Ich dachte ich weiß, wer ich bin, aber ich lebe ein ganz anderes Leben

Ich wusste wo ich hin muss. Das wusste ich schon, als ich in meiner Heimatstadt mit Jimmy in den Zug stieg. Und ich habe mich auch in den Spiegelungen der Fenster im Zug wiedererkannt. Es tat so gut sich zu sehen und zu sagen: Ja, ich weiß wer ich bin. Jimmy zu meinen Füßen, um uns herum ein paar Rückreisende, aber keine Betrunkene. Bewundernswert, aber es ist ja auch Sonntag.

Doch dann kam ich hier an. Im sogenannten HDB. Und schon da merkte ich, irgendwas „spinningt“ in meinem Kopf. Mir war das alles so fremd. So unbekannt. Und als ich mit Jimmy die Treppen hochging und mich im Bad noch bettfertig machte und da in den Spiegel schaute und die Klammern aus meinen (huch, hellbraun?) Haaren nahm und sie mir so ins Gesicht fielen, dachte ich… Ja, so sehe ich aus. Nicht wie fünfzehn, verdammt nochmal. Wieso sagen alle, ich sehe so viel jünger aus? Ich finde, ich sehe total meinem Alter entsprechend aus. Okay, +/- zwei, drei Jahre. Aber das kann doch jeder von sich behaupten. Es ging aber nicht nur ums Aussehen. Ich fühl(t)e mich auch meinem Alter entsprechend. Und irgendwie ging es mir gut damit, und gleichzeitig, wie ich in den Spiegel schaute und mich betrachtete und mein Kopf endlich die Verbindungen schaltete, dass ich hier im HDB bin, dass das eine extern betreute WG ist und mir nach und nach die Infos sickerten, wieso ich überhaupt hier bin, wurde ich plötzlich traurig und fühlte mich nicht mehr meinem Alter entsprechend. Eine Zwanzigjährige sollte doch schon lange ihr Leben voll im Griff haben. Was suche ich hier, habe ich mich gefragt? Ich fühle mich so fehl am Platz.

Und dann betrat ich mein Zimmer. Ein Bett voll mit Kuscheltieren, eine Couch, auf dem ein Bär sitzt, der fast so groß ist wie ich. Irgendwas passt hier nicht. Ich erinnere mein Zimmer einfach nicht. Ich bin ganz wo anders, fiel mir auf. Mein… ja, was? Mein Gehirn wusste irgendwie nicht, dass mein Zimmer so aussieht, nein, ich kenne es so nicht.

Ich bin ganz durcheinander. Ich fühl mich wie ne Zwanzigjährige in einem fremden Teenie-Zimmer, obwohl ich weiß, dass es meins ist.

Ich bin sehr müde und habe gerade kaum die Kraft, das alles zu verstehen.

Aber irgendwie bin ich wahnsinnig traurig. Und es macht mir ein bisschen Angst. In meinem Kopf ist da noch mein eigenes Appartement, in dem ich mit 18 gewohnt habe. So lange ist das doch nicht her, denke ich. Oder doch? Und so gesehen war mir ja schon beim Ausstieg aus dem Zug so komisch. Weil Intuitionen in mir zwar das Taxi Richtung HDB bestellten, aber ich im Kopf die ganze Zeit dachte… nein, wir müssen den Berg da hoch und in mein Appartement, wo die Kaninchen auf mich warten.

Aber dieses Appartement gibt es nicht mehr. Und auch die Kaninchen nicht. Aber es gibt Jimmy. Und obwohl ich nicht erinnere, wie wir zueinander kamen, weiß ich, er ist da. Er ist real, er ist vertraut.

Dann habe ich mich ins Bett gesetzt… Und ihn fest umarmt und gesagt: „Ich liebe dich. ich bin so glücklich, dass ich dich habe.“ Er ist irgendwie das einzige Vertraute gerade in diesen fremden vier Wänden und in dieser (für mich) fremden Zeit. Ich bin verwirrt….. ich fühle mich gerade sehr haltlos.

Ein Kommentar zu „Ich dachte ich weiß, wer ich bin, aber ich lebe ein ganz anderes Leben

  1. Pingback: Frau Honig #2

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s