War der Blog ein Therapie-Ersatz? [J2 + Co]

Ich (Kara) fühle mich gerade sehr im Co mit Jola, Mia, Lou und ein paar anderen, mit denen ich im Co sein kann… Da ist es manchmal schwer ein richtiges „Wer bin ich“-Gefühl zu äußern. Heute beim Spazieren gehen mit Jimmy dachte ich schon darüber nach, dass der Blog, oder viel eher das Bloggen, anders geworden ist.

Ich merke, wir schaffen nicht mehr alles aktuell zu halten, über Fortschritte mitzuteilen oder Krisen aufzuschreiben… und wir haben auch gar nicht mehr das so starke Bedürfnis danach. [Kann ich hier überhaupt von „Wir“ sprechen, wenn ich nicht das komplette System überblicke? Dann setze ich das „Wir“ mal für unser Zweier-System, das ist sowieso meistens eher so gemeint, als die anderen Systeme mit inbegriffen. Wie sie das sehen weiß ich, ganz ehrlich, überhaupt nicht].

Gleichzeitig ist der Gedanke an den Blog natürlich schon (fast) täglich vorhanden, nur das Bedürfnis sich hier mitzuteilen eben nicht mehr ganz so groß, denn mir scheint es, als hätten viele von uns das, was wir hier im Blog so dringend gebraucht haben, bei Frau Honig gefunden. Sie ist jederzeit für alle von uns erreichbar. Jeder von uns kann sich mitteilen, auf jeden wird reagiert, jeden möchte sie kennen lerne und noch dazu fühlt sich das so viel besser an, als einfach hier im Blog zu schreiben. Sie reagiert. Und ich denke, das ist ein wesentlicher Unterschied zum Bloggen oder persönlich in Kontakt gehen. Mal abgesehen von Kommentarfunktionen, aber das ersetzt finde ich kein persönliches in Kontakt Gehen (und außerdem hält sich unser Blog ja bekanntlich nicht durch unsere Kommentare im Überfluss aufrecht, sondern hauptsächlich, weil uns wirklich das Schreiben guttut. Deswegen bedauern wir auch nicht so arg, dass wir hier (in Anbetracht der Aufrufe) wirklich sehr wenig Reaktionen erhalten). Sonst würden wir da schon explizit drum bitten, denke ich.

Und obwohl WordPress ja eine Blogger-Plattform ist, haben wir das (wirklich) vor vier Jahren A) gar nicht kapiert und B) es nicht als solches empfunden [JA, trotz unserer jungen Generation 😀 ]

Es hat einfach gutgetan zu schreiben und als wir gemerkt haben, es lesen Menschen und nehmen teil, war das eine ganz andere Erfahrung. Die uns schon über viele Jahre lesen haben unseren Therapieweg ja mitbekommen. Er war der reinste Horror und ich muss selbst für mich-uns einstehen und fürsorglich umgehen, denn unser Misstrauen gegenüber Ärzte und Psy-Menschen ist alles andere als unbegründet. Jegliche Kontakte bis auf zwei Ausnahmen waren übergriffig, entwürdigend, verachtend und zu allerletzt im Aufenthalt in der Geschlossenen vor zwei Jahren auch noch (re)traumatisierend. [Über vier Monate lange sexuelle Belästigung von einem Mitpatienten, was wir nicht als solche verstanden haben, psychischer Terror von ein, zwei Pflegern (Anschreien, beleidigen, Müll auf unser Bett werfen, Mund verbieten – JA, von Pflegern), die Verweigerung auf Hilfe seitens der Oberärztin und das trotz Gutachten einer Gerichtsmedizinerin und Erpressungen und Verdrehungen]. Ich zähle das nicht auf, um in Mitleid zu baden, für mich ist das emotional sowieso sehr entfernt, sondern um in extremer Kurzfassung die Begründung für unser tiefstes Misstrauen in diese „Fachmenschen“.

Vor allem durch die vielen Schädigungen von genau solchen Stellen, in denen man Unterstützung in der Heilung oder im Fortschreiten erwartet, war das Bloggen hier unendlich stützend und haltgebend, auch wenn wir bis vor eineinhalb Jahren mit so gut wie niemandem in dieser Bloggerwelt in Kontakt getreten sind. Es tat gut zu merken, dass da Menschen sind, die mitlesen und wirklich teilhaben an dem, was wir schreiben. Das war alles, was wir nie erfahren haben in unserem Leben.

Jetzt ist da aber eine Frau Honig… und ich habe das Gefühl, sie ersetzt so viel gerade in unserem Leben. Sie nimmt nicht nur teil, sie reagiert auf uns-alle! Wenn es uns nicht gut geht, wenn wir in Not sind, ist unser erster Gedanke nicht mehr der Blog, wie es das früher irgendwie war, sondern unser aller erster Gedanke gilt Frau Honig. Natürlich ist es anders… natürlich wird vor jeder SMS abgewogen, ob sie wirklich angeschrieben werden soll, ob es nicht zu viel wird, das ist natürlich ein großer Unterschied zum Bloggen. Hier ist es uns egal wie viel wir schreiben. Man macht sich keine so großen Gedanken darum. Ein Blog kann ganz ohne Befürchtungen zugespamt werden. Aber genau diese Erfahrung machen wir aktuell auch mit Frau Honig. Sie war in unseren größten Nöten da. Auch das „Zwischensystem“, für das wir oft keinen Namen hatten, weil sie sich selten mit Namen vorstellen, hat über die Weihnachtstage einen Bezug zu Frau Honig gehabt. Sie war nicht wie aus dem Kopf radiert. Sie existiert nicht nur einmal wöchentlich in einem finanzierten Praxisraum, sondern sie ist täglich in unserem Kopf präsent, wie ein kleiner Fels in der Brandung. Dass dieses Dasein von ihr sogar beim Hanna-System (Team Hanna wird sie hier genannt, weil da bis auf Hanna noch keine anderen Anteile bekannt sind), wahrgenommen wurde, zeigt eigentlich nur, wie unendlich heilsam dieser Mensch für uns ist.

Wir haben dabei noch ganz klar im Kopf, dass sie eine Therapeutin ist und nicht das ersetzt, was wir irgendwann selber hinkriegen müssen, aber im Moment und solange wir bei ihr in Therapie sind, ist sie das, was wir noch nicht für uns sein können. Sicherheit, Klarheit, Ruhe… vielleicht sogar ein bisschen Kraft und Mut… Sind schon echt große Dinge im Leben, die, glaube ich, sogar Menschen die vierzig Jahre älter sind als wir, noch nicht für sich selbst sein können. Ich gehe auch nicht davon aus, dass man das in allen Lebenslagen für sich selbst sein kann. Aber ich glaube fest daran, dass es irgendwann zumindest in Nöten gehen wird, auch da ist Frau Honig mir-uns ein großes Vorbild.

Ich erinnere mich an einen Tag, an dem wir sehr in der Not waren… was war das? Ach ja, da habe ich gar nicht so wirklich dran teilgenommen… Aber es ging um eine Freundin die Schwanger ist und dringend Schutz braucht… ihr wurde es von außen verwehrt (mal wieder, mal wieder, mal wieder, sagt es da in unserem Kopf) und wir fühlten uns so in unsere Situation vor zwei Jahren versetzt, diese unendliche Hilflosigkeit, die Verzweiflung die Frage zu stellen… ist es für uns beide besser (Baby und mich), wenn ich mich einfach umbringe? Unendliche Verzweiflung. Nach der Wut über die Absage (obwohl zuvor eine Zusage kam), kam eine so überwältigende Traurigkeit… ich glaube wir haben viel mit Weinen und mit viel Adrenalin verbracht, während wir Frau Honig Texte hinter Texte geschrieben haben. Von Wut bis Verzweiflung und als sie UNS für unsere Freundin helfen wollte, dann auch noch riesige Dankbarkeit, ich glaube vom Emotionsspektrum war so ziemlich alles dabei an jenem Tag – Worte und Tränen der Wut, dann Tränen der Verzweiflung, dann aus Fassungslosigkeit und Dankbarkeit wegen Frau Honigs Hilfsbereitschaft… (das war am Freitag letzte Woche, erinnere ich gerade,… denn ich kann Mia sehen, die mit einem ihr völlig fremden Thema (eben Schwangerschaft und Schutzlosigkeit) in der letzten Körper Therapie Stunde saß…)

Am Abend fragte sie jemand von uns, ob sie heute sehr gestresst oder vollgeschrieben wurde von uns. Ob es zu anstrengend war. Darauf antwortet sie, nein, überhaupt nicht. Was wir erst als Ironie aufgefasst haben. Es war wirklich sehr dramatisch… Aber sie sagte, nein, ganz ehrlich, sie sei tiefenentspannt… Was für uns so völlig unglaubwürdig und absurd klang, dass wir darüber lachen mussten. Aber sie erklärte es. Sie hat da eben ihren Ausgleich, der sie scheinbar wieder in ihre Mitte bringt. Ich weiß auch welcher das ist. Und auch DAS hat was mit uns getan. Die Erfahrung, dass jemand nicht überfordert ist-war mit uns(erer) Situation, der sich nicht hat in Stress fallen lassen… Ich weiß, dass wir schnell Verantwortung für andere übernehmen, wenn wir merken, sie sind überanstrengt mit uns. Bestes Beispiel hierfür war Gw. Die Kleinen in unserem System haben sie geliebt, zum Spielen, fürs witzeln, liebevolle Gespräche führen… Aber in den größten Nöten war sie nie ein Ansprechpartner weil wir selbst im Alltag ihre überforderte Sorge spürten.

Frau Honig ist auch oft besorgt und sie sagte auch, es sei schwer auszuhalten wenn sie (A und Frau Honig) Verletzungen an uns entdecken, aber wir spüren, dass sie das nicht aus dem Gleichgewicht bringt. Sie wirkt einfach so unendlich stark, auch wenn ich weiß, dass sie das ganz sicher nicht immer ist, aber sie gibt diesen Halt, der uns so gefehlt hat im Leben, und den wir auch annehmen können, weil sie nicht umkippt, wenn wir Halt bei ihr suchen… Ebenso wie bei A., auch wenn die Beziehung zu ihr noch einmal eine andere Nummer ist. Für die finde ich nur noch keine Worte, weil das (für unser System) so ein plötzlicher Sprung war. Gefühlt gestern war sie „nur“ eine Bekannte die auch hier in der Einrichtung arbeitet… und „plötzlich“ ist sie mit Frau Honig an der Seite für uns da. Und zwar wirklich … wie nannte die Reittherapeutin sie? Wie ein kleiner Schutzengel?

Eigentlich sollte man meinen „Meeeensch Miii du hast jetzt sooooo eine gute Basis um den Ausstieg zu schaffen“… das stimmt, gebe ich voll und ganz recht. Mit den beiden Menschen an meiner Seite fühle ich mich gerade stärker denn ja. ABER… es macht das System schwächer und angreifbarer als je zuvor (seitens der Täter)… das sind eben all die Sachen, die ich-wir hier öffentlich nicht mehr wirklich mitteilen.

Einerseits weiß ich, es gibt da viele Betroffene die uns lesen und sich bestimmt dafür interessieren, wie wir voran kommen, andererseits fehlen die Worte um öffentlich zu erzählen, was „im Hintergrund“ (ja, im Grunde enorm an psychischer und … teilweise auch körperlicher Gewalt) geschieht, … und ganz ehrlich, wir machen ein Schritt vor und zwei oder drei Schritte zurück, so ist das nun einmal… aber durch die Unterstützung die wir haben schaffen wir es auch erneut den einen Schritt noch einmal nach vorne zu setzen, mehrmals, bis wir die zwei-drei Rückschritte wieder aufgeholt haben. Wir brauchen einen unendlich langen Atem und viel Durchschnaufpause. Und Zuversicht… aber die sind gerade Frau Honig und A. Und ich finde so ist das gerade auch völlig okay. Wir sind echt noch jung. Und so sehr unser Alter uns auch oft im Weg steht, weil man eben oft reduziert wird darauf… haben wir gerade damit den Vorteil, dass wir noch ca 70 bis 80, je nachdem wie alt wir werden 😀 Jahre haben, um zu heilen… und irgendwann für uns selbst das sein zu können, was heute im Moment A und Frau Honig für uns sind.

– und da ich im Schreiben Kara irgendwann abgelöst habe, Grüße von Jola (& Co)

 

4 Kommentare zu „War der Blog ein Therapie-Ersatz? [J2 + Co]

  1. Oh wow! Ich bin so so so froh und ich freue mich unendlich sehr für euch, dass ihr diese tolle Therapeutin (und A.) habt und wirklich beginnt da Vertrauen zu fassen und anzukommen.
    Das gilt sicher nicht für alle von euch, das ist klar aber es ist ein Riesenschritt.

    Und verständlich, dass sich dadurch noch mal neue Risiken und Verunsicherungen ergeben auch durch die Täter.
    Aber es ist immerhin ein Schritt und ein verdammt großer.

    Gefällt 3 Personen

  2. Das ist so, so schön zu lesen und wir freuen uns wirklich sehr für euch, dass ihr A. und Frau Honig an eurer Seite habt. Ich weiß noch genau, dass das vor einiger Zeit noch ganz anders war und ihr ziemlich alleine gelassen wurdet von euren damaligen “Helfern” und das tat uns sehr leid. Deswegen sind wir wirklich erleichtert, dass das inzwischen anders ist. 💙

    Gefällt 2 Personen

  3. Wir sind so froh zu lesen, dass ihr jetzt endlich eine gute Unterstützung habt.
    und wir können verstehen, dass ihr das hier nicht mehr alles so schreibt. und trotzdem wäre immer noch und immer wieder ein ort, wo ihr etwas lassen könnt, egal wann und wie.
    Der Blog löst sich ja nicht einfach auf…
    Wir sind aber froh, dass ihr Frau Honig und A. jetzt habt, zu der ihr Vertrauen fassen könnt!

    Gefällt 2 Personen

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