„Als hätte ich nen anderen Namen,…

…nur, weil ich ne andere Gehirnregion bin?“

aus unserem Kommunikationsheft von jmd von uns, der nach einer Stunde bei unserer ehem. Frau Thera wieder aufgebracht war, nach ihrer Frage: „Wer ist jetzt da? Mit wem rede ich?“

Ich glaube gestern/vorgestern(?) erwähnten wir ja kurz, wie sehr wir seit einigen Monaten die ganzen Begriffe, die zum DIS-Spektrum dazugehören, hassen. Bzw. sie mindestens kein bisschen ausstehen können. Bezeichnungen wie „Anteile“, „Switch“, „Wechsel“, „vorne sein“, „innen sein“, „innere Kommunikation“ (okay, das geht noch), „Wer ist da?“, „DIS“ (und auch ausgesprochen), „Erinnerungslücken, Zeitsprung, Blackout“, versuchen wir schon lange zu vermeiden. Genauso wie wir Anmerkungen von Mitbewohnern vermeiden, die gefühlt fast jeden Tag auftauchen. „Ich weiß nicht, mit wem ich gesprochen hab, aber eigentlich hab ich dir das schon drei Mal erzählt“ oder „Aha, mit Schinken?“ (Pizza Hawaii). Und ich: „Ja, wieso?!“ (und steck mir genüsslich nen Schinken in den Mund, den ich von der frischen Pizza von den Italienern geholt habe). Mona ist amüsiert: „Okay, letztens hast du dich noch darüber aufgeregt, dass du ständig Schinken auf der Hawaii Pizza hast, obwohl du Schinken hasst und eher Margherita mit Ananas bestellst… oder keine Ahnung, mit wem ich da geredet habe.“

VERMEIDUNG. Also wir nur so: „Okay.“

Gehen aber nicht weiter auf das Thema ein. Vermeide auch Sachen, wie wenn in unserem Kühlschrank Tomaten stehen (viele, frische Biotomaten), wo ich Tomaten doch eigentlich hasse. Vermeide die Auseinandersetzung damit. Genauso wenn (selten, aber dennoch), Finn meint: „Gestern warst du aber nicht, du, oder?“… und wir nur schulterzucken… „Also da hat man das schon krass gemerkt.“

Oh, toll. Großartig. Danke. Weil wir das ja so gern hören. Weil das ja so angenehm ist.

Wir haben ja erzählt, dass wir manchmal Sprachaufnahmen von der Therapie gemacht haben. Eigentlich, damit wir wissen, was besprochen wurde. Aber im Grunde habe ich mir das nie angehört. Nie. Weil es furchtbar ist, wenn man selber hört, wie man wechselt… plötzlich ein anderer Zustand ist.  Wenn plötzlich ne zwanzigjährige Stimme wie ne zehnjährige Stimme klingt, wenn gelispelt, plötzlich gestottert oder GANZ anders gekichert oder gelacht wird. Nein, das ist nicht im geringsten „interessant“ oder „spannend“. Es ist einfach nur unangenehm. Es ist peinlich und unangenehm und jeden Tag habe ich Angst davor, dass diese Zustände – die so extrem auffallen(weil wir haben ja auch viele, bei denen es kein bisschen auffällt)  – auch mal wo anders sich ihre Zeit nehmen. Stellt euch mal vor. Beim Einkaufen! In der Stadt! In der Arbeit! Bei Veranstaltungen! Gott im Himmel, es ist furchtbar. Es ist ja schon unangenehm das von Mitbewohnern zu hören, aber da ist es einfach nicht vermeidbar. Ich weiß schon, dass bestimmte Innies Zustände von uns sich im Zimmer verkriechen oder spazieren gehen, damit wir nicht „erwischt“ werden. Weil das einfach nicht angenehm ist. Und dann kann man sich ja vorstellen, dass erst Recht unangenehm ist, wenn jemand fragt: „Wer ist gerade da?“ (von Thera bis Betreuer oder Beratern, die von der Diagnose wissen).

Letztes Jahr war das ja irgendwie neu. Dass das jemand überhaupt erkannt hat. Ganz neu war dann natürlich auch das Fragen nach „Wer ist gerade da?“ und da haben wir uns noch nicht getraut zu sagen „wir wollen das nicht sagen“. Okay, das machen wir selbst jetzt noch nicht, weil auch das zu einem der Begriffe/Sätze gehört, die wir gerade nicht leiden können, weil das ja auch nur wieder zeigt, DASS da mehrere sind, in uns. Aber zumindest kriegen wir es jetzt schon ziemlich lange hin (und seitdem immer), einfach den Kopf zu schütteln, wenn diese Frage gestellt wird. Oder zumindest die Schulter zu zucken.

Mir fällt grad noch was bei Frau Honig ein, kommt aber grad nur so als Sequenz in meinen Kopf gespuckt … (das war wohl der Teil, den ich nicht mehr mitgekriegt habe)… ich schätze, sie fragte den 2. Zustand in der Stunde… ob er schon… einige von uns kennengelernt hat? War das echt Frau Honig? … mir kommt da was bekannt vor. War das wirklich Frau Honig am Mittwoch?… puh. Aber zumindest – wenn es Frau Honig war – wurde da wieder nur beschämt und mit zusammengepressten Lippen die Schultern gezuckt und Frau Honig meinte: „Schon okay, darüber müssen wir ja jetzt auch nicht reden.“

Denn letztes Jahr haben ja dann einige von uns sich Namen gegeben. Sich vorgestellt. Aber immer mehr hat sich das nicht gut angefühlt. (Deshalb haben wir alle diese Einträge ja auch gelöscht, in denen wir versucht haben zu analysieren, wer wer ist. Weil wir dachten: Oh, ne gute Idee um Leser und uns kenntlich zu machen, wen es so von uns gibt und wer grad schreibt. Aber eigentlich WOLLTEN WIR DAS GAR NICHT. Eigentlich hat sich das nie richtig angefühlt. Wir wollen nicht, dass Leser unterscheiden können, wer grad schreibt – ich glaub, es fällt eh schon ausgesprochen häufig auf, dass immer mal andere Zustände schreiben – aber es braucht keinen Namen, keine Unterscheidung. Wir mögen das nicht. Wollen wir nicht).

Und irgendwie lesen wir ja oft, dass Betroffene oder auch bei Fachbüchern steht, dass Anteile Zustände, einfach nur gesehen und erkannt werden wollen. Das ist bei uns aber nicht im geringsten der Fall. Ja, von uns wollen sie vielleicht nicht geleugnet werden. Aber WIR leugnen uns ja auch nicht. Aber auf keinen Fall wollen sie/wir, dass unterschiedliche, aktive Anteile Zustände erkannt werden. Es fühlt sich nicht.gut.an!

Ich weiß nicht, viele von euch, die mit uns im Mailkontakt sind, merken vielleicht auch, dass wir nie-NIE mit „Liebe Grüße … Mii“ unterschreiben, sondern dass wir das „liebe Grüße“ entweder ganz weglassen, oder nur „Liebe Grüße“ hinschreiben. Weil wir sind nicht alle „Mii“, auch wenn wir alle darauf hören. Mii ist für uns… die, die den Blog hier angefangen hat. Vielleicht sogar die, die den anderen Blog vor sechs Jahren angefangen hat. Der Körper, vielleicht oder die Hülle, die man ansprechen kann, auf die wir ja alle hören. Aber diese Mii ist so weit von mir entfernt, dass ich mich nicht mit der identifizieren kann. Und gleichzeitig höre ich aber natürlich auf Mii (also Mii ist hier als Platzhalter für unseren echten Namen, das wisst ihr ja aber?). Und auf etwas anderes würde ich gar nicht hören wollen. Natürlich könnte ich mir einen Namen geben. Aber das WILL ich gar nicht. Ich will nicht erkannt/unterschieden werden von anderen von uns. Also klar, für uns selbst ist das schon praktisch und im Kommunikationsheft probieren wir das ja auch, dass wir uns Namen geben, damit wir uns untereinander besser ansprechen können. Aber nicht nach außen. Nicht gegenüber von anderen Menschen. Und es ist egal ob es Freunde, Bekannte, Familie oder Therapeuten oder Betreuer sind.

Wir mögen das nicht, wir hassen das. Wir hassen es auch, wenn jemand erkennt, dass wir wechseln/gewechselt sind plötzlich in nem anderen Zustand sind und dann sagt: „Ah, jetzt ist jemand anderes da“, was wie ne unterschwellige Frage klingt und sich als Apell richtet, dass wir uns vorstellen sollen. Sowas Behindertes. Wir hassen es. Und da fällt mir doch grad noch etwas von Frau Honig ein (noch ein Pluspunkt): Als wir bei ihr eben von einem Zustand in den anderen sind, da hat sie durch irgendwas das wohl auch gemerkt, und sie sagte nur: „Ist okay, schau dich ruhig um. Das ist mein Zimmer.“ Sie hat nicht kundgegeben, dass sie den anderen Zustand erkannt hat (woran auch immer).

Und klar ich weiß, dass nicht alle von uns keinen Namen haben. Es gibt da Lämmchen/Querida die wir ja auch öffentlich manchmal nennen. Oder Fliege, die wir manchmal nannten. Aber das ist etwas ganz anderes. Weil Querida ja von damals ein Spitzname war, den uns F, der Bäcker aus dem Nachbarsdorf, gegeben hat, den wir ja so liebten und der wohl Lämmchen/Querida als Zustand getriggert hat. Aber Querida ist ja kein traumatisierter Zustand, versteht ihr. Sie hört nur auf den Namen/der Name ist uns nicht unangenehm, weil der eben ein ganz „normaler“ Spitzname ist, auf den halt eben nur einer von uns hört. Den wir aber ja selbst für sie auch bezeichnen. Ich weiß nicht, ob das jetzt verständlich war.

Aber es gibt so viele Namen, die wir ja letztes Jahr notiert haben, unserer Thera zu Liebe, nur um „Steckbriefe“ zu erstellen. Und im Nachhinein denke ich mir, wie doof das war. Steckbriefe. Himmel. Namen für Anteile. Als würden wir hier von irgendeinem Film oder Buch sprechen, in denen erst Charakter entwickelt werden müssen. Als würden wir auf so lächerliche Steckbriefe reduziert werden.

Ich weiß nicht, wie blöd wir sein konnten, dass wir das wirklich getan haben. Es hat sich wirklich nicht gut angefühlt. Und ich bin froh, dass wir diesen Gefallen jetzt niemandem mehr machen. Und das so auch sagen/mit einer Geste (Kopfschütteln, Schulterzucken) zeigen können. Nein, wir wollen darauf keine Antwort geben.

 

Ich weiß nicht, wie das bei euch ist? Fühlt ihr euch auch so furchtbar, wenn ihr im Außen erkannt werdet? Für uns fühlt sich das sehr „ertappt“ und beschämend an. Was löst das bei euch aus? Oder seid ihr vielleicht sogar froh, dass ihr mal von außen Menschen gesehen werdet?