„Mehrgleisig fahren“

Heute war ein Ekeltag. Es ist gar nicht so einfach „im Augenblick“ zu sein, wie ich mir das vorgestellt habe. Beim Spaziergang durch den Wald, wo diesmal sogar Sally, Mona und Ella dabei waren, war ich nur bei mir, fühlte mich abgeschottet in einer kleinen Kugel, und als ich gedankenverloren seufzte, wie sehr ich mich auf ein Bad nach dem Spazierengehen freue, musste Mona los lachen: „Okay, du bist gerade auch in ganz anderen Sphären unterwegs“. Bin ich. Sie hatten gerade über dreckige Schuhe gesprochen, was irgendwie an meiner kleinen Kugel abgeprallt ist. Sie hat mir auch auf dem Weg das Stichwort „bums“ gegeben, um mich aufzuheitern, doch ich konnte überhaupt nicht mehr darüber lachen, obwohl wir gestern sehr lachen mussten darüber (Wir haben Anne Will angeschaut und sie benutzte in irgendeinem Kontext das Wort Bumsen, worüber Mona und ich schmunzelten und ich dann meinte: „HAben nur wir das bemerkt, oder wieso lacht das Publikum darüber nicht?“, und Mona voll los prustete, weil es seit einer Stunde – und nebenbei seit sechs Wochen – um Corona und Ausgangsbeschränkung geht und da gar kein Publikum ist zurzeit. Ich weiß nicht, wieso wir das so witzig fanden. Es war einfach ein Moment-Witz). Aber ich kann mich damit heute gar nicht aufheitern.

Ich fühlte mich den ganzen Tag eklig. Wollte duschen, aber konnte mich dazu nicht motivieren, wollte fressen, fühlte mich aber fett. Kann auch sein, dass ich bald meine Tage kriege, ich weiß es nicht (ich hab so typische PMS eigentlich nicht), aber auf jeden Fall war heute ein Würg-Tag.

Gegen Mittag kam dann aber Ari vorbei. Eigentlich wollte ich das nicht. Ich war so wütend. So wütend über die ganze Situation und wie sie sich entwickelt hat und dass man mich übergangen und gegen mein Willen gehandelt hat in der MEINUNG das Beste für mich zu tun (ich kann es schon nicht mehr hören). Ich hatte Angst, dass ich die Wut an ihr auslasse, wenn sie die Erste ist, die mir heute begegnet.

Ich erinnere mich nicht, wie sie kam, aber ich saß dann schon im Garten mit ihr und erwähnte kurz Gedanken über Wohnen und Arbeiten usw. … nur den kurzen Augenblick erinnere ich mit ihr. Na und dann noch einen Augenblick, wie sie neben uns sitzt und sagt, dass sie jetzt eigentlich das Bedürfnis hätte uns in den Arm zu nehmen sie aber darauf wartet, wenn wir das möchten und sagen. Ich war da, weil ich merkte, ja, eigentlich würde ich mich jetzt gern an jemandem anlehnen, aber mit Wut innendrinnen ist es schwer, jemanden an sich ran zu lassen, ist bei mir zumindest so. Ich glaube es vergingen ein paar Minuten, wie wir einfach neben ihr saßen. Ich glaube, sie ist sogar noch einmal aufgestanden um irgendwas mit Jimmy zu machen (vlt hat er sich wieder um einen Busch verheddert)… dann setzte sie sich wieder und ich überwand meinen inneren Schweinehund. Wieso soll ich mich nicht anlehnen, wenn ich die Möglichkeit habe und ich merke, dass wir das gerade brauchen? Also habe ich mich ein wenig steif an ihre Schulter gelehnt und hab uns dann auch von ihr in den Arm nehmen lassen. Dann liefen plötzlich ein paar Tränen. Ich weiß nicht einmal wieso. Nur ein paar. War dann schnell wieder vorbei. Sie hat auch irgendwas gesagt, aber ich erinnere mich nicht, ich war so mit den Emotionen beschäftigt, die kamen.

Eigentlich hätte uns das trösten sollen. Hat es vielleicht auch.. oder es hat die Wut in das umgewandelt, was es eigentlich sein sollte. Ich war nämlich den ganzen Tag über nicht mehr wütend. Nur erschöpft und ausgelaugt und verunsichert. Energie- und kraftlos. Ich habe nicht geweint, habe nicht geschimpft, nichts. Ich war in so einem komischen Empfinden heute.

Jetzt wird es allmählich besser.

Ich würde so gerne noch mehr schreiben. Über den Ausstieg, über den Kontakt zum Kult (ich will, ich will nicht – Herz, Kopf…) aber mir fehlt die Energie… die Konzentration…

Ich weiß dass wir grad enorm gespalten sind und die Dissoziation extrem ist. Ist mir klar. Ich weiß auch was Ari damit meinte (die letzten Tage?), dass wir „auf so verschiedenen Ebenen unterwegs sind“. Die einen von uns halten gerade täglich Kontakt zu Mitgliedern … die anderen schreiben mit Frau Honig über Träume, wieder andere beschäftigen sich mit Ari und wieder andere nur mit sich selbst und unserer Zukunft. Aber nichts von all den Gleisen führt irgendwie zusammen. Jeder macht sein Ding und ich kriege das nicht wirklich mit, nur so am Rande, im Nachhinein, als Fakten über Chats. Telefonate. Einträge. Lebhafte eigene Erinnerungen habe ich aber nur an tägliche schöne Spaziergänge und auf der Picknickdecke liegen und lesen. Erinnerungen daran mit Frau Honig und anderen Menschen Kontakt zu haben, habe ich keine. Überhaupt keine. Nur die Picknickdecke, die schönen Spaziergänge und Sonne. Die Kontakte sehe ich nur im Handy. Dieses „mehrgleisig“ fahren. Und ich kann es nicht aufhalten. Wir sind völlig zerbröselt. Die letzten Tage ging es mir damit gut. Und ich erinnere mich ja auch nur an schöne Dinge aus den letzten Tagen. Aber heute fühle ich mich wie matsch. Sehr ausgelaugt und kraftlos. Versuche irgendwie kläglich nach nem Faden zu greifen, der sowas wie ne Notbremse ist, damit das mehrgleisige Fahren aufhört, aber es ist, als würde ich auf Zehenspitzen balancieren und es würde immer noch ein Stück fehlen, damit ich diese Notbrems-Schnur erwische.

Ich will den Kontakt zu diesem Kult nicht. Aber ich will auch keine Aussage bei der Kripo am Mittwoch machen. Ich weiß eigentlich gar nicht, was ich will. Ich bin sehr durcheinander.

Ein Kommentar zu „„Mehrgleisig fahren“

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