen. Irgendwie bekam ich das Gefühl nicht los, dass irgendwas seltsam ist. Mona wirkte… sie hat mich so angesehen. So, dass ich dann beim Duschen meinen Körper angeschaut habe. Wie gesagt, ich meine ja zu wissen, was gestern den ganzen Tag war, andererseits wusste ich nichts von dem „Punktpunktpunkt“ Eintrag – und dass ich mich mit einem Kumpel treffen wollte. Zwar wusste ich von dem Eintrag auch erst, nachdem ich meinen Körper vorsichtshalber mal begutachtet habe (keine Verletzungen), aber Monas Blicke am Abend haben mich sehr beunruhigt.

Als ich nach dem Duschen wieder runter bin, war Ari da. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Ich habe mich zwar sehr gefreut, dass sie da war, aber nicht aus diesem Anlass. Nicht, aus Sorge um uns. Ich habe mich bei ihr angelehnt und erst da habe ich gespürt, wie unendlich erschöpft ich eigentlich war und ihre Nähe wie ein langer Erholungsurlaub für das Gehirn ist. Manchmal meine ich, es richtig seufzen zu hören.

Als ich wieder etwas entspannter war, entschuldigte ich mich bei Mona dafür, dass ich länger weg war als geplant und bei Ari dafür, dass sie aus Sorge wieder hierher gefahren ist. Mein Akku vom Handy war leer und das Ladekabel von B hat nicht in mein Handy gepasst. Ich hatte sofort ein schlechtes Gewissen und habe B auch gesagt: „Oh nein, hoffentlich machen sich Mona und Ari keine Sorgen, wenn ich mich jetzt nicht zurückmelden kann!“… deshalb ist B mit mir auch sofort ins Auto gesprungen und wir sind nach Hause gefahren. Die Fahrt hat fast eine Stunde gedauert und ich hatte meine Nägel fast abgekauft, so nervös war ich, weil ich keine unnötige Sorge verbreiten wollte … Aber so ist das, wenn man Menschen nicht egal ist – sie sorgen sich und man selbst hat auch Verantwortung dafür, dass sie nicht verrückt werden. Ich hätte das Zweithandy mitnehmen sollen und ich hatte wirklich… – habe ich immer noch – ein sehr schlechtes Gewissen… Mona gegenüber sehr. Ari gegenüber zwar auch… aber sie gibt mir irgendwie das Gefühl, ich müsste mich nicht schuldig fühlen. Ich komme bei ihr einfach an – und zu mir. Bei Mona ist das anders. Bei ihr habe ich das Gefühl, dass jedes Mal, wenn etwas passiert (falls etwas passiert), ich in ihrer Schuld stehe. Noch schlimmer ist es, wenn eigentlich gar nichts passiert ist, wie gestern, und sie sich umsonst Sorgen machen…

Mein Kopf dreht sich schon wieder. Vom Gefühl her würde ich sagen… ich wünschte ich könnte die Zeit zurück drehen und vorausschauender Denken. Ladekabel mitnehmen, Zweithandy mitnehmen, es hätte zig Möglichkeiten gegeben. Daran denken, dass es Menschen gibt, die sich Sorgen wenn wir plötzlich nicht mehr erreichbar sind. So ein Fehler wird mir sicher nicht wieder passieren.

Als ich abends dann noch eine Weile an Ari lehnen durfte und irgendwann alles besser wurde und ich mich nicht mehr schlecht fühlte, sondern einfach glücklich, dass sie da ist, hat sie gefragt, ob es schön war mit B. Ich fing an zu erzählen wo wir waren. Merkte beim Erzählen, dass ich nicht viel Emotionen dazu habe, ich war nicht direkt im Außen. Da B ein wirklich ganz anderes Level an Energie hat als ich, ist meistens Fliege in ihrer Gegenwart im Außen. Fliege hat fast noch ein größeres Energielevel als Lou – oder besser gesagt: Ein Anderes. Sie sind auf andere Art und Weise immer im Maximum an Energie.

Aber ich konnte Ari erzählen wo wir waren. Im Real, am See, in der Stadt… Ich konnte Ari schmunzeln spüren und dann meinte sie „Ich habe keinen Bericht erwartet, ich habe mich nur interessiert, ob es schön war.“… hab an ihrer Schulter darüber gelächelt. Stimmt, das waren nicht die Antworten auf ihre Frage, aber ich hätte ihr sie nicht beantworten können. Ich war im Kontakt mit B wieder bei meinen Pythons beim Beobachten, aber ich denke, Fliege fand es schön. Fliege und B sind unzertrennlich und deshalb ist es sehr schwer, den Kontakt zu B einzuschränken. Manchmal habe ich das Gefühl, das täte uns beiden besser. Sehr wahrscheinlich hat B auch denselben Hintergrund wie wir. Sie hat auch eine DIS, aber sie kommt damit viel weniger zurecht als wir und manchmal würde ich ihr gerne helfen, würde gerne für sie da sein, aber sie ist sehr sensibel was das angeht und ich glaube auch da ist Fliege eher der richtige Kontakt. Mit Einfühlungsvermögen zieht sich B dann eher zurück und redet die Sache eher klein und nichtig. Wir hatten etwas über ein Jahr keinen Kontakt mehr zu ihr… Fliege hat sie sehr vermisst und auch andere aus den Schalensystemen, die sie damals, vor ungefähr acht Jahren, in der Kinder und Jugendpsychiatrie kennengelernt haben. Wir haben uns vom ersten Tag, den wir sie dort in der Klinik kennengelernt haben, wie seelenverwandt gefühlt und ich kann es nicht sagen – auch, wenn ich oft Angst habe, wir tun uns nicht gut – liebe auch ich sie zu sehr, als dass ich den Kontakt einschränken könnte. Es ging ein Jahr lang gut – und das geht es immer wieder, aber ich werde früher oder später wahnsinnig wenn ich nicht weiß, wie es ihr geht. B lebt total in einer Funktionswelt und spaltet extrem alles ab, was auch nur annähernd mit dem Hintergrund zu tun haben könnte, aus dem sie kam/kommt und auch alles, was mit der DIS zu tun hat, macht ihr nur Angst. Sie lacht zwar darüber, wenn sie über Dinge erzählt, aber ich spüre dass sie wirklich Angst hat. Manchmal würde ich sie einfach gerne in den Arm nehmen und mit ihr weinen, weil ich genau verstehe, wie sie sich fühlt, aber ich denke, sie würde sich eher in sich zurückziehen. Denn wenn es echt wird, wird es gefährlich.

Und weil wir eben so anders sind, vor allem seit wir uns bewusst für den Ausstieg entschieden haben, habe ich-und einige von uns dafür entschieden, den Kontakt abzubrechen weil wir nicht wissen, ob sie kaputtgeht daran, wenn sie unseren Weg mitbekommt. Sie kriegt beinahe Panikattacken, wenn sie von der Polizei hört oder sie irgendwo eine sieht. Sie lacht sie immer weg, aber ich spüre sie. Gleichzeitig möchte ich sie nicht anlügen, denn auch sie spürt sehr viel und sowieso sofort, wenn ich-wir lügen würden. Das hat schon oft zu Problemen zwischen uns geführt. Und letztes Jahr, als wir davor wieder fast ein Jahr Kontaktabbruch hatten, lagen wir uns wirklich fast weinend in den Armen, zitternd, weil wir uns versprochen haben uns nicht mehr anzulügen, weil wir uns zu wichtig sind und füreinander da zu sein. Nun… bis eben letztes Jahr unser Ausstieg noch realer wurde und wir doch wieder entschieden, den Kontakt abzubrechen, weil wir nicht wussten, ob wir sie nicht doch anlügen würden, um sie zu schützen, um sie nicht in Panik geraten zu lassen, um… na ja. Ich spüre zumindest immer, wenn es um das Thema geht, dass sich zwischen uns etwas bildet, wie eine Mauer. Ich spüre dann fast so etwas wie eine Art Feindseligkeit oder als würde eine Distanz entstehen, irgendwie ein Loch, aus dem geschrien wird „Wenn ihr weiter über dieses Thema redet, werdet ihr zu den größten Feindinnen der Weltgeschichte“. Und deshalb ist das Thema DIS, Ausstieg, Hintergrund… meistens nur eine Handbewegung oder wie ein kurzes Thema über das Wetter: Weil ich sie zwar schützen will, aber weil es immer wieder unweigerlich manchmal auf das Thema kommt und ich sie auch nicht anlügen möchte. Genauso wenig wie sie uns. Das war schon einmal anders. Letztes Jahr hat sie die DIS wieder geleugnet, war sich sicher, es läge an den starken Schlafmedis und dass sie wegen denen Halluzinationen bekommt und deshalb Erinnerungslücken hat… ich war mir sicher, dass es nicht daran liegt, habe ihr aber nicht widersprochen, ich dachte, sie würde früher oder später selber merken, dass es nicht an den Medis liegt. Gestern hat sie mich darauf angesprochen und ich war … berührt davon, dass sie mir das gesagt hat. Ich war so berührt, dass ich fast geweint hätte, weil sie sonst nicht gerne darüber spricht und weil ich oft das Gefühl habe, sie will mit mir gar nicht darüber reden.

Puh… es ist schwer, aber es ist, wie es ist.

B kennt mich ja persönlich überhaupt nicht. Gestern habe ich das erste Mal persönlich mit ihr im Außen gesprochen (eben als sie sich uns anvertraut hat damit, wie es ihr geht…), aber habe mich natürlich nicht zu erkennen gegeben. Den Rest des Tages war hauptsächlich Fliege mit ihr unterwegs und sie hatten Spaß.

Klar war ich abends dann, als B mich wieder Zuhause abgeliefert hat, sehr erschöpft. Wie gesagt, ist Fliege ihr Energielevel nicht im Geringsten das Meine und obwohl ich für mich selbst im Innen eher ausgeruht war, habe ich im Körper außen sofort die Erschöpfung gespürt. Umso dankbarer war ich dann, als Ari noch aufgetaucht ist, selbst wenn mir der Anlass nicht behagt, sie hätte sich keine Sorgen machen müssen – Mona auch nicht. Und für das nächste Mal weiß ich bescheid: Verantwortlicher mit uns und Mitmenschen umgehen, die uns und denen wir nicht egal sind. Zweithandy oder mindestens ein Ladekabel mitnehmen und regelmäßig melden, dass alles okay ist, wenn wir länger weg sind als geplant.

-R.

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