Widerliche Körperempfindungen

Darunter zählt vor allem eine, die mich auch sofort in eine Dissoziation schießt. Diese ist eine, die ich absolut hasse. Sie ist nicht wie andere, die meistens unentdeckt beim Spazierengehen kommen, wie als plötzlich meine Füße so höllisch wehtun, dass ich nicht mehr weiterlaufen kann (Phantomschmerzen) oder die „Messerstiche“ in das Unterleib. etc. pp. (also mit „unentdeckt“ meine ich, dass die selten in der Öffentlichkeit oder vor anderen Menschen passieren – also meistens eher wenn ich alleine bin)

Sondern da gibt es diese eine Körperempfindung die mich meist aus heiterem Himmel überfällt. Ich wollte gerade sagen, „wo sie will“, aber das stimmt nicht. Eigentlich überkommt die mich nur in der Arbeit.

Gerade passierte es auch.

Heute geht’s mir sehr gut. Irgendwie. Bin mit *Mona (haben wir der 40-Jährigen Mitbewohnerin schon einen Pseudonym gegeben?!) in die Arbeit gelaufen, dort beim Kaffee machen sind wir uns auch nochmal über den Weg und da meinte sie auch: „Du bist schon so ein kleiner Sonnenschein, oder?“ Ich weiß, das Thema gabs hier schon oft. Dass ich irgendwie überall das „Sonnenkind“/ein „Sonnenschein“ genannt werde. Meist aber eben von Leuten, die nicht viel von mir kennen (DIS, Trauma und so). Bei ihr hatte das heute einen ganz anderen Wert. Mona weiß ja von der DIS – wir haben ja in irgendeinem Eintrag schon einmal erwähnt, dass wir da viele, lange und intensive Gespräche führten, weil sie ein sehr sensibler und feinfühliger Mensch ist und ihr diese „verschiedenen Zustände“ schon aufgefallen sind, sie aber nicht wusste wie sie damit umgehen soll etc.

Mona ist auch eine sehr kluge Frau und eine sehr interessierte Frau. Sie hat sich natürlich auch informiert und wir fühlen uns bei ihr recht sicher und vertraut. Es ist von keiner Seite irgendein Unbehagen da oder das Gefühl, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben, sie in das Thema Täterkontakt und DIS usw. einzuweihen.

Wir erwähnen Mona eigentlich selten im Blog, aber haben fast täglich mit ihr Kontakt und sie spielt auch eine eigentlich „größere“(= erwähnenswertere) Rolle, aber irgendwie ist so viel Innendrinnen los an Erkenntnissen usw. dass wir gerade nicht dazu kommen unser „Außen-Alltag“ zu berichten. Jedenfalls, nur zum Update: Mona ist nicht plötzlich vom Himmel gefallen und wir haben uns nicht plötzlich „best friends“ mit ihr gefühlt. Da hat sich im letzten Monat viel aufgebaut.

Also zurück:

Wir sind heute wirklich gut gelaunt. Ich fühle mich gestärkt. Ich traue mich sogar zu sagen, dass WIR uns gestärkt fühlen. Klar machen all die Erkenntnisse die Gefahr und Ängste reeller, greifbarer und präsenter, aber gleichzeitig habe ich das Gefühl, endlich zumindest eine Zehenspitze den Tätern voraus zu sein. Selbst wenn sie uns noch viele weitere Schritte weit, weit, weeeeeeit voraus sind, fühlt sich diese Zehenspitze so bedeutend und kraftvoll an.

Nun, als ich heute mit großen CD Unterlagen unten bei einem Kollegen stand, weil ich ihn darum bat mir das auf DIN A4 zu kopieren, passierte das beim Warten plötzlich. Aus heiterem Himmel.

Es war wie ein ganz ganz unangenehmes Zusammenziehen in der Magengegend. Als würde der Magen wie ein Schwamm ausgedreht werden und als würde sich dieses Drehen bis in die Brust ziehen. Dieses Gefühl ist dann irgendwie … nicht direkt mit Ekel verbunden, aber mit irgendwas in der Richtung. Mit einer extremen Beklemmung. Ähnlich, wie wenn man in eine Kiste gesperrt wird in der die Luft ausgeht (falls sich das jemand, der das noch nicht erlebt hat, überhaupt vorstellen kann) … oder stellt euch vor, wie in eine Plastiktüte zu atmen. Und dazu kommt dann die Körperempfindung im Intimbereich. Ein seltsames Ziehen/Zucken/Verkrampfen. Also ein sehr, sehr unangenehmes Gefühl, bei dem mir ganz arg schlecht wird.

Weil diese Körperempfindung immer so plötzlich auf mich einschlägt und mich nicht drauf vorbereiten kann, verfalle ich sofort in eine Dissoziation. Irgendwie, irgendwann komme ich da wieder raus. Schwer zu erklären. Also, es ist keine auffällige Dissoziation. Für die Leute um mich herum stehe ich halt dann einfach da und vermutlich macht es den Eindruck, als wäre ich „tief in Gedanken“ oder so.

Ganz furchtbar. Gott sie Dank ist es jetzt wieder weg.

Finde zu der Körperempfindung keine Erinnerungen oder Verbindungen. Das ist zurzeit, was ich oft mache. Verbindungen zur Vergangenheit suchen. Ursachen suchen. An Wänden in meiner abgespalteten Welt im Innen kratzen und hoffen, dass mir irgendein Anteil Zugang gewährt. Ist echt sauschwer. Viele Wände sind einfach fett. Ich bin ja überzeugt, dass ein sehr großer Teil davon beiträgt, dass ich mit der „Krankheit“ besser leben kann irgendwann. Also, die Verbindungen vom Jetzt und dem Damals zu finden. Bzw die Ursachen für Schmerzen, Flashbacks, Trigger usw. zu finden. Das ist so wie mit der Alarmanlage der Feuerwehr, bei der wir uns bis vor einem Jahr noch reflexartig auf den Boden geschmissen, die Ohren zugehalten haben und anfingen zu zittern. Todesängste.

Seit wir wissen, womit wir diesen Ton in Verbindung bringen – das kann ich euch gerne sagen (gleich) – seitdem kommt zwar noch das Herzrasen, der Puls steigt, und diese unerträgliche Angst ist immer noch da, aber wir haben mehr Kontrolle über den Körper. Zumindest können wir uns seitdem beherrschen, uns nicht auf den Boden „fallen zu lassen“ (so sah das dann nämlich eher aus) und anfangen wie durchgedreht zu beben und wimmern vor Angst.

Die Verbindung kam daher, dass wir als Kind an einem Ort, wo in der Nähe eine Feuerwehrstation war (naja gut „Nähe“ ist relativ, den Alarm hört man ja echt bis in weite Entfernungen). Es gibt einige Erinnerungen, wo wir missbraucht wurden (mit Folter, nicht unbedingt mit sexuellen missbrauch verbunden, sondern wirklich eher körperlich, gewalttätig… und auch eine bei der uns der Kopf unter Wasser gehalten wurde)… und während diesen Erlebnissen war eben immer wieder mal Feuerwehr-Probealarm (nehme ich an). Zumindest erinnere ich dieses Geräusch dazu im Hintergrund. Hat aber echt gedauert, bis ich das zusammengefügt hatte, weil bei Erinnerungen an diese Missbrauchs-Erfahrungen höre ICH bewusst eigentlich vor allem (ganz krass) das Wasser, bzw Unter-Wasser-Sein und das dagegen kämpfen (das ist ULTRAlaut!!!! – also, wenn man ungewollt unter Wasser getaucht wird und dagegen ankämpft) und bei der anderen Erinnerung wo wir nicht unter Wasser getaucht werden, da höre ich immer dieses Geräusch, wenn Feuerzeuge angezündet werden. So ein „sssp, sssp“ – ihr wisst schon. Alles andere ist stumm. Keine Stimmen der Täter, meine eigene Stimme auch nicht – nur diese zwei Geräusche. Die dafür aber ganz bewusst und bis heute noch ganz klar.

Es hat gedauert, bis ich Zugang zu dem Anteil gefunden habe, die diese Erlebnisse miterlebt hat (ich bin nämlich defintiv nicht der Anteil, der sie emotional erlebt hat, denn ich kann darüber problemlos und völlig objektiv/von mir -HA- abgespaltet erzählen). Dieser Anteil der emotional damit verbunden war, hat aber eben den Alarm im Hintergrund hören können (an den ICH mich nicht mehr erinnert habe). Seitdem habe ich das Gefühl, als würde in solchen Momenten ein Co-Bewusstsein zwischen mir und jenem Anteil existieren. Für Leser die es bildlich mögen (ich auch, übrigens) – Wenn jetzt der Alam losgeht, ist es, als würde dieses Innenkind zu mir rennen, sich an meinen Arm klammern und als würde ich es stützen, sich nicht reflexartig auf den Boden zu schmeißen und anfangen halb „fast zu sterben“. Die Todesangst (das Herzrasen etc. pp.) spüre ich zwar körperlich immer noch, aber ich habe den Körper (den Anteil?) seitdem unter Kontrolle. Also, das ging natürlich nicht von heute auf morgen – also es war nicht so, dass die Verbindung des Geräuschs mit der Erinnerung da war uns zack, plötzlich läufts wieder, aber es wurde immer besser und ist heute auf einem Level bei dem ich sage: Jup, das ist noch scheißunangenehm (weil Angst-haben mit Herzrasen usw nunmal nicht angenehm ist), aber ich kann damit leben.

Jetzt hab ich irgendwie den Faden verloren.

Ein Kommentar zu „Widerliche Körperempfindungen

  1. Solche Körperempfindungen sind furchtbar, kennen wir auch.. vor allem wenn sie so aus dem Nichts auftauchen kann man echt wenig dagegen machen. 😑

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